Hümmel: Eifler schreibt über die Gefühlspalette der Tiere

Hümmel : Eifler schreibt über die Gefühlspalette der Tiere

„Wäre es nicht meine Arbeit, so wäre es mein Hobby.“ So lautet das Motto von Peter Wohlleben, nicht beamteter Förster der kleinen Eifelgemeinde Hümmel im Landkreis Ahrweiler, der schon mit sechs Jahren wusste, was er mal werden will: Naturschützer!

Inspiriert durch den Erfolg seines Erstlingswerks, „Das geheime Leben der Bäume“, das in 30 Sprachen übersetzt wurde, will Wohlleben eine Waldakademie gründen, in der er Gedanken des Waldschutzes und der nachhaltigen Waldnutzung vermittelt. Doch soweit ist es noch nicht. Zunächst steht das zweite Buch des 52-Jährigen in den Regalen: „Das Seelenleben der Tiere: Liebe, Trauer, Mitgefühl — erstaunliche Einblicke in eine verborgene Welt“. Unsere Mitarbeiterin Gudrun Klinkhammer hat mit Wohlleben über die Gefühlswelt der Tiere gesprochen.

Waldmensch mit Leib und Seele: Peter Wohlleben aus Hümmel bei Ahrweiler. Foto: Imago/FutureImage

Herr Wohlleben, fangen wir mal mit dem Tod an. Sie beschreiben alte Tiere, die zunehmend Ängste haben, immer schlafloser werden und mürrisch und störrisch. Von Demenz ist die Rede und von Tieren wie der Ziege Schwänli, die sich ruhig zurückzieht, um friedlich für immer einzuschlafen. Ein Tier scheint zu wissen, was mit ihm los ist, wenn es zu Ende geht, warum ist das nicht auch beim Menschen so?

Wohlleben: Früher war der Prozess beim Menschen wahrscheinlich ähnlich dem, wie ihn ein Tier heute noch erlebt. Die heutige Art, wie Menschen sterben — meist von viel Technik umgeben —, ist der Preis der modernen Medizin. Die letzte, nicht selten harte, Phase mit Demenz und langer Krankheit hat es früher so nicht gegeben. Alten Erzählungen zufolge hat damals so mancher Mensch gemerkt, wann der Tod kommt. Für mich steht fest: Wenn ich mal total dement werde, dann wünsche ich, dass einer den Stecker zieht. Tiere werden auch eingeschläfert, wenn es für richtig erachtet wird. Auch die Natur kürzt die letzte Lebensphase von Tieren deutlich ab, denn schwache Tiere werden schneller Opfer von Feinden. Das auf den Menschen projiziert, da bewegen wir uns auf dem heiklen Feld der Sterbehilfe.

Fallwild, also Wild, das im Straßenverkehr umkommt, ist auch ein Thema in Ihrem Bestseller. Was muss geschehen, damit die sechsstellige Zahl der pro Jahr im Straßenverkehr in Deutschland getöteten Tiere rückläufig wird?

Wohlleben: Vor allem im Rausch der Hormone lassen beispielsweise die jungen Waldtiere in der Regel jede Vorsicht außen vor. Für Autofahrer gilt vor allem in waldreichen Gebieten, die Geschwindigkeit zu drosseln. Zum Glück hatte ich noch nie einen Wildunfall. Vor allem in der Dämmerung überschreite ich allerdings auch ein Tempo von 60 Stundenkilometern nicht.

Sie schreiben, dass Tiere zunehmend in die Städte ziehen, an den Straßenrändern Biotope entstehen. Felder dagegen gehen im Gülleregen unter. Im Wald wird der Boden durch die heutigen, mehrere Tonnen schweren Holzvollernter für lange Zeit unwiederbringlich verdichtet. Ist das wirklich so?

Wohlleben: Auf jeden Fall. Am Brandenburger Tor wurden Füchse gesichtet, und am Alexanderplatz gibt es Schweine. Häuser sind für Tiere nichts anderes als Berge. Sie finden Rückzugsorte, Futter und Menschen, von denen sie nicht gejagt werden. In vielen Städten gibt es inzwischen wesentlich mehr pflanzliche Vielfalt als auf einem Maisacker, der für Tiere nicht lebloser sein könnte. Ein gutes Beispiel sind auch Bienen, die finden in einer Stadt wie Aachen Blumen und Bäume.

An der Dreiborner Aussichtsplattform im Nationalpark Eifel stehen große Warnschilder, dass Stille oberstes Gebot ist, höchstens Flüstern ist erlaubt. Handys sollen abgeschaltet werden. Was halten Sie davon?

Wohlleben: Das ist völliger Quatsch. Wenn sich Besucher normal verhalten und auch mal Krach machen, dann wittern die Tiere keine Gefahr und bewegen sich ebenfalls ganz normal, die sind ja nicht dumm. Werden die Menschen leise, flüstern und pirschen, dann wittert das Tier einen Jäger und verschwindet lieber.

Noch mal zum Nationalpark Eifel: Was bedeutet das massive Fällen und Roden der Fichten für die Tiere?

Wohlleben: Für die heimischen Wildtiere, speziell für kleine Bodenlebewesen, die meist super sensibel sind, ist das ebenso eine Katastrophe wie für die jungen Buchen. Die Luft wird trockener, die Temperaturen extremer, das Licht verändert sich, und aus kargen Waldflächen werden in Bezug auf das Futterangebot plötzlich Wiesen und Weiden. Die Hirsche finden viel mehr Futter als vorher, vermehren sich stärker und fressen dann die kleinen Laubbäume. Den jungen Buchen, die im Nationalpark Eifel zukünftig gedeihen sollen, tut der massive Eingriff nicht gut. Sie brauchen die Fichte ebenfalls eine ganze Zeit lang als „Elternersatz“, vor allem als Schattenspender. Da sind eben Fichten besser als gar nichts. Gut und preiswert tragen Eichelhäher zur Vermehrung der Buchen bei. Sie tragen Eicheln und Bucheckern überall hin und verstecken sie. Dort kommen dann irgendwann entsprechende Bäume ans Licht.

Mit Tieren reden ist auch so ein Thema in Ihrem Buch. Wie funktioniert das?

Wohlleben: Da passiert vieles nonverbal. Wir müssen uns klar machen: Nicht nur wir beobachten die Tiere, sondern die Tiere beobachten uns auch. Daraus ergibt sich ein Zwiegespräch, das nicht selten zunächst von der Körpersprache lebt. Laute und Geräusche sind ein weiterer Ausdruck der Verständigung.

Sie sagen, dass es Menschen glücklich macht, wenn auch die Tierwelt um ihn herum einen glücklichen Eindruck vermittelt?

Wohlleben: Genau, Glück hat nichts mit der Größe des Gehirns zu tun. Der Mensch glücklich zusammen mit glücklichen Tieren, so soll es sein. Und dass auch Tiere glücklich sein können, steht außer Zweifel. Sie besitzen eine große Gefühlspalette, sogar bei Goldfischen wurden Glückshormone nachgewiesen.

Wie erklären Sie sich den enormen Erfolg, den Ihre Büchern haben?

Wohlleben: Tja, es hat mich wirklich überrannt, ich hätte das auch nie gedacht. Zunächst hieß es, das wird nur in Deutschland so sein, weil den Deutschen eine merkwürdige Waldromantik eigen ist. Doch inzwischen wurden die Bücher in 30 Sprachen übersetzt und sind weltweit zu haben. Vielleicht wird die Sehnsucht der Menschen angesprochen, vielleicht ist es genetisch verankert, der Wunsch nach Wald, Bäumen, Tieren, Feuer und einem Leben in Einklang mit der Natur. Tiere sind eben nicht nur Bioroboter, und der Wald ist kein reines Brennholzreservoir.

Wird es irgendwann auch ein Buch über Menschen aus Ihrer Feder geben?

Wohlleben: Das gab es schon, es trug den Titel „Evolution 2.0“, ist aber inzwischen vergriffen. Doch eventuell werde ich ein neues Buch schreiben, über den Menschen im Einklang mit der Natur. Das könnte die Menschen entspannter werden lassen.

Haben Sie weitere Pläne, um die Natur wieder zu ihrem Recht kommen zu lassen?

Wohlleben: Gemeinsam mit zwei Kolleginnen werde ich in Hümmel eine Waldakademie gründen. Dort können sich Interessenten schulen lassen im Umgang mit Wald und Tier. Die notwendigen Schritte dafür sind in die Wege geleitet. Ich freue mich drauf, dann mündet das ganze Wissen, das in den Büchern steht, auch wenigstens in etwas Nachhaltigem und Gutem.