Mord nach 60 Jahren Ehe: Ehemann von den Kindern gefürchtet und ohne Schuldgefühl

Mord nach 60 Jahren Ehe : Ehemann von den Kindern gefürchtet und ohne Schuldgefühl

Nach fast 60 Jahren Ehe tötet ein Mann in Rösrath seine Ehefrau. Der ehemalige Lehrer kommt wegen Mordes vor Gericht. Im Prozess gewähren die Töchter einen verstörenden Einblick in das Familienleben.

Anneliese E. verblutet in ihrer Küche in einem Reihenhaus in Rösrath. Es ist der Morgen des 4. Juni 2018. Ihr Mann Heinrich E. geht zum Telefon und wählt den Notruf. Die Polizei verhaftet den 89 Jahre alten Mann. Er soll seiner Frau mit einem Schlosserhammer auf den Kopf geschlagen und ihr dann ein Küchenmesser mit einer zwölf Zentimeter langen Klinge in Herz und Lunge gestochen haben. Fast 60 Jahre waren die beiden ein Ehepaar. Sie haben drei Töchter und mehrere Enkel.

Vor dem Kölner Landgericht musste der inzwischen 90-Jährige ehemalige Oberstudienrat sich seit fast zwei Monaten wegen Mordes verantworten. Sein Tatmotiv: Eifersucht. E. war seit Jahren geradezu besessen von dem Gedanken, seine Frau würde ihn betrügen. Doch jetzt stellte die Strafkammer das Verfahren gegen ihn ein und hob den Haftbefehl auf – „wegen dauerhafter Verhandlungsunfähigkeit“, wie die Vorsitzende Richterin Sabine Kretzschmar sagte.

Heinrich E. hat Leukämie, der Prozess in Köln stand wegen seines schlechten Gesundheitszustandes von Beginn an auf der Kippe. Der Angeklagte war kaum länger als zwei Stunden am Stück verhandlungsfähig. Er ist zudem schwerhörig und sein Kurzzeitgedächtnis ist „in erheblichem Maße eingeschränkt“, wie der Staatsanwalt sagte, der die Einstellung des Prozesses beantragt hatte.

Seine drei Töchter müssen nun damit leben, dass der Tod ihrer 88 Jahre alten Mutter ungesühnt bleibt – und dass ihr Vater wieder frei ist. „Wir verstehen, dass unsere Entscheidung für die Angehörigen schwer nachzuvollziehen ist“, sagte die Vorsitzende. Die Familie ist zerstört, keine der Töchter hat noch Kontakt zu dem Mann, vor dem sie als Kinder meistens Angst hatten, wie zwei von ihnen im Prozess sagten.

Vor Gericht ließ Heinrich E. im November zunächst über seinen Verteidiger mitteilen, er könne sich an die Tat nicht erinnern. Dem psychiatrischen Gutachter Friedrich Krull und auch einem Neffen gegenüber gab er den Mord aber zu. Schuldgefühle oder Mitleid zeigte er nie. Im Gegenteil: E. sprach verächtlich und entwertend über seine tote Frau. Im Gespräch mit dem Psychiater nannte er sie „Drecksau“ und zeigte sich überzeugt davon, sie habe nur sein Geld gewollt, um sich dann mit ihrem Liebhaber abzusetzen. Deshalb bereue er auch nicht, was er getan habe: „Da war nur unüberwindbarer Ekel“. 

„Absoluter Kontrollfreak“ 

Doch wie konnte es so weit kommen? Vor allem die Töchter des Paares gewährtem dem Gericht einen verstörenden Einblick in die lieblose Beziehung der Eltern, die im Laufe der vielen Jahre für die Mutter wohl immer unerträglicher wurde. Doch sie blieb bei ihrem Mann. „Ich kannte ihn als Kind nur als lauten und dominanten Mann. Es ging im Grunde immer nur um ihn. Er war wutgesteuert und unbeherrscht“, sagte die 52 Jahre alte Tochter. Sie erinnerte sich an eine Situation, als der Vater die Mutter gewürgt habe und alle drei Töchter sich als Kinder schützend vor sie gesetzt hätten. „Sonst hätte er sie umgebracht.“ Zitternd habe sie als Kind im Bett gelegen, wenn die Stimme ihres Vaters unten im Erdgeschoss wieder herrisch und laut wurde. „Er war krankhaft eifersüchtig, ein absoluter Kontrollfreak. Immer gewaltbereit.“

Einmal habe er den Ehering seiner Frau mit einem Hammer zertrümmert, mal warf er Essen durch die Küche oder zertrümmerte das Radio, auch habe er sämtliche Freundinnen der Mutter vergrault. „Meine Mutter war das komplette Gegenteil von ihm. Ein ruhiger Mensch, der viel ertragen hat. Sie wusste, wenn sie sich wehrt, wird es gefährlich.“ Der Vater habe das Leben der Mutter, die auch Lehrerin war, vollständig kontrolliert. Wollte er nicht, dass sie telefoniert, riss er ihr den Hörer aus der Hand, wie die Tochter sagt. Manchmal habe er sich den Kilometerstand des Autos notiert, bevor seine Frau wegfuhr, einmal habe er ein Abhörgerät installiert, um sie der vermeintlichen Affäre zu überführen. „Ich möchte betonen: Sie hatte nie einen anderen Mann“, sagte die Tochter.

Die drei Schwestern hatten im Laufe der Jahre immer wieder versucht, die unglückliche Mutter zur Trennung zu überreden. Vergeblich. „Er wird mich sowieso finden“, habe sie gesagt. Sie fühlte sich ihrem Mann aber auch verpflichtet. „Das kann ich ihm nicht antun. Ich hab 57 Jahre ausgehalten – und er lebt ja auch nicht mehr lange.“

Zuletzt hatte Anneliese E. aber wohl doch den Entschluss gefasst, in ein Seniorenheim zu ziehen – ohne ihren Mann. Mit ihren Töchtern hatte sie im vergangenen Jahr auf einer Mittelmeer-Kreuzfahrt darüber gesprochen. Am Abend des 3. Juni rief sie ihre Tochter an und sagte ihr, sie wolle nun in ein Heim. Am nächsten Morgen war sie tot.

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