Würselen-Bardenberg: „Ehe für alle“: Wie es sich anfühlt, endlich heiraten zu dürfen

Würselen-Bardenberg: „Ehe für alle“: Wie es sich anfühlt, endlich heiraten zu dürfen

„Wir sind verpartnert“, sagt Robert Reinecke (51) und lächelt seinem Partner Michael Reinecke-Desgonte (31) zu. „Klingt das nicht schrecklich?“ Das wird sich ändern, denn demnächst dürfen die beiden Männer sagen: „Wir sind verheiratet.“

Am Samstag, 7. Oktober, werden sie sogar in der evangelischen Martin-Luther-Kirche von Würselen getraut — von einem Pfarrer, der gleichzeitig Robert Reineckes Neffe ist: Pastor Horst Reinecke, der erst vor kurzem seinen Onkel entdeckt hat.

Laut Bundesinnenministerium steht schwulen Männern und lesbischen Frauen ab 1. Oktober nichts mehr im Weg, wenn sie „Ehegatten“ werden wollen, so die Sprachregelung der Ämter. Damit haben sie gleichzeitig das volle Adoptionsrecht, gibt es Regelungen beim Erb- und Finanzrecht, wie sie bisher nur heterosexuelle Eheleute hatten. „Müssen sie aber nicht“

„Verpartnerte“ Paare wie Robert und Michael Reinecke können ihren Status vor dem Standesbeamten, aber auch im Trauzimmer im Rahmen einer Hochzeitsfeier in „verheiratet“ überführen. „Das müssen sie aber nicht“, versichert Lothar Linden, Leiter des Standesamtes in Aachen. Dort wurden seit 2001 jährlich 20 bis 30 Lebenspartnerschaften geschlossen. „Es informieren sich bereits viele Bürger, wie das jetzt mit der Eheschließung funktioniert“, berichtet der Standesbeamte, der sich angesichts der aktuellen Situation um die Beurkundung der Ehe eher unwohl fühlt.

Der Frankfurter Standesamtsverlag, der im Auftrag der Bundesregierung dafür sorgt, dass alle Gesetzesänderungen zentral in die Systeme eingepflegt werden, kann es bis zum 1. Oktober 2017 nicht schaffen, etwa Urkundenvordrucke anzubieten, in denen nicht mehr von „Ehemann“ und „Ehefrau“ die Rede ist, sondern von den beiden „Ehegatten“. „Das lässt sich nicht mit heißer Nadel stricken“, meint Linden, der nun zumindest auf ein „Hotfix“ hofft, die schnelle Erweiterung eines vorhandenen Programms.

Besiegelt wird die Eheschließung aber auf jeden Fall, die „echte“ Urkunde gibt es dann später. In Stolberg sieht man die Gesetzesänderung entspannt. „Zwei Anmeldungen liegen vor“, sagt Roland Gillessen. Sechs Heiratstermine gibt es. Für Gillessen wichtig: „Ich werde an einer Herbstschulung des Fachverbandes NRW teilnehmen“, sagt er. „Wir müssen ja noch sicherer damit umgehen, wenn ausländische Partner heiraten möchten.“

Wer jetzt noch verpartnert ist, kann in die Ehe geleitet werden. Neue Verpartnerungen gibt es allerdings nicht — entweder gleichgeschlechtliche Partner heiraten oder sie leben frei zusammen. Manchmal gibt es unerwartete Situationen: „Von zwei Frauen hatte eine die Geschlechtsumwandlung durchlaufen und war nun ein Mann“, berichtet Gillessen. Die Lebenspartnerschaft wurde geschieden und das Paar heiratete — ganz konventionell.

In Heinsberg ist Thomas Franken für das Standesamt zuständig. „31 Lebenspartnerschaften haben wir seit 2002 eingetragen, überwiegend Frauen, Tendenz steigend“, sagt er. Die „EDV zu Fuß“, wie er es nennt, nervt ihn. „Da müssen wir eben noch etwas improvisieren.“ Und Standesbeamtin Ute Steg aus Düren kann von Paaren berichten, die „so schnell wie möglich“ eine Umwandlung möchten. In zwei Fällen werden konkrete Adoptionsanfragen gestellt. „Ich denke mal, erst im Oktober 2018 werden wir über alle Möglichkeiten verfügen, die üblichen Dokumente auszustellen“, sagt sie. „Aber wir erklären den besorgten Bürgern natürlich, dass alles auch jetzt schon gültig ist.“

Robert und Michael Reinecke sehen für sich die Situation entspannt. Nein, ein Kind adoptieren wollen sie keinesfalls. Aber sie wünschen sich beide eine Ehe und sie führen gemeinsam ein Bistro in Bardenberg. Michael ist noch als DJ und Sänger unterwegs, Robert, ausgebildet als Maler und Lackierer, hat ein Unternehmen für Innenausstattung aufgebaut.

Speziell für ihn endet am 1. Oktober 2017 eine Lebensphase, die mit Angst, Zweifeln und Scham belastet war. „Ich habe mich lange hinter Frauen versteckt“, sagt er nachdenklich. „Als ich jung war, haben Homosexuelle noch viel Gewalt erfahren, bis 1994 gab es zudem den Paragrafen 175, der Liebe unter Männern verboten hat.“

Je mehr er sich von Konventionen lösen konnte, umso glücklicher fühlte er sich — besonders, als ihm die Mutter bestätigte: „Ich weiß es, seit Du vier Jahre alt warst . . .“ Doch in der dörflichen Umgebung war es nicht immer leicht, als Männerpaar zu leben. Als bekannt wurde, dass da zwei Männer in einer Partnerschaft leben, meinten ein paar Leute: „Können wir denn da überhaupt noch hingehen?“ Das war schon verletzend. Oder Fragen wie: „Wer ist denn bei euch die Frau und wer der Mann?“

Nach einigen Beziehungen lernte Reinecke bei gemeinsamen Freunden Michael kennen, der Bürokaufmann stieg zunächst beruflich bei ihm ein. „Für mich war das alles gar nicht so stressig“, meint der heute 31-Jährige. „Die Vorurteile waren doch schon weit geringer.“

2013 kam Roberts entscheidende Frage: „Sind wir ein Paar oder nicht?“ Michael lacht. „Na ja, eifersüchtig warst Du schon.“ Er war einverstanden und freute sich 2015 über die „Verpartnerung“ und den Satz: „Gut, dann sind wir ein Paar.“

Popschlager singen, Kochen, Essen, Oldtimer, eine gepflegte Umgebung — das lieben sie beide, das macht sie stark und kreativ in den unterschiedlichen Berufsfeldern. Und jetzt ist „Lucky“, da, der quirlige schwarze Labrador-Mix ist gerade erst fünf Monate alt und hat seine zwei Herrchen bestens im Griff.

Bald wird in der Kirche geheiratet. Michael hat Lieder und Psalmen herausgesucht, beide wünschen sich den Segen. „Für mich ist das vielleicht wichtiger als für Robert, aber er teilt es mit mir“, meint Michael. Was halten die Reineckes von Adoption? „Ich sehe das problematisch, man sollte an die Kinder denken, die sicherlich später von anderen Kindern etwas auszustehen haben“, meint Robert. „Aber die Zeit wird es zeigen.“ Die Hochzeit setzt für beide ein wichtiges Zeichen: sich nie mehr wieder verstecken.