1. Region

Dürre: Trinkwasser-Versorger in Aachen, Düren und Heinsberg reagieren

Folge der Dürrejahre : So sicher ist Ihr Trinkwasser

Die Trinkwasserlieferanten in Aachen, Düren und Heinsberg haben auf die verbreitete Dürre in den Sommermonaten reagiert. Die regionale Karte des Trinkwassers hat sich verändert. Und massive Veränderungen stehen noch an.

Inhalt des Artikels

Dieser Sommer war trocken. Extrem trocken. Und doch ist aus unserem heimischen Wasserhahn das Trinkwasser in genau der Menge gelaufen, in der wir es gebraucht haben. Erstaunlich. Wird es nie knapp? Wollte man aus den Antworten der 13 Lieferanten im Raum Aachen, Düren und Heinsberg einen Durchschnitt bilden, lautet sie wohl: „Eigentlich nicht“.

Dass das so ist, hat seinen Grund. Die Versorger haben dort, wo es nötig war, reagiert, neue Bezugsquellen angezapft, Speicher vergrößert, Pumpen verstärkt, Lieferverträge mit Nachbarverbänden geschlossen. Oder sie sind gerade dabei, genau das zu tun. Selbst eine neue Talsperre ist geplant. Und eine soll vergrößert werden.

Die vielen anhaltenden Trockenphasen seit 2018 haben die Landkarte der Trinkwasserversorgung in unserer Region bereits verändert. Und sie werden es weiter tun. „Das Thema Trinkwasserversorgung ist nicht ganz trivial“, sagen so oder so ähnlich alle Geschäftsführer und Betriebsleiter der Versorger, wenn sie über die eigene Situation sprechen.

Der Wasserverbrauch

Dabei ist der Wasserverbrauch bis vor wenigen Jahren etwa durch verbrauchsärmere Wasch- und Spülmaschinen und einen bewussteren Umgang mit Trinkwasser zurückgegangen. Wer heutzutage einen sattgrünen Rasen nach einem Dürresommer vor dem Haus hat, fällt auf, weil er etwas getan hat, das viele inzwischen vermeiden: Wasser verschwenden. So sank der Pro-Kopf-Verbrauch von 144 Litern pro Kopf seit Anfang der 90er auf 121 Liter vor etwa zehn Jahren. Doch inzwischen nähern wir uns wieder den 130 Litern. Und in unserer Region steigt zudem die Zahl der Haushalte: Viele Orte wachsen. Das erhöht aus Sicht der Versorger zusätzlich den Verbrauch.

Ein Teil des Problems ist für die regionalen Versorger die inzwischen erkleckliche Zahl von aufgestellten Pools in den Gärten. „Der neue Feind des Wasserwerks ist der Pool“, sagt Jörg Kemmerling, Betriebsleiter im Wasserwerk Neffeltal in Vettweiß. Und die Verbrauchsspitzen nach heißen Tagen, wenn am Abend alle gleichzeitig duschen, Blumen und Pflanzen wässern und in ländlichen Regionen außerdem noch die Landwirte ihre Felder beregnen, bringen die Speichermenge und Pumpkapazität der Wasserversorger an Grenzen.

„Die Menschen versuchen, über das Trinkwassernetz den Klimawandel zu kompensieren“, sagt Kemmerling. In Spitzenzeiten wird an Sommerabenden in der Region bis zu 60 Prozent mehr Wasser verlangt als üblich. Und die Zahl dieser Tage wächst. Dennoch muss kein einziger Haushalt in unserer Region fürchten, dass das Trinkwasser ausgeht. Selbst in einem Dürrejahr wie diesem.

Die größere Rolle der Talsperren

Am deutlichsten zeigt sich der Umbau der Trinkwasserkarte bei der Bedeutung des Talsperrenwassers, von dem immer mehr Haushalte abhängig sind. Rund 650.000 Menschen erhalten inzwischen – neben teils mehr oder weniger großen Anteilen Grundwasser – Wasser aus Eifeltalsperren. Aufbereitet wird es vor allem von dem größten Lieferanten in unserer Region: der Wassergewinnungs- und aufbereitungsgesellschaft Nordeifel (WAG), einer Tochter der Versorger Stawag und Enwor in der Städteregion Aachen. Auch die WAG betreibt Brunnen. Doch die Bedeutung des Grundwassers ist mit geförderten 5 Millionen Kubikmetern pro Jahr im Vergleich zu den Talsperren marginal.

Die achtfache Menge, mehr als 40 Millionen Kubikmeter Trinkwasser, holt die WAG laut Geschäftsführer Rudolf Roß inzwischen pro Jahr für die Städteregion, Übach-Palenberg und historisch bedingt auch für Vaals und Kerkrade aus den Talsperren. Zudem fließt seit einigen Jahren durch die Leitungen der Stadtwerke Düren zu 60 Prozent Wasser von der WAG. Jüngster Zugang im Bund der Talsperrenwassernutzer ist seit drei Monaten der Zweckverband Langerwehe. Seitdem liefert die WAG auch dorthin Wasser. So entlastet der dortige Zweckverband die stark belasteten eigenen Grundwasserleiter. Und die eigentlich für den Notfall eingerichtete Leitung zwischen WAG und dem Perlenbachverband in Monschau ist in den trockenen Sommern seit 2018 – mit Ausnahme von 2021 – zur Dauerlösung für die Nordeifel geworden.

Auch in diesem Jahr hängt der Perlenbachverband am Tropf der WAG. Die kleine eigene Talsperre war bis zum ersten Regen in dieser Woche quasi leer. Der WAG geht es bei ihren eigenen größeren Trinkwassertalsperren, der Kall- und Dreilägerbachtalsperre, bis heute nicht anders. Und ausreichender Regen, der sie wieder füllen würde, ist noch nicht in Sicht. Bleiben die Wehebachtalsperre und der Obersee – beide im Eigentum des Wasserverbandes Eifel-Rur. Die WAG hatte von Anfang an das Recht, auch dort Wasser zu entnehmen. Und das nutzt sie nach Angaben des Leiters der WAG-Wassergewinnung, Dirk Delsemmé, immer von März bis in den Herbst.

Die Sicherungsseile der Talsperren

Gleichzeitig werden nun zusätzliche Sicherungsseile eingezogen. Beispiel Wehebachtalsperre: Sie liegt bereits im Regenschatten der ersten Eifelberge. Deswegen fallen dort durchschnittlich nur 700 Millimeter Niederschlag im Jahr. Zum Vergleich: An der Dreilägerbachtalsperre weiter westlich sind es im Durchschnitt 1100 Millimeter.

Konsequenz: Diese Talsperre, die auch dem Hochwasserschutz dient, sammelt nicht einmal so viel Wasser, wie die WAG pro Jahr eigentlich entnehmen dürfte. In trockenen Sommern, so wie jetzt, ist sie halb leer. Deswegen ist geplant, einen oberhalb gelegenen Wassergraben am Hasselbach, der sich aus insgesamt drei Flüssen speist und bislang nur in die Dreilägerbachtalsperre führt, über einen neuen Stollen auch in diese Talsperre ablaufen zu lassen. Damit würden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Denn entstanden ist die Idee nach dem Hochwasser im Juli 2021. Der Hasselbach richtete damals mangels anderweitigem Abfluss schwere Schäden in Zweifall an. Könnte dieses Wasser in die Wehebachtalsperre fließen, die mit rund 25 Millionen Kubikmeter das Siebenfache der Dreilägerbachtalsperre fasst, wäre Zweifall besser geschützt.

Nächstes Beispiel: Perlenbachtalsperre. Aktuell arbeiten WAG und Perlenbachverband an einer Vertragsergänzung. Geplant ist, dass der kleinere Verband in Trockenphasen WAG-Wasser nicht erst dann als Notwasser bezieht, wenn die eigene Talsperre komplett leer ist, sondern schon früher damit beginnt. Ist die WAG dann bei extremer Trockenheit maximal gefordert, kann wenigstens der Perlenbachverband für bis zu zwei Wochen wieder auf Eigenversorgung umstellen und auf WAG-Wasser verzichten.

Langfristig will der Monschauer Versorger auch in Trockenjahren wieder auf eigenen Füßen stehen. „Wasser wäre genug da. Wir können es nur nicht speichern“, sagt Betriebsleiter Gerhard Schmitz. Deswegen soll das Fassungsvermögen der kleinen Perlenbachtalsperre auf 2,3 Millionen Kubikmeter verdreifacht werden. Während der Bauphase sollen der Neffeltalverband im Südosten Dürens und die Stadtwerke Düren mit Trinkwasser aushelfen. Ist dann die Talsperre in vielleicht zwölf oder 15 Jahren fertig, sollen Neffeltalverband und Düren umgekehrt von dem dort gesammelten Wasser profitieren. „In den letzten Jahren ist da ein Prozess in Gang gesetzt worden“, sagt der Betriebsleiter des Zweckverbandes der Neffeltalgemeinden. Die Notwendigkeit, sich besser zu vernetzen, werde gesehen.

„Aktuell“, sagt der WAG-Geschäftsführer, „kommt unser gesamtes Talsperren-Trinkwasser aus dem Obersee.“ Pro Sekunde (!) fließt der Inhalt von etwa sieben Badewannen durch die Stollen vom Obersee über die Kalltalsperre zur Trinkwasseraufbereitung an der Dreilägerbachtalsperre, um den Bedarf zu decken. Die Sorge, dass auch dem Obersee das Wasser ausgeht, hat Roß nicht. 10 bis 20 Millionen Kubikmeter pro Jahr entnimmt die WAG aus dem Obersee. Über die Rur fließen aber im Gegenzug 160 Millionen Kubikmeter pro Jahr hinein. „Da ist noch genug Reserve!“.

„Wir haben kein Trinkwasserproblem“, sagt auch Gerd Demny, Gewässerdezernent beim Wasserverband Eifel-Rur (WVER), der den Talsperrenverband am Rursee betreibt. Und generell gelte: „Sind die Talsperren im Frühjahr voll, kommen wir auch über einen solch extrem trockenen Sommer hinweg.“ Das war in diesem Frühjahr der Fall. Dennoch baut der WVER für die Zukunft vor. Denn er darf nicht nur den Trinkwasserbedarf im Blick haben.

Sein Talsperrenverband muss – anders als die WAG und der Perlenbachverband – auch Platz für ein mögliches Hochwasser lassen, um die Orte am Unterlauf der Rur zu schützen. Er kann die Talsperren also bis zum Frühjahr nicht bis zur Oberkante mit Wasser volllaufen lassen, nur um möglichst viel Trinkwasser zu speichern. Damit die eine Aufgabe nicht zulasten der anderen geht, ist laut Demny jetzt eine Machbarkeitsstudie für eine weitere Talsperre in Arbeit. Sie könnte in Hellenthal in der Nachbarschaft zur Ofeltalsperre entstehen. Mit zusätzlichem Rückhalteraum, sagt Demny, könnte insgesamt mehr von dem im Winter gefallenen Regen, der im Sommer ausbleibt, als Trinkwasser gespeichert werden. Denn genau so soll es kommen.

Die Klimawandel-Szenarien

Klimawandelstudien zeigen, dass die Niederschläge in unserer Region im Sommer zwar zurückgehen, im Winter aber eher zunehmen. Ein Bericht des Landesumweltamtes von 2021 (Lanuv) spielt verschiedene Szenarien durch und stellt Hochrechnungen an. Das Ergebnis ist ein Sowohl-als-auch. NRW befindet sich demnach in einer Zone, in der es im Sommer zwar voraussichtlich trockener wird, im Winter aber mehr Regen fällt. Von dieser Entwicklung profitiert auch das Grundwasser. Denn das wird aufgefüllt, wenn im Winter die Vegetation das Wasser nicht braucht und der Regen in tiefe Bodenschichten versickert, weil er nicht wie im Sommer direkt an der Oberfläche über den getrockneten Boden abfließt.

Etwa seit der Jahrtausendwende beobachtet das Lanuv allerdings, dass sich weniger Grundwasser als im langjährigen Mittel neu bildet. Zur aktuellen Lage vermeldete Landesumweltminister Oliver Krischer (Grüne) Ende August alarmierende Zahlen. Zwei Drittel aller Grundwassermessstellen melden demnach derzeit zu niedrige Wasserstände, ein Viertel sogar die niedrigsten Stände, die jemals gemessen worden seien.

Zukünftig werde nicht mehr Grundwasser gebildet, schreibt das Lanuv in seinem Bericht von 2021. Doch die Grundwasserneubildung werde wegen der „robusten Zunahme der Winterniederschläge“ langfristig bis zum Ende des Jahrhunderts auf dem Niveau bleiben, wie wir es jetzt kennen.

Die Rolle des Grundwassers in der Region

Etwa 350.000 Menschen im Raum Heinsberg und Düren sind ausschließlich oder zu großen Teilen auf Grundwasservorkommen für ihr Trinkwasser angewiesen. Von einer aktuell „deutlich angespannten Situation bei den Brunnen“ sprechen nur Verantwortliche in Düren und Langerwehe. Als Ausgleich nutzen sie das Talsperrenwasser.

In Langerwehe wird vermutet, dass der unterirdische Leiter sich in jüngerer Zeit schneller leert, weil das Wasser durch tektonische Verschiebungen in andere Leiter abfließt. Solche Verschiebungen kann der nahe Tagebau auslösen. Es gibt aber auch andere mögliche Ursachen. Fakt ist, dass die Wasseroberfläche im Brunnen in Wenau von 13 auf 30 Meter Tiefe in den vergangenen Jahren zurückgegangen ist. Auch der im Ortsteil Hamich geplante neue Brunnen wird das Problem kaum lösen. „Egal, wo wir bohren, wir greifen überall das gleiche Grundwasservorkommen an“, sagt Betriebsleiter Andreas Pütz.

Völlig entspannt klingen die Geschäftsführer der Versorger im Kreis Heinsberg, in Jülich, Titz und Kreuzau. Notleitungen, die es überall geben muss, seien noch nicht ein einziges Mal genutzt worden, heißt es. „Unser Grundwasserleiter wäre noch leistungsfähiger“, sagt Hans Peter Dreyling von Concordia Kreuzau. „Dass uns das Grundwasser ausgeht, wird nicht passieren“, teilt Jens Holthausen aus Heinsberg mit. Ähnlich klingt Michael Leonards von den Kreiswasserwerken: „Die Wasserrechte, die da sind, genügen völlig.“ Auch der Einfluss des Tagebaus ist im Kreis Heinsberg offenbar rückläufig. Der Grundwasserstand falle nicht mehr wie noch vor einigen Jahren, sagt Franz-Josef Ruland aus Gangelt.