Düren: Dürener Stadtgespräch offenbart überraschende Gemeinsamkeiten

Düren : Dürener Stadtgespräch offenbart überraschende Gemeinsamkeiten

Olympiasiegerin, Banker, TV-Korrespondent — drei Menschen, so könnte man vermuten, die nicht viel gemeinsam haben. Aber Isabell Werth, erfolgreichste Dressurreiterin der Welt, der frühere Vorstandschef der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen, und Udo Lielischkies, Leiter des Moskauer ARD-Studios, verbindet mehr als gedacht: eine Jugend auf dem Land, dem Bauernhof und in der Natur sowie die enge Beziehung zu Pferden.

Die drei sind nach Düren zum Verein Stadtgespräch e.V. in die Festhalle Birkesdorf gekommen, wo in den Vorjahren auch schon Ex-Präsident und Ex-Talkmaster, Christian Wulff und Harald Schmidt, auf der Talk-Couch saßen. „Miteinander sprechen, besser verstehen“ ist das Motto dieses Abends mit etwa 200 Zuhörern und ist zugleich das Motto des Vereins, der sich zum Ziel gesetzt hat, Kinder und Jugendliche in ihrer sprachlichen Entwicklung zu fördern — und zwar Benachteiligte und Flüchtlinge genauso wie Hochtalentierte.

Zu Gast beim Dürener Stadtgespräch (von links): Jürgen Fitschen, Ex-Vorstandschef der Deutschen Bank, Dressurreiterin Isabell Werth und ARD-Korrespondent Udo Lielischkies. Foto: Ingo Latotzki

Leidenschaft und Ehrgeiz lassen alle drei Gäste erkennen — auch bei ihrer gemeinsamen Passion: Für Werth war „reiten lernen wie laufen lernen“; sie sei als junger Mensch „geritten, was mir unter den Hintern kam“, sagt sie in Düren. Fitschen züchtet Pferde und ist Mitgrü2nder der Stiftung Deutscher Spitzenpferdesport. Lielischkies, der schon als Kind ohne Sattel über die Felder galoppierte, versucht bis heute, egal wo er auf der Welt unterwegs ist, so oft wie möglich zu reiten. Bei allen schönen Gemeinsamkeiten fragt Moderator Ulrich Stockheim aber auch den jeweiligen Sachverstand ab.

Zu Gast beim Dürener Stadtgespräch (von links): Jürgen Fitschen, Ex-Vorstandschef der Deutschen Bank, Dressurreiterin Isabell Werth und ARD-Korrespondent Udo Lielischkies. Foto: Ingo Latotzki

Isabell Werth betrachtet den Dressursport wie Kindererziehung: „Es geht nur Schritt für Schritt. Es dauert Jahre, bis Pferd und Reiter ein Paar werden.“ Auf die Frage nach dem früheren Wunderhengst Totilas stellt Werth fest: „Erfolg muss wachsen, er ist nicht käuflich zu erwerben“, auch wenn insbesondere für Springpferde schon mal zweistellige Millionenbeträge gezahlt würden. „Unser größtes Kapital ist das Wohlergehen der Pferde.“

Was sie nach all ihren Erfolgen nach wie vor antreibt, sind die Pferde: „Sie motivieren mich. Ich könnte stundenlang junge Pferde angucken.“ Aber der Sport macht nicht nur Freude; Werth sah sich vor Jahren mit Doping-Vorwürfen konfrontiert („die schlimmste Zeit in meinem Leben“) und muss als Spitzensportlerin heute täglich Auskunft darüber geben, wo sie sich gerade aufhält, um jederzeit für Dopingkontrollen ihrer Pferde erreichbar zu sein.

Jürgen Fitschen findet trotz aller Turbulenzen und Kritik den Beruf des Bankers nach wie vor attraktiv, hält aber gar nichts von systematischer Karriereplanung. „Ich habe nie etwas geplant.“ Erfolgreich könne man überall sein. „Es gibt keine Tätigkeit, die so dumm ist, dass man nicht auf sich aufmerksam machen könnte, wenn man seine Sache ordentlich macht.“ Dass die Finanzbranche Vertrauen verloren hat, versteht er.

Angesprochen auf die Exzesse, die es auch in seiner Deutschen Bank gab, weist Fitschen auf einen Kulturwandel hin, den es dort gegeben habe, der aber in der Öffentlichkeit nicht gewürdigt worden sei. Und dann ist er schnell bei Medienschelte, spricht von Ressentiments, Vorurteilen und Firmen, „die am Pranger stehen“.

Udo Lielischkies hat den russischen Präsidenten Wladimir Putin von Anfang an beobachtet: „Er hat ein System etabliert, das eine kleine Gruppe von Menschen extrem bereichert hat.“ Die Vermögensverteilung sei in keinem Land der Welt so ungerecht wie in Russland. „Die Russen haben panische Angst, vor der Kamera offen Kritik an ihrem Land zu üben.“

Die russische Führung versuche massiv, die Meinung in EU-Ländern zu beeinflussen, und unterstütze antieuropäische und nationalistische Kräfte überall in Europa. „Wir haben aus dem Auge verloren, wie wichtig Europa für uns ist“, sagt Lielischkies. „Von Deutschland vermitteln russische Medien nur ein verzerrtes Bild.“