Artà/Mallorca: Dürener Aussteiger Berres: Besetzung der Becker-Finca war Zufall

Artà/Mallorca : Dürener Aussteiger Berres: Besetzung der Becker-Finca war Zufall

Um 14:40 Uhr wird dann am Montag der Vorgang amtlich: Georg Berres, der sich selber „Bauchi“ nennt und aus Düren stammt, wird von der spanischen Polizei offiziell als Hausbesetzer angesprochen.

Drei junge Männer der „Guardia Civil“ fahren mit ihrem Nissan-Streifenwagen auf das abgelegene Gelände der aktuell in die Schlagzeilen geratenen „Becker-Finca“ in der Nähe von Artà. Dort hält sich Berres seit einer Woche auf, er ist also mehrere Tage unbehelligt geblieben. Damit ist nun Schluss, aber noch nicht so ganz.

Trostloser Anblick: Seit Jahren steht die Finca Nr. 14143 in Artà auf Mallorca leer. Sie soll Boris Becker gehören und steht zum Verkauf. Georg Berres aus Düren hat sie besetzt — und macht ein wenig Ordnung. Das Tor stand offen. Foto: Bernd Mathieu

Die Polizisten gehen sehr freundlich mit ihm um, begrüßen ihn mit Handschlag. Er wisse schon, dass er sich auf einem Grundstück befinde, das ihm nicht gehöre, sagen sie. Klar sei ihm das bewusst, sagt er. Berres ist ein Hausbesetzer, der leerstehende Gebäude für sich „entdeckt“, erst mal sauber macht und dann hofft, man lasse ihn eine Weile in Ruhe. Die Woche hat er genutzt, um zu kehren, aufzuräumen, für ein bisschen Ordnung zu sorgen, so weit das auf diesem Gelände mit einfachen Mitteln wie einem Besen und einer Schaufel möglich ist.

Trostloser Anblick: Seit Jahren steht die Finca Nr. 14143 in Artà auf Mallorca leer. Sie soll Boris Becker gehören und steht zum Verkauf. Georg Berres aus Düren hat sie besetzt — und macht ein wenig Ordnung. Das Tor stand offen. Foto: Bernd Mathieu

Boris? Davon wusste er nichts.

Trostloser Anblick: Seit Jahren steht die Finca Nr. 14143 in Artà auf Mallorca leer. Sie soll Boris Becker gehören und steht zum Verkauf. Georg Berres aus Düren hat sie besetzt — und macht ein wenig. Foto: Bernd Mathieu

Boris Becker hat vor einigen Jahren dieses ehemals edle Landhaus gekauft, es soll zwölf Schlafzimmer, zwölf Badezimmer und 247.000 Quadratmeter Land haben — so wird es in mehreren Immobilienanzeigen beschrieben. „Traum-Finca kaufen in Artà“, lautet dann die fette Überschrift. Wem die Finca eigentlich momentan gehört, kann hier niemand beantworten, nicht mal die Polizei. Es gebe gewiss einen Eintrag im Grundbuchamt der Stadt Manacor für die „Finca Nr. 14143“, heißt in Berichten spanischer Medien. Von Hypotheken, abgewendeten Zwangsversteigerungen und Überweisungen ans Finanzamt ist die Rede.

Zwischen 12,5 und 15 Millionen Euro verlangen angeblich Immobilienhändler für das Anwesen mit Haupthaus und vier zusätzlichen Gebäuden und einem großen Swimmingpool. In seinem jetzigen verfallenen Zustand sei es das bei weitem nicht mehr wert, heißt es in der Branche.

1997 hat die deutsche Tennis-Legende das aus mehreren Einzelparzellen bestehende Grundstück erworben. Das ohne Baugenehmigung errichtete Gebäude musste teilweise abgerissen werden. Einige Zeit lang (wohl eher kurz) soll er sogar dort gewohnt haben. Aber seit Jahren stehen alle Gebäude leer.

Nun ist Georg Berres mit seinem alten Wohnmobil dort. Die Polizisten regen vermittelnd an, er solle doch in seinem Gefährt bleiben und die Häuser nicht betreten. Berres wiederholt, dass er nichts zerstöre und nirgendwo eingebrochen sei, dass er aufgeräumt habe und nichts Böses vorhabe. Was an der Rechtslage nichts ändert. Die Guardia Civil nimmt ein Protokoll auf, verabschiedet sich und fährt davon. Was nun daraus wird: Berres wird es gewiss schon bald erfahren.

Ich rede mit ihm vor dem Haus. Die Geschichte, die er erzählt, klingt sehr phantasievoll. Eine Journalistin der „Mallorca-Zeitung“ hatte über ihn und seine besetzenden Aktivitäten berichtet, die er als Protest gegen die vielen Leerstände auf Mallorca betrachtet. Und dann habe ein „José“ an seinem Wohnmobil angeklopft und ihn gebeten, auf seinem Grundstück etwas Ähnliches zu unternehmen, er brauche Hilfe. Dass es sich bei diesem Grundstück um das Becker-Anwesen handele, will er nicht gewusst haben. Deshalb sei er über den Medien-Hype so überrascht, sagt der 44-jährige Dürener.

Ein Auftrag von José! Berres nennt das selber „ominös“. „Ich habe keine Telefonnummer, keine Adresse, keinen Nachnamen von ihm, jetzt müssen sie mir alle glauben, dass es ihn wirklich gibt, und ich kann es nicht beweisen.“

Wie dem auch sei: Berres machte sich mit seiner Facebook-Freundin auf den Weg zur Finca Son Coll. „Sonntags sind wir hier hoch, am Donnerstag kam das Medien-Rudel hierher und fragte mich, was denn der Herr Becker dazu sage.“ Er habe nicht gewusst, wer diese Finca mal gekauft habe, behauptet Georg Berres. „Es war nicht so, dass wir uns vorgenommen hatten, die Becker-Villa zu retten oder zu besetzen.“

Sie haben solche Haus- oder Finca-Besetzungen also schon öfter gemacht? „Ich komme hier aus der friedlichen Hausbesetzer-Szene. Hier steht so viel leer rum. Wir können uns jederzeit von irgendwo wegschicken lassen, wir gehen dann einfach ins nächste. Und wenn die uns hier wegschicken, gehen wir straight nach Calla Romantica, da sind 198 Doppelhaus-Hälften, die seit 2007 verrotten.“

Seit vier Jahren wechselt Berres auf diese Art seine Ortschaften. Zum ersten Mal sei, so sagt er, jetzt die Polizei erschienen. „Da kam uns eben das mit dem Boris Becker dazwischen.“ Angefangen hat Berres, als er vor Jahren mit seiner Frau in Düren ein Haus besetzte. „Cranachstraße 6, hinten am Bahnhof.“ Am Pletzerturm habe er sein erstes Tattoo-Studio gehabt.

Man besetzt doch nicht einfach ein Haus! „Wir hatten einen Mietvertrag, aber es gab wegen Wasserschäden Ärger mit dem Vermieter, der sich in die Türkei abgesetzt hatte. Wir haben da 14 Monate gewohnt und haben ein Mal eine halbe Miete überwiesen. Das ist letztendlich eine Besetzung gewesen.“ Der in Inden ausgebildete Schreiner machte schließlich ein Tattoo-Studio auf. Ein Jahr ging das nur gut.

Kaum Kontakte nach Düren

Seit 2013 ist er jetzt auf Mallorca, damals reiste er mit zwei Freunden an. Die leben nach wie vor auf der Insel — in legalen Wohnungen. „Ich habe ja mein Wohnmobil hier, und zwar bei allen meinen Hausrettungen. Ich hatte mich darauf eingestellt, das hier auch zu tun.“ Und dann habe er sich doch entschlossen, in einem der Häuser zu schlafen. „Geh da rein und belebe es.“ Dazu habe er sich nach einem Gespräch mit einem deutschen Boulevard-Journalisten entschieden. „Aber so schnell, wie ich da reingezogen bin, kann ich auch wieder rausziehen. Wir synchronisieren uns mit der Realität.“ 20.000 Fincas stünden zum Verkauf. „Wenn wir in Häuser, die seit Jahren leer stehen, reingehen, sind wir eben keine Vandalen wie viele andere Hausbesetzer.“ Er nennt seine Initiative „Intergalaktisches Hilfs- und Rettungskommando“.

Und wovon lebt ihr auf Mallorca? „Ich steche Tattoos, massiere, außerdem verkaufe ich meine Bilder und meine Bücher. Ich brauche nicht viel Geld, ich habe meinen monetären Bedarf sehr minimiert.“ Für eine Stunde Tattoo-Arbeit bekomme er 100 Euro.

Nach Düren hat er kaum noch Kontakte. „Meine Eltern haben dort noch einen Wohnsitz, leben aber meistens in Griechenland. Ich habe keine große Anbindung zu Düren mehr.“ Nach Deutschland will er ohnehin nicht zurück. „Die Welt reizt mich, ich möchte ein Boot haben und um die Welt segeln.“ Der Wunsch ist besetzt. Noch nicht viel mehr.

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