Drei Wochen nach dem Unfall in Stolberg mit fünf Toten

Unfall mit fünf Toten : Die drei Wochen nach der Katastrophe von Stolberg

Es gibt keine richtigen Worte für den Schmerz, den der Unfall ausgelöst hat. Am 22. Dezember starben fünf Menschen bei einem Verkehrsunfall, der sich auf der Würselener Straße in Stolberg ereignet hat. Drei Wochen sind seit dieser Katastrophe vergangen, drei Wochen der Trauer.

Dieser 22. Dezember ist für viele Menschen ein Tag, der ihr Leben für immer auf den Kopf gestellt hat. Für Medien ist dieser Unfall und seine furchtbaren Folgen eine permanente Herausforderung. Nachrichten, die in der Region kursieren, müssen hinterfragt, Gerüchte als solche entlarvt werden – immer mit Blick auf die Betroffenen und deren Angehörige. Eine Bestandsaufnahme.

Was wissen wir?

Für die Polizei ist der Ablauf des Unfalls „weitgehend geklärt“. Nach den bisherigen Erkenntnissen befuhr der 20-Jährige Marvin H. in dieser Nacht die Würselener Straße von Stolberg aus in Richtung Aachen-Verlautenheide. Er war „deutlich schneller als zulässig mit einem BMW unterwegs und machte an einer Radaranlage einen Schlenker auf die Gegenspur, um den Kontakt für die Radaranlage in der Fahrbahn zu umfahren“. So steht es im Polizeibericht.

Er stieß frontal mit einem entgegenkommenden Opel Astra zusammen, in dem eine Mutter mit ihren 16 und 17 Jahre alten Kindern saß. Der Opel-Fahrer versuchte noch auszuweichen, so die Polizei, aber auch der 20-Jährige wechselte noch einmal die Spur, so dass es zum furchtbaren Zusammenstoß kam.

Der Wagen der Familie ging in Flammen auf und brannte aus. Für die drei Insassen kam jede Hilfe zu spät. Bis heute steht nicht einmal fest, ob die 44-jährige Mutter oder ihr 17-jähriger Sohn, der ein paar Monate vorher seinen Führerschein gemacht hat, gefahren ist. In dem anderen Fahrzeug starb eine 21-jährige junge Frau aus Alsdorf. Zwei Tage nach der Katastrophe erlag ein weiterer 22-Jähriger Insasse dieses Fahrzeugs seinen Verletzungen. Marvin H. und seine Freundin (20) überlebten schwer verletzt.

Was passiert als Nächstes?

Nach ersten Erkenntnissen lag die Geschwindigkeit beim Zusammenstoß deutlich über 100 Stundenkilometern. Erlaubt ist an der Unfallstelle eine Höchstgeschwindigkeit von 70 Stundenkilometern. Anwohner berichten, dass in dieser Nacht mehrfach Wagen mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit auf der Strecke unterwegs waren. Hinweise für ein Rennen, von dem diverse Boulevardmedien berichtet haben, gibt es unverändert nicht, sagt die Polizei. Präzise Erkenntnisse werden vom Rekonstruktionsgutachten erwartet, das erst in etwa sechs Wochen vorliegen wird. Wesentlich schneller wird ein rechtsmedizinisches Gutachten mit den Obduktionsberichten den Ermittlern vorliegen.

Was sagen die Zeugen?

Der Fahrer des Fahrzeuges lässt sich durch einen Anwalt vertreten, er hat bislang keine Aussage gemacht. Als Beschuldigter in dem Verfahren muss er das auch nicht. Seine ebenfalls schwer verletzte Freundin hat bislang noch nicht ausgesagt. Befragt werden derzeit die Insassen der Fahrzeuge, die den Zusammenstoß in der Nacht mitbekommen haben. Die Polizei äußert sich derzeit naturgemäß nur sehr zurückhaltend zu ihren Erkenntnissen. Dem Fahrer wurde eine Blutprobe entnommen, das Ergebnis ist bislang nicht veröffentlicht worden.

Was ist über den Fahrer bekannt?

Marvin H. kam mit schweren Beinverletzungen ins Krankenhaus. Von dort sind inzwischen Bilder in Boulevardmedien und den Sozialen Medien aufgetaucht, die ihn im Krankenbett zeigen. Wer die Bilder gemacht hat und wo sie herkommen, ist unklar. Sie zeigen ihn mal mit ausgestrecktem Mittelfinger, mal grinsend auf seinen tätowierten Bizeps zeigend.

Marvin H. hat offenbar eine Affinität zu Wagen. Der angehende Kfz-Mechatroniker wird der Tuningszene zugerechnet. Der „Express“ berichtet, dass er seinen Führerschein schon einmal in der Probezeit wegen einer Geschwindigkeitsüberschreitung abgeben musste. Sein Führerschein wurde aktuell noch in der Nacht eingezogen. Bei dem Unfall war er nicht mit seinem eigenen Wagen, sondern einem PS-starken BMW unterwegs, bestätigt die Polizei. Ermittelt wird nun, ob der BMW-Besitzer von der Fahrt wusste und ob ein Versicherungsschutz bestand.

Wie ist die juristische Bewertung?

Ermittelt wird gegen den jungen Mann aus Herzogenrath wegen fahrlässiger Tötung. „Wer durch Fahrlässigkeit den Tod eines Menschen verursacht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft“, so steht es im Paragraphen 222 des Strafgesetzbuchs. In Stuttgart wurde ein 22-Jähriger vor ein paar Jahren zu einer Gefängnisstrafe von 16 Monaten ohne Bewährung verurteilt, nachdem er mit überhöhter Geschwindigkeit die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren hatte und gegen einen Baum geprallt war. Der Beifahrer starb an den Unfallfolgen ein paar Tage später.

Marvin H. wird sich vermutlich noch in diesem Jahr vor Gericht verantworten müssen. Er ist erst 20 Jahre alt, und üblicherweise wird das Jugendstrafrecht angewendet, das mehr auf erzieherische Effekte setzt. Die Entscheidung darüber trifft das zuständige Gericht nach Rücksprache mit dem Jugendamt. Relevant ist die Reife des Angeklagten, nicht der Tatvorwurf selbst.

Was passiert in den Sozialen Medien?

Dort gab es unfassbare Exzesse in den letzten Wochen. Die Polizei verfolgt die Beiträge, sagt sie. „Die in den Sozialen Medien verbreiteten Informationen über Unfallhergang und Beteiligte sowie Betroffene sind größtenteils falsch“, sagt Paul Kemen. Mehrfach wurde in den letzten Tagen zum Beispiel wahrheitswidrig behauptet, dass es noch ein weiteres Opfer gegeben hätte.

Der Polizeisprecher beklagt aber auch, dass mit Beginn des Handy-Zeitalters der Schnappschuss für soziale Medien vielfach der erste Gedanke sei. Im Internet kursiert zum Beispiel ein Video vom Unfallort. „Wir als Aachener Polizei haben sehr schnell gesagt, dass die ganze digitale Entwicklung für das Gemeinwohl und soziale Miteinander nicht förderlich sein kann. Mehr Fluch als Segen. Daran hat sich nichts geändert. Unser aller Aufgabe wird es sein und bleiben, die richtigen Reflexe zu vermitteln, um deren Erhalt zu werben und sie zu erhalten.“

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