Aachen/Lüttich: Drei Morde, ein Geständnis, kein Urteil

Aachen/Lüttich: Drei Morde, ein Geständnis, kein Urteil

Freunde der Familie können bis heute nicht begreifen, was damals, am 25. Oktober 2007, in Hombourg in Ostbelgien passiert ist. Vor allem können sie nicht begreifen, warum es passiert ist.

Und bis sie eine Chance haben nachzuvollziehen, was damals in Bruno W. vorgegangen sein mag, wird wohl ein weiteres Jahr vergehen, mindestens. Denn der Mordprozess gegen W. beginnt nicht vor Februar 2012, wie im März ein Gericht in Lüttich festgelegt hat. Obwohl W. selbst die Polizei über seine Taten informiert hat und geständig ist, dauern die Ermittlungen in dem Fall schon mehr als dreieinhalb Jahre. Warum eigentlich?

Ermittlungen in Schweden

Der gebürtige Aachener Bruno W. brachte am Vormittag des 25. Oktober 2007 seine 19-jährige Tochter um, er erschlug sie im Anbau des Bauernhofes in Hombourg, auf dem die Familie lebte, mit einer Axt. Anschließend holte er seinen 17-jährigen Sohn von der Schule in Aachen ab, führte ihn in den Garten und erschlug ihn dort, wieder mit der Axt.

Und als gegen 15 Uhr seine 60-jährige Frau von der Arbeit in Aachen nach Hause kam, erschlug er auch sie im Garten mit der Axt. Er rief die Polizei an, sagte, was geschehen ist, und wartete auf seine Festnahme. Währenddessen zündete er den Bauernhof an, den Rauch sah man kilometerweit.

Bruno W. gab während der ersten Vernehmung an, die Verzweiflung über die finanzielle Situation der Familie habe ihn zu diesen Grausamkeiten getrieben. Der Sozialpädagoge W. war arbeitslos und arbeitete nur gelegentlich, seiner Tochter finanzierte er ein Studium in Schweden. Seine Frau aber arbeitete als Museumspädagogin in Aachen.

W.s Rechtsanwalt, der Lütticher Strafverteidiger Victor Hissel, der mit der Verteidigung zweier Opfer von Marc Dutroux zu einiger Prominenz gelangte, sagte auf Anfrage unserer Zeitung, der Untersuchungsrichter habe „nach einem anderen Motiv gesucht, aber keines gefunden”.

Hissel sagt, die finanziell angespannte Situation habe Bruno W. „enorm belastet”, er habe in dieser Zeit psychische Probleme gehabt. Dennoch war die Tat in keiner Weise vorhersehbar, W. war ruhig, nicht gewalttätig, Hissel beschreibt ihn als „kultivierten, intellektuellen Menschen”.

Nach der Verhaftung und dem ersten Verhör, sagte Hissel diese Woche, sei Bruno W. acht Monate lang nicht wieder verhört worden, er saß in Untersuchungshaft und nichts passierte. Auch W.s damaliger Anwalt habe nichts unternommen, um das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft zu beschleunigen. Im Juli 2008 sei W. drei weitere Male verhört worden, danach passierte drei Monate lang wieder nichts. Nach einem Jahr übertrug Bruno W. Hissel das Mandat seiner Verteidigung.

Hissel sagt, es seien vor allem Sprachschwierigkeiten, die das Ermittlungsverfahren gelähmt hätten. W. selbst spreche kaum Französisch, alles müsse übersetzt werden: zunächst mündlich, für die Akten später dann auch schriftlich. Die Staatsanwaltschaft ermittelte in Schweden, wo die Tochter studierte und die Familie W. ein Haus besaß.

Das ging nur über ein Rechtshilfeersuchen an die schwedische Regierung, und die Ermittlungsergebnisse bedurften erneut der Übersetzung, dieses Mal vom Schwedischen ins Französische. Und schließlich suchten die Staatsanwälte den ehemaligen Freund der Tochter, der Däne ist: Es brauchte ein weiteres Rechtshilfeersuchen. Bis der Freund ausfindig gemacht war, dauerte es einige Zeit. Dann wurde auch er verhört, auch seine Aussage musste übersetzt werden. So gingen die Jahre dahin.

Am 1. März wurde nach einigem Hin und Her festgelegt, dass W.s Mordprozess in Lüttich stattfinden wird. Das Gericht teilte mit, der nächste freie Schwurgerichtstermin ließe sich nicht vor Februar 2012 finden. Daraufhin berief sich Anwalt Hissel auf ein Urteil des obersten belgischen Gerichtes, des Kassationshofes, vom November 2010 in einem anderen Fall. Diesem Urteil zufolge darf eine Untersuchungshaft nicht unbegrenzt lange dauern. Den belgischen Behörden blieb nichts anderes übrig, als Bruno W. vergangenen Dienstag freizulassen, bis zum Beginn des Prozess wird er in Freiheit leben.

„Jederzeit nach Deutschland”

Auf Anfrage unserer Zeitung teilte die Generalstaatsanwaltschaft in Lüttich mit, sie habe keine Möglichkeit, in dieser Angelegenheit in Berufung zu gehen. Allerdings werde W. polizeilich überwacht, seine Freilassungen sei an nicht näher genannte Bedingungen geknüpft. Hissel hingegen sagte am Mittwoch, W. dürfe sich weitgehend frei bewegen und zum Beispiel „jederzeit nach Deutschland reisen.

Nach Hissels Einschätzung geht von W. keine Gefahr aus, er wolle sich seinem Prozess auch nicht entziehen. Bis dahin bleibt den früheren Freunden der Familie W. nichts übrig, als weiter auf Antworten zu hoffen, die erklären könnten, was am 25. Oktober 2007 geschehen ist.

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