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Aachen: Doppelmord-Prozess „Tom und Sonja”: Selbst Anwalt rechnet mit Höchststrafe

Aachen : Doppelmord-Prozess „Tom und Sonja”: Selbst Anwalt rechnet mit Höchststrafe

Entnervt lässt Verteidiger Wolfram Strauch nach den vierstündigen Plädoyers erstmals die Kamerateams vor Saal 339 links liegen.

„Nein, kein Kommentar heute”, sagt er im Vorbeigehen und verschwindet mit wehender Robe aus dem Scheinwerferlicht in die langen Gänge des Aachener Landgerichts. Mittagessen. Abschalten.

Nach dem achten Verhandlungstag dürfen sich sein Mandant Markus Lewendel (34) und der Mitangeklagte Markus Wirtz (28) auf äußerst lange Haftstrafen einstellen. Die Verteidiger sehen dies um 13.15 Uhr im Wesentlichen wie die Staatsanwaltschaft.

Grauenhafte Planspiele

Rückblende, 9.10 Uhr: Ungerührt verfolgen Lewendel und Wirtz - auch am Montag hinter zentimeterdickem Panzerglas - die Ausführungen von Oberstaatsanwalt Albert Balke. Noch einmal zeichnet er mit ruhiger Stimme die grauenhaften Planspiele nach, an deren Ende am Sonntag, 30. März 2003, die Entführung des Eschweiler Geschwisterpaars Tom (11) und Sonja (9) steht. Der mehrfache Missbrauch. Die Morde.

„Auf der Suche nach Erklärungen bin ich heute so ratlos wie nach der Obduktion”, erklärt Balke. „Was sich hier abgespielt hat, ist an Kaltherzigkeit und Brutalität kaum zu überbieten.” Im Todeskampf quälten sich die Kinder durch entsetzliche 15 Minuten - „das ist so lang wie eine Tagesschau”.

Die Betroffenheit im Schwurgerichtssaal ist greifbar. Bei den Journalisten, bei den rund 30 Zuschauern. Kein Zwischenruf, kein Flüstern, nur Stille.

Dann fährt Balke fort und erläutert, warum er die Angeklagten für verlogen hält: Wirtz, weil er die Schuld bei anderen sucht, in „Fantasien abgetaucht”sein will, als er die Verbrechen beging.

„Man muss sich das vorstellen: Er sagt am Handy ein Essen bei seinen Eltern ab, während er mit Tom im Kofferraum zum späteren Tatort fährt. Dabei dachte er nur an die Neunjährige, die er zu Hause im Bett liegen hatte, an der er seine sexuellen Neigungen ausleben wollte - und dies in derselben Nacht tat, in der er ihren Bruder tötete.”

Lewendel, weil er seine Taten übersteigert grausam schildert, zusätzliche Details erfindet. „Er will auch hier noch mal ganz groß rauskommen. Er will in die Medien, ist ein Selbstdarsteller.” Indem er ohne Not in seinem Geständnis geschildert habe, wie er die Erdrosselung Sonjas bewusst hinaus gezögert habe, lasse er Eltern und Angehörige erneut leiden.

Auch an der Version Lewendels, man habe nach dem Doppelmord ein drittes Entführungsopfer gesucht, zweifelt der Ankläger. „Sie trampeln nur ein weiteres Mal auf der Seele dieser Menschen herum.”

Balke schließt sein Plädoyer mit dem Hinweis, dass er ein leidenschaftlicher Gegner der Todesstrafe ist. Dann hebt er den Arm, richtet den Finger auf die Anklagebank gegenüber. „Und dies auch, damit Sie als Täter irgendwann in vielen Jahren eine Ahnung bekommen, was Sie angestellt haben!” Aufrichtige Reue nimmt Balke weder Wirtz noch Lewendel ab.

Noch weiter geht Silke Kirchvogel, Vertreterin der Eltern in der Nebenklage: Sie erinnert an umfangreiche DNA-Spuren von Wirtz an Sonjas Körper, die der 28-Jährige nie erklärt hatte. „Es bleibt zu befürchten, dass der Angeklagte hier nicht vollständig offenbart hat, was er Sonja angetan hat.”

Die Anwältin zitiert Gutachten, in denen nicht ausgeschlossen wird, dass die Täter auch alleine oder in anderer Kombination zu ähnlichen Verbrechen fähig sind. „Beide räumen ein, weiterhin Gewaltfantasien zu haben.” Lewendel genieße zudem das Interesse der Medien und stelle sich bewusst als „das ultimative Böse” dar. Sie fordert Sicherungsverwahrung beider Täter.

Therapie im Strafvollzug

Lewendel-Verteidiger Strauch und Wirtz-Anwalt Gottfried Reims widersprechen danach scharf den Vorhaltungen der Nebenklage. Reims nennt sie „dümmlich”, Strauch fährt hoch: „Sie fantasieren!” Doch im Resultat ändert das auch nach Einschätzung der Verteidigung nichts - Gutachter hatten die volle Schuldfähigkeit der Angeklagten attestiert.

Strauch bekennt später in seinem besonnen formulierten Plädoyer: „Ich sehe nichts, was die Kammer dazu veranlassen könnte, auf eine Feststellung der besonderen Schwere der Schuld zu verzichten.” Auf einen Antrag zur Strafzumessung verzichtet er - wie seine drei Kollegen. Die Anwälte regen gleichwohl eine Therapie im Strafvollzug an. Anwalt Frank Seebode: „Er ist ein Mensch, kein Monster, keine Bestie - auch wenn das vielen schwer fällt.”

Richter Gerd Nohl erteilt gegen Mittag den Angeklagten das Schlusswort: „Ich bedaure zutiefst alles, was geschehen ist - nicht wegen mir und weil ich hier sitze, sondern wegen der beiden Kinder”, jammert Wirtz.

Lewendel bleibt eiskalt: „Ich habe nichts mehr zu sagen.” Dann werden beide in den Zellentrakt geführt. Am Montag, 8. Dezember, 9.30 Uhr, sehen sich die Prozessbeteiligten zum letzten Mal. Dann verkündet der Richter die Urteile.

Fotos vom Prozessauftakt