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Diözesane Räte im Bistum Aachen drängen auf mehr Beteiligung

Zähes Ringen um mehr Demokratie : Streit um Reformprozess und Mitbestimmung im Bistum

Viele Priester und Laien im Bistum Aachen sehen sich im Veränderungsprozess „Heute bei dir“ an den Rand gedrängt. Generalvikar Andreas Frick stößt auf Widerspruch. Geistliche bereiten eigene Interessenvertretung vor.

Konsens im Bistum Aachen: Allseits ist man sich einig, dass sich die katholische Kirche fundamental verändern muss – in ihrer gesamten Struktur, im Machtgefüge, in ihrem Verhältnis zur pluralen Gesellschaft und zum Alltag der Gläubigen. Damit hört die Einigkeit aber auf.

Der diözesane Gesprächs- und Veränderungsprozess „Heute bei dir“ geht im August in seine zweite Phase. In acht sogenannten Basis-AGs sollen Antworten auf entscheidende Zukunftsfragen gegeben und Lösungen beschlossen werden. Was ab 2022 umgesetzt wird, entscheidet letztlich Bischof Helmut Dieser nach Beratungen mit der „Heute bei dir“-Lenkungsgruppe, den übrigen Prozessbeteiligten und den diözesanen Räten.

Derzeit gibt es großen Ärger, weil die zweite Phase eingeläutet wurde, ohne dass die Räte – Priesterrat, Katholikenrat, Pastoralrat und andere – darüber intensiv diskutiert haben. Priester und die in Verbänden und Räten organisierten katholischen Laien wollen beteiligt sein, verbindlich angehört werden und vor allem mitentscheiden können. Es geht also auch darum, ob die katholische Kirche – auch im Bistum Aachen – fähig und willens ist, sich im 21. Jahrhundert nach demokratischen Maßgaben zu richten.

Schon die erste Prozessphase 2018/19 war von diesem Grundkonflikt überschattet. Zwar sind die Räte jetzt aufgefordert, Vertreter für die Arbeit in den Basis-AGs zu benennen; die Begeisterung, dort mitzumachen, hält sich aber in engen Grenzen. Der Diözesanrat der Katholiken wird nach Aussage seines Vorsitzenden Karl Weber keinen offiziellen Vertreter entsenden.

Er widerspricht entsprechenden Aussagen von Generalvikar Andreas Frick im Interview mit unserer Zeitung (Dienstagsausgabe): „Das gehört zu den Unrichtigkeiten des Interviews. Wir können nicht entsenden oder benennen, sondern nur unverbindliche Vorschläge machen. Ein wie auch immer gestaltetes Mandat wurde ausgeschlossen. Die Auswahl erfolgt durch die Lenkungsgruppe. Wir haben daraufhin unsere Mitglieder gebeten, sich bei persönlichem Interesse direkt an die Lenkungsgruppe zu wenden.“

Weber fordert – wie die anderen Räte auch – eine Versammlung sämtlicher Räte und aller deren Mitglieder, „die der Bischof laut derzeit geltender diözesaner Satzung einberufen soll, wenn es um Zukunftsfragen des Bistums geht“, und konkrete Beschlüsse dort. „Derzeit werden die Konferenzen nur als unverbindliche ‚Resonanzräume‘ genutzt. Gesprochen und diskutiert wird genug – nur halt nicht verbindlich.“

Unsere Zeitung hat maßgebliche Repräsentanten des Bistums um ihre Einschätzung zur aktuellen Situation gebeten:

Andreas Mauritz, Pfarrer in der Aachener Pfarrei St. Jakob und Sprecher des Priesterrrats, sagt: „Weder inhaltlich und thematisch noch personell und strukturell ist der Priesterrat in die Vorbereitung der zweiten Prozessphase eingebunden worden.“ Die Agenda der Bistumsleitung für die zweite Prozessphase sei im Priesterrat auf keine einhellige Meinung, „aber große Ernüchterung bei der Mehrheit“ gestoßen und „mit wenigen Ausnahmen auf Nicht-Verstehen und Resignation – bei allem Willen, sich zu engagieren“.

Andreas Mauritz, Pfarrer in der Aachener Pfarrei St. Jakob und Sprecher des Priesterrrats
Andreas Mauritz, Pfarrer in der Aachener Pfarrei St. Jakob und Sprecher des Priesterrrats Foto: Caritas/Bernd Verholen

Mauritz vermisst im weiteren Prozess die Themen Kirche und Arbeiterschaft sowie Verantwortung für die Eine Welt, die beide eine gute und lange Tradition im Bistum hätten. „Wir dürfen nicht nur um uns selbst kreisen.“ Zur Aussage des Generalvikars, es dürfe auf allen Ebenen „nicht länger um Besitzstandswahrung oder strukturelle Selbsterhaltung gehen“, sagt Mauritz: „Das ist tabula rasa. Es wird alles infrage gestellt. Natürlich brauchen wir Veränderung; aber manche Inhalte und Strukturen sind bewährt und gut.“

Karl Weber, Vorsitzender des Diözesanrats der Katholiken, nennt die Resonanz der Mitglieder seines Gremiums auf die Agenda der Bistumsleitung für die zweite Prozessphase „sehr verhalten“. Man könne „keinen Mehrwert einer neuerlichen Beratung in völlig neu zusammengesetzten Gruppen“ erkennen. Weber stellt eine Diskrepanz fest: 2019 sind weit mehr als 9000 Katholiken im Bistum aus der katholischen Kirche ausgetreten (30 Prozent mehr als im Vorjahr); der Veränderungsprozess laufe nach Aussage des Generalvikars aber gut.

Karl Weber, Vorsitzender des Diözesanrats der Katholiken
Karl Weber, Vorsitzender des Diözesanrats der Katholiken Foto: ZVA/Harald Krömer

Die deutlichen Worte von Frick an Kritiker des Prozesses bezieht Weber nicht auf sich und sein Gremium: „Es gibt einfach viele Menschen mit anderen Visionen für die Kirche, die im Prozess nur am Rande angesprochen werden. Wir setzen uns für tiefgreifende Reformen ein. Wenn Synodalität und Demokratie als maßgebliche Kriterien anerkannt werden, begrüßen wir das ausdrücklich. Die Kirche von Aachen hat längst erste synodale Ansätze, die sich gut und gerne ausbauen lassen.“ Wenn es in der zweiten Prozessphase unter anderem ausdrücklich um „geschlechtersensible Haltung und Besetzung von Ämtern und Leitungspositionen“ gehe, werde er hellhörig. „Es geht um Gerechtigkeit, insbesondere um den Zugang von Frauen zu allen Ämtern.“

Marie-Theres Jung, Vorsitzende des Diözesanverbandes der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (KFD), stimmt Weber zu: „Wir wollen Gerechtigkeit.“ Die Reaktion des Aachener Generalvikars auf Kritik am „Heute bei dir“-Prozess ist für Jung „Ausdruck von Hilflosigkeit“ und „nicht überraschend“.

 Marie-Theres Jung, Vorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd)
Marie-Theres Jung, Vorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) Foto: Heike Lachmann/HEIKE LACHMANN

Man müsse sich gut überlegen, worein man seine Zeit und Energie investiert. An „Heute bei dir“ denkt sie dabei weniger. „Das ist ein Prozess des Bischofs und des Generalvikars“; an den beiden liege es, ob er am Ende erfolgreich sei. „Wir sind da nicht eingebunden.“

Benedikt Patzelt sitzt dem Diözesanverband der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) vor. Er freut sich darüber, dass eine Basis-AG der zweiten Prozessphase sich jungen Menschen in der Kirche widmet und Generalvikar Frick ausdrücklich betont, dass Jugendliche mehr selbst verantworten und gestalten sollen.

Benedikt Patzelt, Vorsitzender des Bundes der deutschen katholischen Jugend (BDJK)
Benedikt Patzelt, Vorsitzender des Bundes der deutschen katholischen Jugend (BDJK) Foto: BDKJ Aachen

„Wirkliche Beteiligung von jungen Menschen gibt es aber erst, wenn die nicht nur mitberaten, sondern auch mitbestimmen und mitentscheiden können.“ Es dürfe am Ende nicht der Bischof allein entscheiden, sagt Patzelt. „Die Kirche muss demokratischer werden; aufgrund der Taufe tragen wir alle Verantwortung für die Kirche.“ Die Themen Macht- und Gewaltenteilung sowie Sexualmoral vermisst er. „Darüber muss man nicht nur bundesweit auf dem Synodalen Weg diskutieren; das kann auch hier im Bistum geklärt und geregelt werden.“

Franz Josef Radler, Aachener Priester im Ruhestand, fragt sich, ob der „Heute bei dir“-Prozess ausreichend geerdet ist. „Die Gruppen werden von oben gebildet – und zwar immer selektiver.“

Franz Josef Radler, Aachener Priester im Ruhestand
Franz Josef Radler, Aachener Priester im Ruhestand Foto: ZVA/Michael Jaspers

Der Generalvikar wirke auf ihn „etwas abgehoben“; und Radler warnt: „Wer Stimmungen nicht ernstnimmt, bekommt nicht mit, wie die Stimmung im Bistum wirklich ist.“ Auch er vermisst die Themen Arbeiterschaft und priesterliche Lebensform.

Hans-Otto von Danwitz, Pfarrer von St. Lukas in Düren, sagt: „Das grundsätzliche Anliegen des Bischofs ist richtig. Es ist gut, dass er auf Veränderungen drängt und unbefangen an die Sache herangeht. Es bringt uns nichts, wenn wir nur auf die älteren Priester hören.“

Hans-Otto von Danwitz, Pfarrer von St. Lukas in Düren
Hans-Otto von Danwitz, Pfarrer von St. Lukas in Düren Foto: ZVA/Sarah Maria Berners

Aber Danwitz bleibt ebenso skeptisch: „Alle dürfen mitreden, aber was geschieht mit den Anregungen? Es gibt keine Verbindlichkeit, aber viel Show.“ Die leitenden Pfarrer im Bistum haben nach seiner Erfahrung nicht das Gefühl, „dass unsere Erfahrungen in dem Prozess irgendeine Rolle spielen, obwohl wir dessen Konsequenzen tragen und umsetzen müssen“.