Alsdorf: Din ist zehn, und er hilft Flüchtlingen

Alsdorf: Din ist zehn, und er hilft Flüchtlingen

Wenn der Ball fliegt, dann ist da kein Unterschied. Dann rennen sie rum und rangeln miteinander, versuchen ein paar tolle Tricks mit dem Leder, schwitzen und haben Spaß. Sind einfach Jungs, die zeigen wollen, was sie beim Fußball drauf haben.

Bloß die gelbe Warnweste, die Din Gutic trägt, signalisiert, dass er nicht den gleichen Status hat wie die Kinder, mit denen er da spielt. Denn er ist Deutscher, lebt in Alsdorf-Kellersberg, bloß ein paar hundert Meter weg von der großen Flüchtlingsunterkunft, die es seit gut einer Woche in der Turnhalle am Berufskolleg gibt. Dort ist Din beinahe jeden Tag. Nachmittags für ein, zwei Stunden. Erst zehn Jahre alt ist Din vor ein paar Wochen geworden — doch für viele der 160 Menschen in der Unterkunft ist der kleine Junge eine riesige Hilfe.

Um seinen Hals baumelt ein Ausweis, ausgestellt von der Städteregion Aachen. Darauf steht: „Hilfspersonal. Dolmetscher“. Wie viele Sprachen er wohl spricht? „Ein paar“, sagt er und grinst. Deutsch natürlich fließend, aber auch Bosnisch, denn sein Papa ist Bosnier. Kroatisch kann er ebenfalls, dann noch ein wenig Slowenisch und Albanisch wie sein Opa, „aber davon bloß ein paar Brocken, also nicht so viel“.

Nicht so viel? Für viele in der Unterkunft bedeutet es geradezu eine Welt. Denn die Mehrheit der Menschen dort kann eine dieser Sprachen verstehen. Die vielen Fragen, die sie haben, ihre Ängste, ihre Sorgen — Din kann ihnen zuhören und den Ehrenamtlern vom Deutschen Roten Kreuz und vom Technischen Hilfswerk, die sich in der Unterkunft engagieren, sagen, welche Hilfen die Flüchtlinge brauchen. Auch wenn Ärzte sie behandeln, steht er schon mal daneben und übersetzt. Der kleine Junge und die Erwachsenen — die Zeit der Flüchtlingsströme hat sie zu einer Einheit gemacht, die funktioniert. Was der Zehnjährige da leistet, beeindruckt die Großen. So einer verdient Respekt. Das empfindet Din anders. „Ich mach‘ das gern“, sagt er, wenn einer der Betreuer ihn lobt.

Meist ist er für die Jüngsten da. Gut 20 Kinder sind unter den Flüchtlingen. „Ich will, dass sie Spaß haben und spielen“, sagt Din. Sobald er mittags seine Hausaufgaben gemacht hat, will er zu ihnen. Den Ball nimmt er immer mit, der Stürmer vom JSV Alsdorf. Für sich und seine Jungs. „Meine neuen Freunde“, sagt Din Gutic. Sicher: „Ich weiß, dass es den Menschen hier nicht gut geht. Zwei von ihnen haben mir gesagt, dass sie gar keine Hoffnung mehr haben, dass es für sie mal besser wird.“ Das macht ihn traurig. Aber anmerken lässt er sich das nicht. Sein Lachen — das kennen sie im Lager. Wenn er an dem kleinen Häuschen des Sicherheitspersonals vorbeigeht, winken die ersten ihm schon entgegen. Ein paar Kinder kommen angerannt, er legt den Ball auf den Boden, dann rauschen sie auch schon ab und kicken zwischen den Bäumen hin und her.

Dins Hilfsbereitschaft könnte genetisch bedingt sein. Sagt jedenfalls seine Mutter, Sani Gutic. Ist bei ihr selbst auch so. Und war es schon bei ihren Eltern, die während des Bosnienkriegs von Deutschland aus Hilfstransporte organisiert hatten. „Hilfe ist bei uns einfach Familiensache“, meint Sani Gutic.

Dins Opa Medzit Sulja ist ebenfalls Dolmetscher in der Alsdorfer Unterkunft. Er ist mit seinen 73 Jahren der älteste, Din der jüngste. Ein tolles Gespann. Der Großvater ist stolz auf den Enkel. „Als er erfuhr, dass hier Flüchtlinge aufgenommen werden sollen, hat er gleich gefragt: ‚Kann ich da auch helfen?‘“ Das kann er — und das will er weiterhin gern tun. Das Training im eigenen Fußballverein — eigentlich drei Mal pro Woche — stellt der leidenschaftliche Stürmer momentan gern mal hintenan. Sein Spielfeld ist woanders. Dort, wo es weniger um Tore geht, sondern um kostbare Momente der Unbeschwertheit.

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