Mechernich: Digitale Notfallmappe: Vorbereitet für den Fall der Fälle

Mechernich: Digitale Notfallmappe: Vorbereitet für den Fall der Fälle

Veit Dammann muss ein sehr ängstlicher Mensch sein, der fast zwanghaft um die Sicherheit seiner Familie besorgt ist, könnte man meinen. Denn um Notfälle und Situationen, die die Angehörigen an die Grenze der Belastbarkeit bringen, scheint sich sein Leben zu drehen.

Auf seiner Website bietet er eine Notfallmappe zum kostenlosen Download an, in der Angehörige im Ernstfall alle wichtigen Daten finden, und unter der Marke „Mayday24” verkauft Dammann Notfall-Plaketten, über die die Polizei oder das Krankenhaus schnell Kontakt zur Familie herstellen können.

Aber Veit Dammann ist kein ängstlicher Mensch. Kein Kontrollfreak. Er ist eher der Typ Macher, der ein Problem erkennt und sofort eine Lösung sucht. In seinem eigenen Interesse, aber auch, um anderen das zu ersparen, was er selbst mit seiner Familie erlebt hat.

„Ich habe damals erfahren müssen, wie schlimm Angst und Hilflosigkeit sein können, und in diese Situation möchte ich nie wieder kommen müssen”, sagt er. Damals, das war vor 17 Jahren, als seine Tochter Lavinia von einem Einkaufsbummel aus Köln nicht zurückkehrte. In dem letzten Zug, der am Abend in Mechernich ankam, hätte sie eigentlich sitzen müssen. Laut Freundinnen war sie auch in den Zug eingestiegen.

Was Veit Dammann damals aber nicht wusste, war, dass Lavinia während der Zugfahrt einen Blinddarmdurchbruch hatte, der Zug anhielt und sie mit dem Notarzt direkt ins Kölner Uniklinikum gebracht wurde. Und da sie keinen Ausweis bei sich trug, wussten die Ärzte nicht, um wen es sich bei dem Mädchen handelte, das sie da gerade notoperierten. Währenddessen suchte Dammann mit Familie und Freunden die Gegend ab, kontaktierte jedes Krankenhaus in der Region. „Da ging uns echt die Düse”, erzählt er.

In Cargohose und gestreiftem Sweatshirt sitzt der 58-Jährige heute entspannt auf dem grauen Ledersofa im Wohnzimmer, gegenüber steht sein Schreibtisch, von wo aus er die Website und seine Kunden betreut. „Home” bilden vier weiße große Buchstaben, die auf der schwarzen Arbeitsplatte stehen. Erst einen Tag später habe er seine Tochter gefunden, erzählt der Privatier mit der Gelassenheit eines Menschen, der inzwischen Distanz zu den Geschehnissen gewonnen hat.

Und so sei die Idee zu einer Plakette entstanden, auf der eine Nummer steht, unter der er gegen 24 Euro im Jahr rund um die Uhr zu erreichen ist. Seit 2006 hat Dammann darauf ein Patent. Hinterlegt sind fünf Telefonnumern - ohne Namen oder Anschriften - von Menschen, die im Notfall informiert werden sollen. „Welche Schule weiß heute denn, unter welcher Nummer die Eltern auf der Arbeit zu erreichen sind, wenn mit den Kindern mal was ist”, fragt Dammann. „Oder wie der Lebensgefährte der Nachbarin heißt und wie der zu erreichen ist?”

Ähnlich kam er auf die Idee zu „Alles notiert”. Ein Jahr, nachdem er aus dem Management eines Fahrzeugglas-Dienstleisters ausgestiegen war, erlitt Dammann einen Herzinfarkt. Er war alleine zu Hause, seine Lebensgefährtin war - wie immer drei Tage unter der Woche - in Essen, und ärgerte sich schon, dass er sich nicht meldete. Erst zwei Tage später wurde er gefunden, konnte erst im Krankenhaus wiederbelebt werden und lag 20 Tage lang im Koma. Ein Schock für die Familie.

In dieser Zeit war seine Lebensgefährtin auch vor eine ganze Reihe zusätzlicher, unnötiger Probleme gestellt: Anrufe auf seinem Handy konnte sie nicht entgegennehmen, da es mit einem Tastencode gesperrt war. Aufs Online-Banking, um „Mayday24” weiter zu betreuen, konnte sie nicht zugreifen, weil sie die Zugangsdaten nicht kannte. Währenddessen hatten die Ärzte Dammann schon prognostiziert, dass er Folgeschäden davontragen werde. Aber Dammann kämpfte und belehrte sie eines Besseren.

Wieder zu Hause begann er zu überlegen, wie man es vermeiden kann, dass Angehörige in solchen Extremsituationen auch noch mit unnötigem Papierkram belastet werden. Notfallmappen gab es zwar bereits, „aber das sind Ordner, die nach ein paar Jahren leicht zu einem chaotischen Zettelhaufen werden”, meinte er. Also sammelte er im Umfeld Ideen, was in eine solche Mappe rein sollte, legte ein Pdf und eine Homepage an. Wer will, kann das Dokument runterladen, auf seinem Rechner ausfüllen und mit einem Passwort schützen. Dieses gibt er dann einem Angehörigen. Ändert sich etwas im Laufe der Zeit, kann das leicht im Dokument angepasst werden.

Über 40 000 Mal ist die digitale Mappe schon runtergeladen worden - das hätte ein guter Zuverdienst sein können. „Ich verlange aber ganz bewusst kein Geld dafür”, sagt Dammann. Schließlich sollen möglichst viele animiert werden, die Mappe zu nutzen. Damit man im Notfall weiß, was wo ist, und wie man drankommt.

Dammans Blick wandert durch die offene Terrassentür. Am Rand der Terrasse sitzt ein silberner Engel, der aus etwas Distanz die Karpfen im Wasser zu beobachten scheint. „Wenn es dunkel wird”, wird Dammann dann später noch erzählen, „leuchten die Augen des Engels.” Im Ernstfall, so könnte man fast meinen, würde der Engel sagen können, wie viele Karpfen gerade im Teich sind.

Auf 37 Seiten für den Ernstfall gewappnet

Wenn ein Mensch plötzlich ins Koma fällt oder sogar stirbt, sind Angehörige oft mit vielen bürokratischen Aufgaben überfordert. Gibt es einen Zusatzversicherung? Gibt es für die Miete eine Einzugsermächtigung oder irgendwelche Verbindlichkeiten? Gibt es mehr als ein Bankkonto oder eine Lebensversicherung? Um die Suche nach Antworten zu erleichtern, kann jeder Vorsorge treffen und die wichtigsten Daten in einer Notfallmappe hinterlegen. Veit Dammann bietet eine solche Mappe kostenlos und digital zum Download auf seiner Homepage an.

Auf 37 Seiten können Angaben zur familiären Situation, zu Versicherungen, Wohnsituation, Rente, Auto und vielen anderen Punkten gemacht und für Angehörige hinterlegt werden.

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