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Hochschulen ziehen Bilanz: Digital studieren ist praktikabel, aber nicht nur schön

Hochschulen ziehen Bilanz : Digital studieren ist praktikabel, aber nicht nur schön

Die Corona-Krise hat die Hochschulen herausgefordert. Nach dem Sommersemester wird in Aachen und NRW-weit Bilanz gezogen.

Das Virus kam Ende Februar. Das Wintersemester war gerade zu Ende und das bevorstehende Sommersemester weitgehend durchgeplant. An der RWTH Aachen mit ihren mehr als 45.000 Studenten und knapp 10.000 Mitarbeitern und der FH Aachen mit knapp 15.000 Studenten und mehr als 1100 Mitarbeitern musste man sich schnell von analog auf digital umschalten.

Das scheint erstaunlich gut gelungen zu sein. An der RWTH sind im Sommersemester „sicher 99 Prozent der vorgesehenen Veranstaltungen“ angeboten worden, sagt Prorektor Aloys Krieg auf Anfrage unserer Zeitung. An der FH waren es nach Aussage der dortigen Pressestelle mehr als 90 Prozent; damit liegt die Hochschule ungefähr im Durchschnitt der nordrhein-westfälischen Universitäten mit ihren rund 780.000 Studenten. „Die Umstellung auf digitale Angebote und der Ausbau der dafür benötigten technischen Infrastruktur sind erfolgreich verlaufen“, lautet das erste Fazit von Lambert Koch, dem Vorsitzenden der Landesrektorenkonferenz.

Das NRW-Wissenschaftsministerium äußert sich beeindruckt, wie flexibel und schnell die Hochschulen gemeinsam mit den Studierenden auf die Herausforderungen der Coronavirus-Pandemie reagiert hätten. Auch die gewählten Vertreter der Studierenden zeigen sich zufrieden: „Die Lehre funktioniert eigentlich ziemlich gut“, sagt Jonas Neubürger, Koordinator der Landes-Asten-Treffens NRW, in dem Studenten-Vertretungen der Hochschulen zusammengeschlossen sind.

Dem stimmt Aachens AStA-Vorsitzende Marc Gschlössl zu, wenn er auch noch Verbesserungspotenzial sieht. „Die studentischen Finanzierungshilfen sind immer noch unzureichend“, sagte er. „Und wir müssen genau darauf achten, dass wir alles barrierefrei organisieren.“ Er ist zuversichtlich. „Das hat sich alles gut eingespielt, und die Studierendenvertretung wird gut einbezogen.“

„Der Lehrbetrieb hat bei einer derart kurzen Vorbereitungszeit bemerkenswert gut funktioniert, weil alle Beteiligten großen Einsatz gezeigt haben“, sagt Krieg. „Viele Studierende wünschen sich aber den Präsenzbetrieb zurück, wie die studentische Umfrage zeigt. Vielen fehlt der soziale Kontakt.“ Derzeit laufe noch eine entsprechende Umfrage unter den Lehrenden. Die Fachhochschule lobt das Verhalten der Studenten bei Online-Klausuren wie Präsenz-Prüfungen als „sehr diszipliniert“. Die Zusammenarbeit in und mit den Fachbereichen habe „reibungslos geklappt“.

Im Sommersemester sind an der RWTH laut Krieg „lediglich ein paar Veranstaltungen im Wahlbereich sowie internationale Exkursionen“ ausgefallen. Für andere Exkursionen und Laborpraktika seien umfangreiche Hygienevorschriften entworfen, vom Arbeitsschutz abgenommen und umgesetzt worden – in kleineren Gruppen und mit längerer Dauer. 75 Prozent der Klausuren könnten mittlerweile mit den geltenden Abstandsregeln in den Hörsälen geschrieben werden.

Für das kommende Wintersemester, das am 26. Oktober beginnt, erwarten die Aachener Hochschul-Repräsentanten eine Art Mischbetrieb: größtenteils digitale Vorlesungen, aber Präsenz – ganz analog – in Kleingruppen für Seminare. NRW-weit wird es wohl nicht viel anders aussehen; Koch spricht von einem „Hybrid-Semester mit so viel Präsenz wie möglich“. Allerdings weiß derzeit niemand welche Hygiene- und Abstandsregeln im Herbst und Winter gelten werden.

Für Erstsemester an der RWTH plant Prorektor Krieg einen „Onboarding-Prozess“ in Kleingruppen, damit sie die Uni kennenlernen und zu Arbeitsgruppen zusammenfinden können. „Darüber hinaus werden wir Lizenzen für Videokonferenzsysteme an alle Studierenden verteilen, damit sie sich auch digital besser in Gruppen vernetzen können.“

Auch AStA-Chef Gschlössl denkt mit Blick auf Oktober vor allem an die Erstsemester, die aufgenommen werden müssten. „Die werden mit digitalen Vorlesungen gut klarkommen. Aber den Campus, den Spirit, den kulturellen Raum der Hochschule und ihrer Stadt kann man nur direkt vor Ort erfahren.“

Sollten irgendwann alle coronabedingten Restriktionen beendet werden, wird es nach Kriegs Überzeugung an den Universitäten beim Nebeneinander von analog und digital bleiben. Manches gehe über Video-Konferenzen schneller und einfacher. Aber abgesehen von der unumgänglichen Präsenz im Labor, sei auch im wissenschaftlichen Umgang miteinander der unmittelbare Kontakt sehr wichtig. „So baut man Vertrauen auf. Man kann einen Gesprächspartner viel besser einschätzen, wenn man sich direkt begegnet. Und wenn ich in der Vorlesung in die Gesichter der Studierenden blicken kann, erkenne ich viel besser, wie das, was ich sage, ankommt.“

(pep/dpa)