Organisiertes Verbrechen: Dieser Mann will den Clans ans Geld

Organisiertes Verbrechen : Dieser Mann will den Clans ans Geld

José Andrés Asensio Pagán ist Sportsmann. Kung-Fu, Karate und Judo. Kontaktsportarten sind ihm die liebsten. Vor allem aber Boxen. Das Duell. Mann gegen Mann. Denn im Ring, sagt der gebürtige Spanier, kann es zugehen wie in seinem Job.

Man treffe gelegentlich auf Gegner, die größer und stärker seien, die man aber trotzdem schlagen will. Und Pagáns Gegner im Beruf sind gefährlich. Der 52-Jährige geht gegen das Organisierte Verbrechen vor, gegen kriminelle Clans. Er will ihnen alles wegnehmen, ihre teuren Uhren, ihre Autos, ihr Vermögen. „Das ist hart und schwierig“, sagt er. Aber er setzt alles daran. „Wenn ich was ankündige, wird das auch gemacht.“

Der Oberstaatsanwalt leitet die bundesweit einzigartige Zentrale Organisationsstelle für Vermögensabschöpfung (ZOV) in Hamm. Kurz gesagt: Die Einrichtung beschlagnahmt die Reichtümer von Kriminellen. Und das dürfte Pagán zu einem der gefürchtetsten Männer im Milieu machen. Denn nichts beunruhigt das Organisierte Verbrechen mehr als der Verlust ihres Geldes. Und das verlieren sie oftmals mit einem leichtsinnigen Eintrag in den Sozialen Netzwerken. Jedenfalls kann es damit anfangen.

Herr Asensio Pagán, sind Sie gerne auf Facebook unterwegs?

José Andrés Asensio Pagán: Es gibt Ermittlungsvorgänge, bei denen Einträge auf Facebook oder in anderen Sozialen Medien eine wichtige Rolle spielen. Etwa die Abbildung einer Person vor einem hochwertigen Wagen – Audi R8, Lamborghini. Oder auch mit einem Luxus-Motorrad. Es gibt auch Nachbarn, die sich anonym bei der Polizei melden, weil sie sich wundern, was ihr Nachbar da so treibt, und die sich fragen, woher er das ganze Geld hat, wenn er erst mittags aus dem Haus geht. Das ist also anfangs nicht immer ein gezieltes Ermitteln der Polizei.

Und das kann den Kriminellen zum Verhängnis werden?

Asensio Pagán: Die Bürger können es nicht mehr sehen, wenn dubiose Figuren mit einem aufgemotzten schwarzen BMW oder Mercedes durch die Gegend fahren. Sie – und auch ich – fragen sich dann: Wie können die sich ohne entsprechendes Gehalt oder legales Vermögen solche Karren leisten? Dieses Zurschaustellen wird ihnen zugleich zum Verhängnis. Viele Leute regt das zu Recht auf. Nehmen wir einen Mann, der 30 Jahre gearbeitet hat und ein Auto fährt, das noch nicht abbezahlt ist – und dann kommt ein 20-Jähriger mit einer S-Klasse daher und protzt damit auch noch permanent auf der Straße. Das geht nicht. Und das spornt die Ermittler auch an.

Sie wollen Ihnen die Protzautos wegnehmen? Wie geht das?

Asensio Pagán: Ein Beispiel: Die Polizei sieht ein hochwertiges Fahrzeug in unmittelbarer Nähe von Bordellbetrieben. Der Fahrzeugführer ist behangen mit Goldketten und trägt eine hochwertige Uhr einer bestimmten Marke. Die Beamten kontrollieren diese Person. Und sie stellen fest: Der Mann ist polizeibekannt oder sogar vorbestraft.

Und dann fragen Sie, wie er das alles bezahlen kann?

Asensio Pagán: Da gibt es auch schon einmal freche Antworten wie: 30 Jahre Hartz IV angespart. Die Person ist aber erst 25 Jahre alt. Solche Umstände können es rechtfertigen, den Schmuck und das Auto zu beschlagnahmen. Das führt vielfach zum Erfolg. Man muss nur den Willen und die personelle Kapazität haben, intensiv in Ermittlungen einzusteigen. An dieser Stelle muss gesagt werden, dass laut Landeskriminalamt Sozialleistungen zu den legalen Einnahmequellen krimineller Clans gehören. Tätig sind die Clans aber vor allem in illegalen Geschäftsfeldern. Neben Gewalt- und Eigentumsdelikten sei das häufig Rauschgiftkriminalität, aber auch im Rotlichtmilieu seien sie aktiv.

Nach Angaben des LKA gibt es landesweit rund 50 Clans, deren Kontakte bis nach Berlin und Skandinavien reichen. Die Sicherheitsbehörden gehen von einer Mitgliederstärke im unteren fünfstelligen Bereich aus. Die größte Community lebt in Essen. Hinzu kommen Gelsenkirchen, Recklinghausen, Duisburg, Bochum und Dortmund in unterschiedlicher Ausprägung und mit unterschiedlicher krimineller Belastung. Dort finden seit Monaten intensive Razzien statt. Spezielle Staatsanwälte kümmern sich in den betroffenen Vierteln ausschließlich um die Clankriminalität und haben schon Hunderte Verfahren eingeleitet.

In Duisburg ist die Polizei auch schon gegen mutmaßliche Betrüger von Sozialleistungen vorgegangen, die ihre „Stütze“ mit teuren Nobel-Karossen abgeholt haben. Sieben Luxusautos wurden allein an einem Tag sichergestellt. Bei solchen Kontrollen bekommen die Polizisten häufig Ausreden zu hören – etwa dass das Fahrzeug einem gar nicht gehöre, nur geliehen sei.

Was kann man dann machen?

Asensio Pagán: Leasing, Schein-Leasing, Schein-Halterschaft sind Herausforderungen, aber zugleich lang bekannte Maschen. Auch diesen Tätern kann man auf die Spur kommen. Man muss prüfen: Wo steht das Fahrzeug jeden Tag, wer nutzt es tatsächlich? Dabei muss man Ruhe bewahren und darf nicht erwarten, dass sich Ergebnisse immer von heute auf morgen einstellen. Aber je intensiver wir beschlagnahmen, umso stärker werden auch die Täter versuchen, sich durch neue Verschleierungstaktiken davor zu schützen. Ich glaube aber, bei vielen Personen aus diesen Kreisen gehört das Protzen einfach dazu. Und das Protzen geben sie nicht auf. Wir bekommen sie über ihre eigene Eitelkeit. Sie protzen mit Gefängnisstrafen, mit Vermögen, mit Autos.

Aber die Polizei kann nicht einfach jeden anhalten, oder?

Asensio Pagán: Es bedarf Fachwissen. Es reicht ja nicht, einen jungen Mann anzuhalten, der ein Luxusauto fährt. Es kann ja das Fahrzeug seines Vaters oder eines Cousins oder ein Firmenfahrzeug sein. Wenn konkrete Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass ein Fahrzeug aus Straftaten stammt oder dieses Fahrzeug ein Produkt der Geldwäsche ist, kann man aktiv werden. Voraussetzung ist also immer das Bestehen eines Anfangsverdachts. Und der liegt dann vor, wenn es nach kriminalistischer Erfahrung möglich erscheint, dass ein Gegenstand der Einziehung unterliegen könnte. Wir haben das Instrument der Einziehung von Vermögen unklarer Herkunft, wenn es den Verdacht gibt, dass der Gegenstand unrechtmäßig erworben worden ist.

Asensio Pagán wohnt in Paderborn, fährt täglich mit der Bahn 40 Minuten nach Hamm. Sein Büro ist klein. Überall stehen Akten herum. An der Wand hängt ein Kalender mit Fotos seiner Familie. Sein Leben besteht aus viel Arbeit – intensiv, von morgens bis abends. 13 Stunden am Tag. Und auch am Wochenende. Sein Fachwissen ist auch international gefragt. Er spricht sechs Sprachen. Spanisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und ein bisschen Türkisch. Eine Frage des Ehrgeizes, sei das. Den er auch von seinen Kollegen erwartet. „Das alles macht nur Spaß, wenn man sieht, dass dabei etwas herauskommt“, sagt er. „Man muss hungrig sein nach Ergebnissen, nach Erfolgen in der Strafverfolgung.“

Sie kennen Clans seit Jahren ...

Asensio Pagán: Die sogenannte Clan-Kriminalität ist ein Phänomen der Organisierten Kriminalität, mit der die Staatsanwaltschaften bereits seit langem umgehen. Dementsprechend wird die Clan-Kriminalität im nächsten Lagebild des Bundeskriminalamts zur Organisierten Kriminalität dort als Unterkapitel geführt werden. Sogenannte Clan-Kriminalität scheint mir auch etwas ein Modebegriff zu sein, da sich der öffentliche Fokus derzeit stark darauf richtet. Man hat immer schon gegen solche Strukturen ermittelt.

Wenn schon lange gegen Clans ermittelt wird, wieso breiten sie sich immer weiter aus?

Asensio Pagán: Sie leben zum Teil in Strukturen, die sich dadurch auszeichnen, dass kein Vertrauen in Personen gesetzt wird, die nicht aus der Familie kommen. Deswegen kommt man nur schwer an sie ran. Auch verdeckte Ermittler auf solche Strukturen anzusetzen, ist schwierig. Die Ermittlungsarbeit wird durch diese Umstände erschwert. Das ist so, als wenn man im Meer schwimmt. Da sind hohe Wellen, anders als im „seichten Wasser“.

Die Geschichte der Clans, so haben die Ermittler festgestellt, beginnt in den 1930er Jahren. Sie stammen aus dem türkischen südöstlichen Grenzbereich, rund um die Provinz Mardin. In den 1930er Jahren sind sie von dort vertrieben worden und haben sich oft im Libanon niedergelassen. Auch dort konnten sie nur ein Leben am Rand der Gesellschaft führen. Als dann im Libanon in den 1980er Jahren der Bürgerkrieg ausbrach, sind viele von ihnen nach Europa gekommen, vorwiegend nach Deutschland und Skandinavien. In Deutschland haben sie sich in Berlin, Bremen, Niedersachsen und NRW niedergelassen, sind aber ausländerrechtlich zunächst nur geduldet und deshalb nach ihrem Empfinden nicht willkommen gewesen.

Erkenntnissen der Polizei zufolge kaufen die Clans verstärkt Immobilien auf. „Das heißt, sie waschen so ihr Geld. Hier bei uns in Essen sind viele Gebäude in deren Besitz – und es ist extrem schwer, denen nachzuweisen, dass das Geld dafür aus kriminellen Machenschaften stammt“, sagt ein Essener Ermittler. In NRW prüfen die Behörden derzeit sehr intensiv, wie genau die Clans ins Immobilieninvestment einsteigen – vor allem in den Erwerb sogenannter Schrottimmobilien.

Herr Pagán, Sie kennen diese Leute ...

Asensio Pagán: Das sind Kriminelle, die sich adrett kleiden und abends kriminelle Pläne schmieden. Und die dann offizielle Unternehmen betreiben, mit denen sie in erheblichem Umfang Steuern hinterziehen. Oder mit großer krimineller Energie Raubüberfälle auf Geldtransporter planen, sich Wissen von Insidern verschaffen. Sowas ist von langer Hand geplant. Früher bezeichnete man Wirtschaftskriminalität mit „White collar crime“ – Weiße-Kragen-Kriminalität –, heute könnte man zu den beschriebenen Phänomenen „Goldkettchen-Kriminalität“ sagen.

Und auch diesen Leuten kann man das Handwerk legen, wenn man sie in ihren Autos kontrolliert?

Asensio Pagán: Die Prüfung der Personalien, polizeiliche Erkenntnisse, Beobachtungsprotokolle und weitere Ermittlungsergebnisse – all das muss man zu einem Puzzle zusammenführen. Am Ende kann dann etwa die Einleitung eines Verfahrens wegen des Vorwurfs der Geldwäsche stehen. Das hat sich vielfach als sehr fruchtbar für die Einziehung von illegalem Vermögen erwiesen. Ein solches Verfahren kann sich positiver entwickeln als eine Beschlagnahme vor Ort. Man muss immer abwägen. Oder man sagt: „Hier mache ich erst einmal einen Zugriff, das Fahrzeug kassiere ich erst einmal ein.“

Asensio Pagán ist in seiner Jugend in Sportvereinen gewesen, in denen vor allem Menschen mit Migrationshintergrund gewesen sind. Das habe ihn immer motiviert, fleißig zu sein. Was zu bewirken. Zu studieren. Und Karriere zu machen, im Gegensatz zu vielen seiner Boxkollegen. Die wären immer um die Häuser gezogen, während er an der Universität gelernt habe. Selbst nach dem Boxtraining sei er spätabends immer noch zur Uni gegangen – mit blauen Augen. Er sei doch verrückt, hätten ihm seine Freunde dann immer gesagt. Aber genau das ist bis heute sein Erfolgsrezept – unermüdlich zu sein. „Wenn ich nach der Arbeit eine Stunde trainiere, dann bin ich wieder wie neu.“

Der 52-Jährige ist nach eigenen Angaben ein sparsamer Mensch. Auch deswegen regen ihn diese „Poser“ so maßlos auf. Auf Dienstreisen versucht er, möglichst wenig Geld auszugeben. Er verzichtet auf Taxis, nimmt stattdessen so oft es geht den Bus. Oder geht zu Fuß. Diese Sparsamkeit führt bei ihm dazu, dass er genauer hinschaut. Pagán faltet seine Hände zusammen, als er davon erzählt, wie er zuletzt während einer Dienstreise in Hamburg zu Fuß durch die Stadt gelaufen ist. Da habe er vor einer Ampel gestanden, während an ihm Luxuskarossen vorbeigezogen seien. Die Fenster abgedunkelt – fast immer das gleiche Erscheinungsbild. Und Asensio Pagán fragte sich: Wie kann der junge Mann hinter dem Steuer dieses Auto bezahlen? „Jedes Mal, wenn ich an so einem Fahrzeug vorbeigegangen bin, habe ich mir gesagt: Da gibt es sicher Ansatzpunkte für Ermittlungen.“

Mehr von Aachener Zeitung