Auf Filmautobahn in Aldenhoven: Dieser Ex-Raser veranstaltet jetzt legale Rennen

Auf Filmautobahn in Aldenhoven : Dieser Ex-Raser veranstaltet jetzt legale Rennen

Mit Autorennen auf abgesicherten Strecken möchte ein ehemaliger Raser junge Auto-Tuner von den Straßen locken. Vier Mal im Jahr bietet Nico Klassen in NRW legale Rennen an, auf einem Flugplatz in Brilon im Sauerland und auch auf der Filmautobahn in Aldenhoven.

Den illegalen Autorennen, die die Polizei am „Car-Freitag“ wieder erwartet, setzt Nico Klassen eigene Autorennen entgegen, zum Beispiel in Aldenhoven. Für die „Aldenhovener Viertelmeile“ am 6. und 7. Juli haben sich bereits 374 Fahrer angemeldet, so steht es auf Klassen Facebookseite. Klassen (39) kennt sich mit illegalen Rennen aus, in den 90er Jahren war er selbst in getunten Autos unterwegs, um sich in irgendwelchen Gewerbegebieten mit anderen Auto-Tunern zu messen. Das machte er so lange, bis ein Freund bei einem dieser Rennen starb, dann ließ Klassen es bleiben.

Spätestens seit bei illegalen Rennen in den vergangenen Jahren Unbeteiligten ums Leben kamen und ein Gericht in Berlin zwei junge Raser zu lebenslangen Freiheitsstrafen wegen Mordes verurteilt hat, sind die illegalen Rennen wieder ins Zentrum der medialen Aufmerksamkeit gerückt. Doch die abschreckende Wirkung von drakonischen Strafen gegen Raser und Auto-Tuner ist unter Kennern der Szene umstritten. Nach Einschätzung des rheinland-pfälzischen Innenministeriums hat das Berliner Urteil durchaus das Potenzial, Raser künftig abzuschrecken, wie ein Sprecher sagte. Nordrhein-Westfalens Innenministerium zeigte sich verhaltener: „Ob das Urteil eine solche Wirkung entfaltet, bleibt abzuwarten.

Ein Projekt für ganz Deutschland?

Klassens Idee ist eine andere. Er sieht in legalen Rennen die einzige Möglichkeit, die Geschwindigkeits-Junkies davon abzuhalten, in Innenstädten um die Wette zu fahren und so Menschenleben zu gefährden. Also veranstaltet er solche legalen Rennen wie das in Aldenhoven oder an einem Flugplatz in Brilon. „Ich will das Suchtpotenzial der Geschwindigkeit ein Stück weit stillen“, sagt er. Selbst die Verurteilung wegen Mordes werde die meisten nicht beeindrucken. „Sie fühlen sich unbeobachtet und denken, dass sie nie erwischt werden. Mich hätte damals auch kein Urteil, kein Gesetz abgeschreckt.“

Angebote wie seine müsse es in ganz Deutschland geben, sagt der 39-jährige Michaniker. „Aber Politik und Verwaltung ignorieren meine Vorschläge.“ In Dubai und Russland habe er bereits geholfen, gesicherte Strecken für Privatleute zu planen. Die Strecke in Aldenhoven hat Klassen nicht geplant, aber er nutzt sie ein bis zwei Mal im Jahr. Sie liegt gleich neben dem Aldenhoven Testing-Center (ATC) von Kreis Düren und RWTH Aachen, gehört aber nicht dazu. Die sogenannte Filmautobahn, auf der unter anderem die RTL-Serie „Alarm für Cobra 11“ gedreht wird, wird von Volkmar Balensiefer betrieben.

Die gesunkene Hemmschwelle

Die Rennen, die auf seiner Strecke stattfinden, sind nicht Balensiefers Lieblingsthema. Zu oft habe er Vorbehalte wegen dieser Rennen medial zu spüren bekommen, sagt er. Dabei haben weder die zuständige Dürener Polizei noch die Gemeinde Aldenhoven etwas gegen diese Rennen einzuwenden. Die Gemeindeverwaltung lobt sogar das „ausgesprochen gute Sicherheitskonzept“ und die „strikte Einhaltung der Lärmschutzvorschriften“, die regelmäßig und auch während der Rennen überprüft werde. Einen Rettungseinsatz hat es nach Auskunft der Gemeindeverwaltung auf Balensiefers Strecke noch nicht gegeben, jedenfalls nicht in der jüngeren Vergangenheit.

Der Veranstalter der Rennen werde von Balensiefer verpflichtet, die teilnehmenden Fahrzeuge technisch zu überprüfen. Balensiefer sagt, dass es dabei eigentlich noch nie Probleme gegeben habe. Auch deswegen hält es Nico Klassen für unklug, dass deutsche Behörden sich bislang dagegen sperrten zu versuchen, potenzielle Raser durch die Angebote legaler Rennen von den öffentlichen Straßen zu holen. Hohe Strafen würden „überhaupt keinen Effekt auf die Leute haben, die fest in der Szene verankert sind. Mich hätte damals auch kein Urteil, kein Gesetz abgeschreckt“, sagt Klassen. Die Hemmschwelle sei in den vergangenen Jahren gesunken.

„In den 90ern sind meine Freunde und ich in verlassenen Industriegebieten gefahren, wir hätten uns niemals in die Stadt getraut“, sagt Klassen. „Aber heute scheinen viele keinen Respekt mehr vor der Polizei zu haben.“

Und nun?

Die nordrhein-westfälische Polizei hat im Vorfeld des morgigen „Car-Freitags“ angekündigt, ihren Kontrolldruck auf die Raserszenen unverändert hoch halten zu wollen.

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