Exzellenzcluster „Internet of Production“: Die Zukunft von „Made in Germany“

Exzellenzcluster „Internet of Production“ : Die Zukunft von „Made in Germany“

Das Qualitätssiegel „Made in Germany“ soll auch in der Zukunft Bestand haben und wettbewerbsfähig bleiben. Die rund 35 im Exzellenzcluster „Internet of Production“ zusammengefassten RWTH-Institute und Forschungseinrichtungen erforschen deshalb neue Wege der Produktionstechnik.

Die Welt hat sich weitergedreht. Das merkt auch der traditionelle deutsche Maschinenbau. Zwar verspricht „Made in Germany“ noch immer höchste Produktqualität, doch vor allem die Unternehmen im US-amerikanischen Silicon Valley haben Deutschland etwas Entscheidendes voraus: Sie wissen Daten zu sammeln, auszuwerten und für ihre Zwecke zu nutzen. Daten sind die Währung der neuen Welt. Firmen wie Uber, Amazon, Facebook, Google und Co. machen es vor – aber deutsche Unternehmen machen es nicht in gleichem Maße nach.

Die Neuauflage des produktionstechnischen Exzellenzclusters der RWTH Aachen – mit überarbeitetem Namen „Internet of Production“ – hat sich deshalb für die neue Förderphase der Exzellenzstrategie auf die Fahne geschrieben, das zu ändern: „Wir wollen Daten aus Produktion, Entwicklung und Nutzung sammeln, auswerten und intelligent verknüpfen, um damit die gesamte Produktionstechnik voranzubringen“, erklärt Matthias Brockmann. Der 35-Jährige ist Geschäftsführer des Forschungsverbundes, dem insgesamt gut 35 RWTH-Institute und Forschungseinrichtungen und damit mehr als 200 Mitarbeiter angehören.

Matthias Brockmann, Geschäftsführer des Clusters, ist op­timistisch, dass man auf einem guten Weg ist. Foto: ZVA/Katharina Menne

Das Cluster ist einer von drei Bausteinen, die die Grundlage sind dafür, dass Aachen Exzellenz-Universität bleibt. Am 19. Juli wird bekannt gegeben, welche Universitäten künftig jährliche Fördergelder in zweistelliger Millionenhöhe von Bund und Ländern erhalten.

Zunächst als studentische Hilfskraft, dann als Doktorand und später als Post-Doc war Brockmann bereits am Vorgängercluster „Integrative Produktionstechniken für Hochlohnländer“ beteiligt. „Während wir in der Vergangenheit modelliert, modelliert, modelliert haben, können wir jetzt endlich nachhaltigen Nutzen daraus ziehen“, sagt Brockmann. „Jetzt kommen endlich die Informatiker dazu, die die Modelle auf völlig neue Weise mit den Daten zusammenbringen und die Maschinen vernetzen.“ Es gehe darum, die Produktion schneller, individueller und kostengünstiger zu gestalten bei gleichbleibender Qualität – eine echte Herausforderung.

Da geht es auch in zunehmenden Maß um eine neue Ära der Automatisierung. Roboter und Maschinen kommunizieren in einer völlig anderen Art und Weise, übernehmen einfache Tätigkeiten und reagieren flexibel auf sich stetig ändernde Produktionsanforderungen. Wo ist da noch Platz für den Menschen? „Das Thema Arbeit der Zukunft spielt im Cluster eine große Rolle“, sagt Brockmann. Deshalb habe man während der dreijährigen Antragsphase auch beschlossen, geistes- und sozialwissenschaftliches Know-how zu integrieren, wie beispielsweise die Lehrstühle für Arbeits- und Kommunikationswissenschaft. „Der Mensch als Entscheider ist immer noch oberstes Ziel.“ Man nehme die Sorge, der Mensch könnte eines Tages hinter Maschinen zurückstehen, ernst.

Die viel größere Herausforderung, um vor allem international mithalten zu können, sei an anderer Stelle zu suchen. „Wir schaffen es hier in Deutschland noch immer nicht, neue Produkte schnell so umzusetzen, dass sie marktfähig sind. Und das liegt nicht daran, dass wir das Wissen und die Fähigkeiten nicht hätten“, sagt Brockmann. Es sei vielmehr eine Akzeptanzfrage auf Kundenseite. Wer steige schon in ein Flugzeug ein, von dem er weiß, dass es sich noch in der Entwicklung befindet? Dabei sei es wichtig, den Kunden in den Entwicklungsprozess einzubinden und dessen Erfahrungen an den Ingenieur zurückzuspielen.

Ganz so, wie es das Baukastenprinzip der beiden im Umfeld des Clusters entwickelten Elektrofahrzeuge e.Go und Streetscooter vorsieht. Es sind die sichtbarsten Erfolgserlebnisse, die das Cluster bislang hervorgebracht hat. Im Unterschied zu herkömmlich produzierten Fahrzeugen großer Automobilhersteller wurden sie schon sehr früh der Öffentlichkeit präsentiert und anhand des Kundenfeedbacks weiterentwickelt. Auch wenn beide Fahrzeuge bereits vom Band laufen, nimmt noch immer keiner der beteiligten Entwickler den Begriff „fertig“ in den Mund. Brockmann: „Das Aufbrechen des schrittweisen Vorgehens nach strikten Regeln ist die Herausforde­rung, die man jetzt auf Basis der Daten angehen kann.“ Das müsse man nun in die deutschen Industrieunternehmen tragen und etablieren. Die Produktentwicklung müsse individueller und agiler werden, um gegen die USA und China bestehen zu können.

Doch neben den sichtbaren Ergebnissen gibt es laut Matthias Brockmann unzählige andere, für den normalen Bürger nicht unmittelbar wahrnehmbare Erfolge, die sich eher auf der Ebene Wissenschaft und Industrie abspielen. „Da geht es um 3D-Druck und andere produktionstechnische Verfahren, die hier entwickelt, verfeinert, optimiert oder integriert wurden und werden“, sagt er.

Natürlich sei man ein Bündel von Hochschulinstituten, die in erster Linie forschen. „Aber was diesen Standort ausmacht, ist, dass wir hier nicht mit Prototypen hantieren, sondern mit realen Produktionsmaschinen arbeiten“, betont Brockmann. Man entwickle die Produkte oder Fertigungsverfahren bis zu einem Level, auf dem man zeigen könne, dass es funktioniert. Dann übergebe die Forschung an die Gesellschaft und die Industrie.

Brockmann reagiert damit auch auf den oft gehörten Vorwurf einer zu stark an den Wünschen der Industrie orientierten Forschung im Bereich der Aachener Produktionstechnik. Die im Cluster zusammengefassten Institute gruppieren sich um das traditionsreiche Werkzeugmaschinenlabor (WZL) mit den Professoren Robert Schmitt, Thomas Bergs, Günther Schuh und Christian Brecher. Die beiden letztgenannten bilden darüber hinaus zusammen mit Matthias Jarke und Matthias Brockmann das Management des Clusters. Nirgendwo sonst an der RWTH werden so viele Drittmittel aus der Industrie eingeworben wie hier.

Ein Widerspruch zur Freiheit der Forschung? Nicht, wenn man die beteiligten Professoren fragt. „Unser Selbstverständnis ist es, die Probleme der Praxis zu lösen“, hat der geschäftsführende Direktor des WZL, Professor Günther Schuh, einmal in einem Interview mit dieser Zeitung gesagt. Und als Problemlöser will sich auch das Cluster „Internet of Production“ verstanden wissen. Brockmann: „Die breite Expertise, die wir hier in Aachen haben, ist einzigartig. Wir wären blöd, wenn wir dieses Potenzial nicht nutzen würden.“

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