Für einen politischen Systemwandel einsetzen: Die Urenkelin von Konrad Adenauer streikt mit „Fridays for Future“

Für einen politischen Systemwandel einsetzen : Die Urenkelin von Konrad Adenauer streikt mit „Fridays for Future“

Auf der Diamantenen Hochzeit ihrer Großeltern hat Tabea Angela Merkel getroffen. Damals, auf dem Petersberg in Königswinter, fand parallel ein Treffen der Kanzlerin mit dem mexikanischen Präsidenten statt.

Merkel kam zu Tabeas Großmutter, um sie zu grüßen und  die kleine Tabea, damals noch sieben, fragte ihre Eltern warum. „Sie haben mir erklärt, dass Uropa in der Politik war und viel für unser Land getan hat.“

So in etwa kann man es formulieren. Man könnte aber auch sagen: Er hat eine Ära geprägt. Tabea Werhahn, 16 Jahre alt, Zahnspange und schulterlanges blondes Haar, sitzt in einem Café im Düsseldorfer Stadtteil Oberkassel und streift sich einen blauen Pullis mit goldenen EU-Sternen über. Die Familiengeschichte sieht man Menschen nicht an, und niemand, der Tabea trifft, würde auf Anhieb ahnen, dass sie die Urenkelin von Konrad Adenauer ist, dem ersten Bundeskanzler Deutschlands und Gründungsvater der CDU.

Wie ist das, wenn Straßen, Brücken, Plätze, Stiftungen, sogar ein Flughafen nach dem eigenen Uropa benannt sind? „Mit seinen Verdiensten hab ich mich nie wirklich beschäftigt“, sagt Tabea. „Das ist mir alles zu weit weg.“ Vielmehr interessiere sie die aktuelle Politik. Gerade liest sie ein Buch von Tom Hawken mit dem Titel „Der Plan – Wie wir die Erderwärmung verhindern können“. Spätestens jetzt wird klar: Auch Tabea ist politisch. Sie ist eine, die freitags streikt. In der Klimabewegung „Fridays for Future“ geht sie seit Monaten für mehr Klimaschutz auf die Staße.

Drei Generationen Abstand, zwei Missionen: Konrad Adenauer hat aus dem labilen Nachkriegsdeutschland eine starke Volkswirtschaft gemacht. Wiederbewaffnung, Westintegration und Soziale Marktwirtschaft waren die Themen seiner Zeit. Als Mitbegründer der Montanunion schuf er einen gemeinsamen europäischen Markt für Kohle und Stahl. Tabea hingegen schwänzt freitags die Schule – auch weil ihr das mit dem Kohleausstieg nicht schnell genug geht. „So wie es jetzt läuft, geht’s nicht weiter“, sagt sie. Es sei nicht realistisch, dass die größte Krise der Menschheit von Einzelnen gelöst werden soll. Ein Systemwandel müsse her.

Acht Kinder, 24 Enkel, 51 Urenkel

Der Bundeskanzler und die Aktivistin. Zu Recht könnte man behaupten: Da liegen 70 Jahre zwischen, jede Zeit hat ihre Themen. Und jedes Thema seinen Kampf. Doch so einfach ist es nicht: Denn Tabea kämpft eigentlich auf zwei Seiten, weil sie zwischen der Bewegung und ihrer Familie steht.

Konrad Adenauer hatte aus zwei Ehen immerhin acht Kinder. 24 Enkel und 51 Urenkel sind denen gefolgt. An Weihnachten kommt die Großfamilie zusammen, im Wohnhaus des Altkanzlers in Rhöndorf bei Bonn. Das ist seit 1967 eigentlich ein Museum, aber es gibt eine Abmachung: Solange noch Kinder von ihm leben, darf die Familie sich dort treffen. Das hatte sich „der Alte“ so gewünscht.

Adenauers Nachkommen haben sich seine Werte und den politischen Katholizismus bewahrt: Die  jüngste Tochter, Tabeas Großmutter Libet, saß jahrelang für die CDU im Neusser Stadtrat, aber auch seine Enkel vertreten die Christdemokraten in der Kommunalpolitik. Viele Familienmitglieder sind wie Adenauer Juristen, arbeiten als Rechtsanwalt oder Notar. Tabeas Onkel Patrick Adenauer ist Vize-Präsident des Verbands „Die Familienunternehmer“ und war über zehn Jahre Präsident der Industrie- und Handelskammer Köln.

Großmutter Libet, die ihren Vater häufig zu offiziellen Anlässen begleitet hatte, hat einen Sohn der Neusser Unternehmerfamilie Werhahn geheiratet, einer der reichsten Familienkonzerne im Land. Hermann Josef  Werhahn saß in zahlreichen Kontrollgremien: Von Brauereien, Banken und Fabriken, auch bei RWE.

Das Gefühl, belächelt zu werden – „Fridays for Future“-Aktivisten kennen das gut. Tabea kennt es wahrscheinlich noch besser. „Es gibt schon viele Punkte, über die ich mit meinen Verwandten nicht mehr rede“, sagt sie. „Ich habe dann das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Die denken, ich bin zu idealistisch.“

So sieht das wahrscheinlich auch ihr Onkel aus Köln, der genauso wie der Bundeskanzler heißt und sich immer wieder in der Presse äußert. Konrad Adenauer junior echauffierte sich noch vor Kurzem im „Express“ über „Fridays for Future“-Ikone Greta Thunberg: Die Aufregung um die Klimakrise grenze an „Massenhysterie“, sämtliche klimaschonenden Anstrengungen seien „jeck“.

Man suche sich ja nicht aus, wo man reingeboren wird, sagt Tabea. Und fügt hinzu, wie sehr sie ihre Familie liebt. „Die wollen mir ja persönlich nichts Böses und haben zum Teil einfach nur eine andere Ansicht.“

Dass sie nicht ernstgenommen wird, ist für Tabea nur eine Seite des Problems. „Viele haben das Bild, dass ,Fridays for Future’-Aktivisten linke Bio-Kinder sind“, sagt sie. Dabei sei sie selbst der Beweis, dass das nicht stimme. Und doch: Vor ihren Mitstreitern bei „Fridays for Future“ hält sie sich mit ihrer Familiengeschichte bedeckt. Denn sie hat Angst, dass sie denken, dass sie sich wichtig machen will.

Tatsächlich gibt es auch etwas, das sie an den Demos von „Fridays for Future“ stört: Der Anti-CDU-Geist, der dort manchmal herrsche, oder wenn jemand „Anti-Kapitalismus“ ruft. Die Klimabewegung legt wert darauf, politisch unabhängig zu sein, „anti-kapitalistisch“ ist sie deshalb gerade nicht.

„Politik ist für mich immer nur das kleinste Übel“, sagt Tabea. Sie hält es für gefährlich, eine Partei aus Prinzip abzulehnen. Nein, sie habe kein Problem mit der CDU. Sie würde sie eben nur nicht wählen. Vielmehr interessiert sich Tabea für Menschen mit Meinungen, wie unterschiedlich die auch sind. Gerne würde sie Internationale Beziehungen studieren und später als Diplomatin arbeiten. Politik, vor allem in Bezug auf das Klima, sollte etwas Überparteiliches sein.

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