20 Jahre kadawittfeld: Die Star-Architekten aus Aachen

20 Jahre kadawittfeld : Die Star-Architekten aus Aachen

Das Büro, das weltweit atemberaubende Neubauten entwirft, sitzt ausgerechnet in einem Altbau. Vor 20 Jahren wurde das Architekturbüro kadawittfeld in Aachen gegründet. Das Unternehmen um Kilian Kada und Gerhard Wittfeld gehört längst zu den Stars der Szene.

Der Altbau in der Aachener Innenstadt ist ziemlich schmucklos. Ein mehrgeschossiger Betonklotz, typische Architektur aus den 1960er Jahren eben, damals durchaus schick. Einst war er die Zentrale der großen AachenMünchener-Versicherung. Der Name ist jetzt verschwunden, die Nachfolgerin heißt Generali und wohnt nebenan. In einem auffälligen Neubau, der neben dem Altbau wie ein dort gelandetes Ufo aussieht. Mehr als 100 Millionen Euro hat der Bau gekostet, fast auf den Tag genau vor neun Jahren war Eröffnung. Geplant hat das neue Ensemble das Aachener Büro kadawittfeldarchitektur, das damals den Wettbewerb gewann.

Just kadawittfeldarchitektur sind es denn auch, die jetzt in jenem Altbau residieren. Zur Miete auf drei Etagen, die alles andere als alt wirken, sondern – jede mit einem eigenen Design und einer individuellen Charakteristik – eher wie eine ­Lounge denn wie ein Firmensitz daherkommen. Die Sache mit der AachenMünchener hat für die Architekten eine ganz besondere Bedeutung in der Historie des Büros: „Dieses Projekt war für uns so etwas wie der Turn­around“, sagt Gerhard Wittfeld, der das Unternehmen zusammen mit dem Österreicher Klaus Kada, damals Professor an der RWTH, 1999 gründete. Das war also vor 20 Jahren, was dieser Tage im Aachener Ludwig Forum entsprechend gefeiert wurde.

Turnaround-Projekt: Der Neubau der AachenMünchener-Versicherung stellte einen Meilenstein für kadawittfeld dar. Foto: Andreas Herrmann

Gefeiert wird bei kadawittfeld – heute geführt von Wittfeld und Kadas Sohn Kilian sowie Stefan Haass, Dirk Lange und Jasna Moritz – des Öfteren. Das Büro gewinnt einen bedeutenden Wettbewerb nach dem anderen. Und oft ist ein neues Projekt größer als das letzte, das auch schon groß war. Bisweilen ist es aber auch der neue Kindergarten, der aus der kadawittfeld-Feder – wie jener an den Burtscheider Kalverbenden – zum Hingucker wird. Längst haben sich die Aachener international etabliert. Von Aachen aus wird für ganz Deutschland und auch weit darüber hinaus entworfen. Ein gutes Beispiel ist der Salzburger Hauptbahnhof, ein Prachtstück von 1860, das nach der Modernisierung 2014 noch prächtiger wirkt. Entworfen wurde das Ganze von kadwittfeldarchitektur. Bauvolumen: 250 Millionen Euro.

Der Anteil der Projekte, die die mittlerweile rund 160 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in ihrer Heimatstadt selbst realisieren, ist im Vergleich zum Gesamtvolumnen gering. „Es sind heute etwa zehn Prozent“, sagt Gerhard Wittfeld. Aber die sind auch ziemlich augenfällig. Die Archäologische Vitrine im Elisengarten zählt ebenso dazu wie das Jobcenter an der Krefelder Straße oder die Erweiterung des ALRV-Dressurstadions. Bald folgen der Umbau des ehemaligen Horten-/Lust-for-Life-Hauses in der City, ein neues Wohnquartier am Marschiertor oder auch das Projekt „Bankhaus“ am Stadttheater.

Heißes Projekt: Beim Umbau des alten Hortenhauses in Aachen soll die Wärme der Rosenthermalquelle im Keller genutzt werden. Foto: Entwurf: kadawittfeldarchitektur / Visualisierung loomilux

Nur mit einem Wunsch werden Kunden vergeblich vorstellig: dem Einfamilienhaus. „Das passt einfach nicht in unseren Rahmen“, so Wittfeld. Abgesehen von Projekten beschäftigen sich die Architekten auch sonst mit der Entwicklung in Aachen, die sie nicht immer glücklich macht. Das Scheitern der Campusbahn etwa sieht Wittfeld heute noch als großen Fehler an: „Das ist eine verpasste Chance, die nicht korrigierbar ist. Stattdessen verstopfen die Bluttransportgefäße der Stadt.“

Auch das Potenzial der RWTH werde zu wenig „verkauft“. Und während Menschen von außerhalb Aachen als sehr attraktiv empfinden, sei es bei den Aachenern selbst oft umgekehrt. Da beklage man sich etwa darüber, dass der Rasen im Elisengarten malträtiert sei. „Das ist doch toll. Das zeigt doch, wie sehr der Elisengarten heutzutage genutzt wird“, findet Kilian Kada. Spannend, da sind sie sich sicher, werden die dringend nötigen neuen Strukturen rund um Büchel und Bushof oder im RWTH-Bereich rund ums ausgediente Kármán-Auditorium. Alles Areale, in denen der „Status quo nicht okay“ sei.

Vorzeige-Projekt: Für den Neubau der DFB-Akademie in Frankfurt (Kostenpunkt: 150 Millionen Euro) fand jüngst unter großem öffentlichen Interesse die Grundsteinlegung statt. Foto: KadaWittfeld

Auf 20 Erfolgsjahren ruhen sich die Planer nicht aus. Gerade haben sie zwei neue Coups gelandet: Sie haben das IBM-Headquarter in der 9000-Seelen-Gemeinde Ehningen entworfen, wo 2400 Mitarbeiter Platz finden. Ebenso haben sie die Zentrale der Continentale-Versicherung in Dortmund ­kreiert. Für die DFB-Akademie (150 Millionen Euro) in Frankfurt fand dieser Tage die Grundsteinlegung statt. Entworfen haben die Aachener auch die Lidl-Zentrale in Bad Wimpfen (über 200 Millionen), das LVR-Gebäude in Köln (150 Millionen), die neue Heimat der RAG im Weltkulturerbe Zeche Zollverein, die neue Halle 12 der Messe Frankfurt (250 Millionen Euro), Museen, Kliniken, Hochschulen und, und, und.

Nimmt man alles zusammen, könnte einem leicht der Begriff „Stararchitekten“ in den Sinn kommen – also wie Peter Eisenman, Norman Foster, Frank Gehry, Renzo Piano. Das aber ist ein Begriff, mit dem Kada und Wittfeld wenig anfangen können. „Da sind wir völlig uneitel“, sagen sie und wirken auch tatsächlich eher wie die netten Jungs von nebenan. Zumal: In ihrem Büro werde im Kollektiv gearbeitet. Die Belegschaft ist bunt – aus über 20 Nationen. Und eine klare Handschrift gibt es auch nicht. Jedes Projekt wirkt anders. Es wird passgenau auf die Situation vor Ort geschneidert und nicht der Ort dem Architektenstil untergeordnet. Expansion um jeden Preis gibt es auch nicht. Man hat eine Dependance in Berlin, New York muss es aber nicht sein. Und es könne durchaus sein, dass man ein Projekt aus moralischen Gründen ablehnt – etwa mit Blick auf die aktuelle Situation in China.

Neues Projekt: Die Zentrale der Continentale-Versicherung in Dortmund. Foto: KadaWittfeld

Nicht immer herrscht über neue Projekte und auch über die Entwürfe Begeisterung im Umfeld. Gegenwind schlägt auch den Architekten bisweilen in Bürgerinformationen entgegen. Eine Situation, die sie nicht scheuen: „Ich liebe es, unsere Entwürfe vorzustellen und darüber zu diskutieren“, sagt Gerhard Wittfeld. Das gilt im Übrigen nicht minder gegenüber potenziellen Bauherren und Investoren, wenn sie auf der Matte stehen. Da kann es auch mal sein, dass den Geldgebern der eine oder andere Ideenzahn gezogen und das Ganze aufs Machbare fokussiert werden muss. Meist münde das jedoch in einem konstruktiven Dialog.

Den erlebt man auch, wenn man die Büros von kadawittfeldarchitektur in Aachen besucht. Gewerkelt wird da überraschenderweise nicht nur in virtuellen Computerwelten oder mit dem 3-D-Drucker, der natürlich auch längst Einzug gehalten hat. Nein, es entstehen wie eh und je auch „reale“ Modelle in filigraner Handarbeit. Auch da trifft in jenem Altbau das Gute von gestern auf die richtungsweisende Architektur der Gegenwart und Zukunft.

Nachhaltiges Projekt: Die riesige neue Messehalle 12 in Frankfurt kostete nicht nur 250 Millionen Euro, sie hat auch einige ökologische Komponenten. So zum Beispiel eine große Solaranlage auf dem Dach, deren Strom für mehr als 200 Einfamilienhäuser reichen würde. Foto: KadfaWittfeld/KadaWittfeld