Aachen/Heinsberg: Die Sirenen kehren auf die Dächer zurück

Aachen/Heinsberg: Die Sirenen kehren auf die Dächer zurück

Nach dem Ende des Kalten Krieges sind mit dem Vertrauen in Europas Frieden Tausende Sirenen auf deutschen Dächern verschwunden. Der Bund bot damals den Städten und Gemeinden an, die grauen „Pilze“ zu übernehmen, doch nicht alle taten das. Heute, rund 20 Jahre später, besinnen sich viele Städte neu.

Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Innenministeriums sind im Sirenen-Kataster des Landes inzwischen schon wieder rund 3500 Heuler in 280 der 396 Städte und Gemeinden verzeichnet.

Auch die Städteregion Aachen will die durchdringenden Anlagen unbedingt wieder im gesamten Bereich des Altkreises Aachen installieren; nicht vorrangig für die Alarmierung der Feuerwehr, sondern im Katastrophenfall als Warnung für die Menschen vor Ort. In der Nordeifel und Baesweiler sind die Sirenen nie verschwunden. In Alsdorf, Eschweiler, Herzogenrath, Stolberg und Würselen muss nun investiert werden.

Vom Land hat die Städteregion als Zuschuss dafür schon 170.000 Euro erhalten, im Haushalt für 2015 und 2016 stehen weitere 650.000 Euro. In den drei Folgejahren sollen weitere 1,2 Millionen Euro folgen.

Marlis Cremer, Leiterin des Amtes für Bevölkerungsschutz in der Städteregion, ist über diese Entwicklung hörbar erleichtert. Im Ernstfall brauche man einfach etwas, das die Bürger aufmerksam macht, das sie aufweckt. „Und das geht immer noch am besten mit Krach.“ Die gute, alte Sirene sei da das Mittel der Wahl.

Erst, wenn die Menschen „geweckt“ seien, würden sie nach Informationen suchen, was denn los sei. Die müsse man als Katastrophenschutzamt dann natürlich liefern — über die Medien, das Internet oder, wenn gar nichts mehr funktioniere, im Zweifel auch über den Lautsprecherwagen. Doch jahrelange Erfahrungen mit anderen Systemen, etwa selbsteinschaltenden Radio-Empfängern oder etwa SMS-Warnungen, haben eindeutig ergeben: „Die Erstwarnung über die lauten Sirenen ist durch nichts zu ersetzen.“

In Aachen muss diesbezüglich nicht viel passieren. „Die Stadt ist noch flächendeckend mit Sirenen ausgestattet, die alle genutzt und gepflegt werden“, sagt eine Sprecherin. Zum größten Teil sei das Sirenennetz inzwischen sogar digitalisiert. Auch im Kreis Heinsberg sind die Sirenen noch flächendeckend vertreten. Allerdings können 100 von 182 Sirenen bislang nur von der Feuerwehr genutzt werden. Investiert wird nun, um sie auch im Katastrophenfall verwenden zu können. Die Umrüstung soll Ende des Jahres geschafft sein.

Das Land hatte den NRW-Kommunen im vergangenen Jahr 10 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um ihre Warnsysteme zu optimieren. Die 170.000 Euro für die Städteregion stammen aus diesem Topf. „Die Wahl der Mittel liegt aber im Ermessen der Kommunen“, sagt ein Sprecher des NRW-Innenministeriums. „Ein schlüssiges Warnsystem müssen sie aber haben.“

Auf dem Vormarsch sind High-Tech-Lösungen. NRW testet für das Bundesamt für Katastrophenschutz gerade in Düsseldorf und Gütersloh eine Katastrophen-App, die Warnungen per Eilmeldung auf private Smartphones überträgt. Auch Sirenen können mit der satellitengestützten Technik aktiviert werden.

Dass es sinnvoll ist, die Sirenen wieder zu aktivieren, stellt niemand in Frage. Doch mancher Stadt bereiten die damit verbundenen Kosten Bauchschmerzen. Duisburg etwa gehört zu den am höchsten verschuldeten Städten Deutschlands.

Doch die Duisburger hatten eine pfiffige Idee: Sponsoring für Sicherheit. Sie holten Dutzende Unternehmen ins Boot, die zusagten, gut die Hälfte der Kosten zu übernehmen. Immerhin mussten für 65 Hochleistungssirenen 950.000 Euro einkalkuliert werden — ohne Wartungskosten. Das Modell funktioniert: Bald konnte der erste Probealarm ertönen.

Das will auch Essens Brandschutz-Dezernent Christian Kromberg erproben und das Duisburger Modell im kommenden Monat im Fachausschuss vorstellen. Grob geschätzt geht Kromberg von rund einer Million Euro an Kosten aus, um etwa 50 Sirenen im Stadtgebiet zu installieren.

„Dann brauchen wir aber auch eine Kampagne, um die Leute wieder an Sirenen zu gewöhnen“, sagt Kromberg. In Friedenszeiten gingen viele Bürger automatisch von einem Probe-Alarm aus oder wüssten die auf- und abschwellenden Heul-Töne nicht richtig zu deuten.

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