Die Reise mit dem Koffer in die Fußball-Vergangenheit

Angebot für die Demenzkranke : Die Reise mit dem Koffer in die Fußball-Vergangenheit

Es gibt einen Koffer, dem eine eigene Adresse im Internet eingerichtet wurde. Auf der Homepage von Fortuna Düsseldorf ist er erreichbar, und in den letzten Wochen hat er regelmäßig Anfragen erhalten, ob er nicht mal vorbeikommen möchte.

Der Koffer ist nicht nur wegen seiner digitalen Erreichbarkeit berühmt, er illustriert auch ein bisschen die soziale Kompetenz von Fortuna Düsseldorf. Denn der Bundesligist hat sich im vergangenen Sommer als erster deutscher Fußballklub entschieden, einen eigenen Demenzkoffer auf die Reise zu schicken.

Die Arbeit mit einem Erinnerungskoffer ist Alltag für die Fachleute, sagt der Alterspädagoge Peter Tonk aus dem Service-Zentrum. Wichtig sei, dass sich die Gegenstände anfassen lassen, so kommen Erinnerung wieder zum Vorschein. Wissenschaftlich lässt sich durchaus belegen, dass sich Demenzerkrankte durch die Aufarbeitung und Einbeziehung der eigenen Vergangenheit - also eine strukturierte Biografie- und Erinnerungsarbeit - aktivieren lassen. Sie werden in einer Zeit abgeholt, als sie noch sehr viel jünger waren. „Wir möchten mit den Besuchen und dem Fortuna-Demenzkoffer das Selbstwertgefühl und das Wohlbefinden der Erkrankten steigern. Kurz gesagt: Wir wollen Freude bereiten“, sagt Tonk.

Solche Beispiele gibt es bereits in England und Schottland, sagt Stefan Felix. Der Hauptverantwortliche für den Bereich Inklusion und Behindertenfanbetreuung beim Bundesligisten hat für die Idee in seinem Klub ein paar Monate geworben. „Es war nicht so schwierig, Menschen dafür zu begeistern“, sagt er. Ein kompetenter Begleiter hat sich dann schnell gefunden. Das Projekt wurde vorbereitet und entwickelt vom Demenzzentrum für die Region Düsseldorf. Eine ganze Mannschaft ehrenamtlicher Helfer wurden hier monatelang geschult, die nun regelmäßig mit dem Koffer in Einrichtungen oder auch bei Straßenfesten unterwegs sind, in denen Demenzerkrankte leben.

Solche Koffer gibt es in der Demenzbegleitung natürlich mit individuellem Inhalt, aber auch themenbezogen: An Italien wird erinnert, an alte Werkzeuge oder Autos. Es ist fast erstaunlich, dass der populäre Fußball bislang kaum eine Rolle gespielt hat in einem Land mit etwa 1,7 Millionen Demenzerkrankten. In Fortunas Koffer sind Schals, alte Spielankündigungsplakate, Fotos, Eintrittskarten, Autogrammkarten, Fahnen, eine komplette Trikotage, Fußballschuhe und Anstecknadeln abgelegt. Relikte aus einer Zeit, in der es noch kein eigenes Marketing-Sortiment gab. Zeitungsausschnitte berichten von der Deutschen Meisterschaft 1933 oder der Ghana-Reise der Fortuna von 1958. Damit wird primär an die Vergangenheit erinnert. Als positiver Effekt wurde jedoch festgestellt, dass auch die kognitiven Fähigkeiten, die den Alltag betreffen, substantiell gefördert werden können, sagt Peter Tonk, der Experte aus dem Demenzzentrum.

Es ist nicht nur ein Männerkoffer, der da seit Monaten durch die Düsseldorfer Region reist. Auch Frauen erinnern sich plötzlich an ihre Männer, „die ohne Fahne loszogen und mit Fahne vom Fußballspiel zurückkamen“, grinst Stefan Felix. In den letzten Wochen hat er das Projekt bei ein paar Tagungen noch bekannter gemacht, inzwischen interessieren sich auch andere Bundesligisten wie Hertha BSC oder Bayer Leverkusen für die Idee mit dem Koffer.

Das Projekt eigne sich besonders für Traditionsvereine mit einer langen Historie und Erfolgsgeschichte, sagt Fortunas Inklusionsbeauftragter. Alemannia Aachen wäre auch so ein Verein, der seit Jahrzehnten Schlagzeilen schreibt. Retortenklubs mit kleiner Biographie sind da nicht so prädestiniert. „Vereine wie RB Leipzig oder 1899 Hoffenheim müssen noch etwa 40 Jahre warten“, sagt Fußballfan Felix. „Ohne Tradition funktioniert kein Koffer.“

Gute Idee: Stefan Felix, zuständig beim Fußball-Bundesligisten für Inklusion und Behindertenfanbetreuung, betreut das Projekt. Foto: ZVA/Thorsten Schmidtkord

Hier geht es zum Erinnerungskoffer von Fortuna Düsseldorf.