Dokumentarfilm „The Cleaners“: Die Putzkolonnen auf dem digitalen Müllberg

Dokumentarfilm „The Cleaners“ : Die Putzkolonnen auf dem digitalen Müllberg

Der Dokumentarfilm „Cleaners“ taucht ein in die dystopische Atmosphäre des Molochs Manila, wo digitale Putzkolonnen in glitzernden Bürogebäuden sitzen und die Social-Media-Plattformen aufräumen. Der Film ist bald in Aachen zu sehen - uns Regisseur Hans Block stellt sich danach der Diskussion.

Im März 2013 entdeckten Tausende Facebook-Nutzer auf ihrem Newsfeed ein Video, in dem zu sehen war, wie ein kleines Mädchen von einem älteren Mann vergewaltigt wurde. Das Video wurde über 16.000 Mal geteilt, bevor es gelöscht wurde. Der Fall löste weltweit Entsetzen aus. Auch Hans Block und Moritz Riesewieck wurden darauf aufmerksam – zwei Theater-Regisseure, die sich während des Studiums in Berlin kennengelernt hatten.

Ihre  naheliegende Frage, wer Inhalte auf den Sozialen Plattformen filtert, mündete in eine jahrelange Recherche, in ein Theaterprojekt und schließlich in einen Dokumentarfilm, der Anfang des Jahres beim Sundance Filmfestival in den USA Weltpremiere. Nun ist der von der Kritik völlig zu Recht hochgelobte Film auf Einladung der Fachgruppe Informatik der RWTH noch einmal in Aachen zu sehen. Hans Block stellt sich danach der Diskussion.

Nur wenige Sekunden Zeit

„Cleaners“ taucht ein in die dystopische Atmosphäre des Molochs Manila, wo digitale Putzkolonnen in glitzernden Bürogebäuden sitzen und die Social-Media-Plattformen aufräumen. Sie haben nur wenige Sekunden Zeit, um zu entscheiden, ob ein Inhalt, der als verdächtig eingestuft ist, gelöscht wird oder online bleibt. Diese sogenannten Content Moderatoren sind nicht direkt bei Facebook oder Twitter angestellt, sondern arbeiten zum Billiglohn für Drittunternehmen.

Block und Riesewieck ist es gelungen, in diese Welt einzudringen. Sie zeigen, was die Arbeit mit den meist jungen „Cleaners“ macht, die keinerlei psychologische Betreuung erfahren, obwohl sie tausendfach furchtbarste Bilder ansehen müssen. Schlafstörungen sind noch das harmloseste Resultat dieser äußerst belastenden Arbeit. Manche von ihnen trauen sich nicht mehr auf öffentliche Plätze, weil sie auf Terrorvideos „spezialisiert“ sind. Andere können die Berührungen ihres Partners nicht mehr ertragen, weil sie den ganzen Tag Vergewaltigungen ansehen müssen.

Die Filmemacher werfen in Gesprächen mit Experten aber auch die Frage auf, nach welchen Regeln und Standards diese Löscharbeit geschieht und wer darauf Einfluss nimmt. Herausgekommen ist ein in berückendem Neo-Noir-Stil gedrehtes Aufklärungsstück. Ein Thriller über Ausbeutung, Traumata und die  reichlich naive Vorstellung von einem urdemokratischen, weil freien Internet. Denn das Filtern der Inhalte ist ja immer auch ein Eingriff in die Meinungsfreiheit, wenn auch Kunst, Satire oder kritische polotische Stimmen gelöscht werden.

Regisseur Block hat sich nach den Dreharbeiten übrigens nicht aus den Sozialen Medien verabschiedet, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung betont. Er setzt vielmehr auf Aufklärung. Sein Gegenentwurf ist der aktive User, der die Entscheidung, was im Netz erlaubt ist, eben nicht den Unternehmen überlässt. Ob und wie sich das umsetzen lässt, darüber wird bei seinem Besuch in Aachen gerne diskutieren.

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