Tag zwei der Räumung im Hambacher Forst: Die letzten Stunden von „Oaktown“

Tag zwei der Räumung im Hambacher Forst : Die letzten Stunden von „Oaktown“

Der Tag, an dem „Oaktown“ zu verschwinden beginnt, startet mit Gesang. Mitglieder des Bündnisses „Aktion Unterholz“ haben sich zu einer Sitzblockade unter einem Baumhaus niedergelassen. Sie sind schon in der Nacht in das Epizentrum des Hambacher Forstes gelangt, der inzwischen eigentlich abgesperrt ist.

Nur noch Journalisten werden auf das Gelände gelassen, das als „gefährlicher Ort“ eingestuft ist. Als kleines ironisches Geschenk hat das Aktionsbündnis einen Feuerlöscher mitgebracht. Schließlich läuft hier in dem kleinen Wäldchen an der Abbruchkante des Tagesbaus gerade der wohl größte Einsatz im Zeichen des Brandschutzes, den das Land bislang gesehen hat. Die schweren Verstöße gegen die Bauordnung sind die Gründe dafür, dass die Baumhäuser im Forst in diesen Tagen von den zuständigen Kommunen Kerpen und dem Kreis Düren geräumt werden. So hat es das Landesbauministerium angeordnet.

Und so steht auch Kerpens Baudezernent Joachim Schwister wieder mit seinem Megafon im Wald, macht seine Ansage und räumt den Hausbewohnern eine halbe Stunde ein, um die illegal errichteten „Wohnungen“ zu verlassen. Die Reaktion: nur ein paar Beschimpfungen.

Die Gesänge gehen weiter, „Hambi for the people“ intonieren die jungen Frauen — „Hambi gehört den Menschen“. „Wir möchten die drohende Rodung verhindern, wir brauchen den Wald und nicht die Braunkohle“, sagt Samira Turmstedt, die Sprecherin der Gruppe. Schließlich sei das Rheinische Braunkohlerevier mit seinen drei Tagebauen und drei Kraftwerken die größte Kohlendioxid-Quelle Europas.

Tag zwei im Hambacher Forst: Die Polizei hat ihren Einsatz mit der Räumung der Baumhaussiedlung „Oaktown“ fortgesetzt. Am Boden protestieren ein paar Mitglieder des Bündnisses „Aktion Unterholz“ mit einer Sitzblockade. Übrig bleiben von den Behausungen nur ein paar kümmerliche Reste. Foto: dpa

Turmstedt lässt keine Zweifel daran, dass sie Betreiber RWE für einen gigantischen Klimakiller hält. „Wir sind fest entschlossen, friedlich für diesen Wald zu protestieren.“ Die Polizei löst die Sanges- und Sitzgruppe ein paar Minuten später auf, schleppt die 15 Frauen weg. Einige können oder wollen sich nicht ausweisen, sie werden zur Feststellung der Personalien aufs Aachener Polizeipräsidium gebracht. 17 Personen werden an diesem Tag insgesamt festgenommen.

Es gibt dann doch lustige Episoden am Rande der abgeriegelten Zone: Torsten Kirschstein hat sich spontan mit einem Fahrradschloss an einem Baum angebunden. Er sagt, dass er aus dem Göttinger Raum stamme, und stellt sich im Gespräch als „arbeits-, wohnungs- und perspektivlos“ vor. Den Hambacher Forst hat er vor ein paar Wochen kennengelernt, als er das Klimacamp besuchte.

Hambacher Forst: Polizisten räumen Baumhausdorf "Oaktown"

Eigentlich, so war sein Plan, wollte er am frühen Morgen bei der Sitzblockade mitmachen. Er verpasste den Termin. „Ich habe einfach verschlafen.“ Aber weil man ja was machen müsse, hat er sich nun spontan angekettet. Die Polizisten brauchen etwa 13 Sekunden, um das Schloss zu öffnen, dann wird der Mann abgeführt.

Alle anderen polizeilichen Maßnahmen brauchen bedeutend mehr Zeit. Ein bisschen fangen die Rodungen schon an diesem Freitag an, auch wenn RWE bis Mitte Oktober mit dem großen Kahlschlag warten will, bis die letzte richterliche Entscheidung gefallen ist. An diesem Tag müssen ein paar Eichen weichen, die „Oaktown“ ihren Namen gaben, eine Schneise für das technische Gerät wird geschlagen. Die Bäume und Äste werden sofort eingesammelt, sie sollen nicht als Material für weitere Häuser oder Blockaden dienen. Die geräumten Stellen werden nachts ausgeleuchtet und gesichert. Wie schnell die Besetzer Blockaden bauen können, hat die Polizei schon erfahren.

Weiterer Zulauf?

Die Nacht war weitgehend ruhig aus Sicht der Polizei. Einen gravierenden Zwischenfall gab es dagegen am Abend von Tag1. Der Sprecher der Stadt Kerpen, Erhard Nimtz, steht noch ein bisschen unter Schock, sagt er am nächsten Tag. Als er mit seinen Kollegen in einem Polizeiwagen nach Hause fuhr, sprangen Vermummte auf die Straße und warfen zwei Molotowcocktails. Das ist die gewaltbereite Szene des Widerstands.

Acht Festnahmen hat es am ersten Tag gegeben, sechs Personen sind noch in Gewahrsam. Wie viele Aktivisten im Wald sind, kann die Polizei nur schätzen. Sie ging von bis zu 150 aus, am späten Donnerstagnachmittag sollen dann bis zu 40 Personen aus der Demo am Waldrand in den Forst gelaufen sein. Die Polizei vermutet, dass auch sie dort Unterschlupf gesucht haben. Niederländer, Belgier, Franzosen, Spanier, Letten und weitere Nationalitäten würden sich in der Aktivistengruppe wiederfinden, deren Gewaltbereitschaft sich nur schwer einschätzen lässt.

In Polizeikreisen hatte man befürchtet, dass sich Szenen wie beim G-20-Gipfel in Hamburg vor einem Jahr wiederholen könnten. Danach sieht es bislang nicht aus. Entwarnung will niemand geben, die Staatsdiener gehen von einem heißen Wochenende aus.

Die Stimmung hat sich längst verschärft, es kann keine Zweifel mehr geben, dass die Hundertschaften hier Fakten schaffen wollen. „Oaktown“ ist die älteste Siedlung in diesem Areal, sie besteht seit Jahren. Es ist die Anlaufstelle für viele Naturfreunde. Die sieben Baumhäuser in den Wipfeln sind kleine Kunstwerke, sie haben Glasscheiben, teilweise Photovoltaikanlagen und sind häufig über Hängebrücken verbunden. Viele Seile sind gespannt, wer näher hinschaut, sieht viele Menschen in den Bäumen, die nun lautstark gegen die „Eindringlinge“ protestieren.

Tag zwei im Hambacher Forst: Die Polizei hat ihren Einsatz mit der Räumung der Baumhaussiedlung „Oaktown“ fortgesetzt. Am Boden protestieren ein paar Mitglieder des Bündnisses „Aktion Unterholz“ mit einer Sitzblockade. Übrig bleiben von den Behausungen nur ein paar kümmerliche Reste. Foto: dpa

Da unten am Boden gehen die Vorbereitungen weiter, die Kettensägen heulen auf, Bäume werden abgeknickt. Die Höhenretter ziehen diesmal weiße Schutzanzüge an. In NRW seien diesen „Maleranzüge“ nicht üblich, erzählt der stellvertretende GDP-Vorsitzende des Landes, Heiko Müller. „Es hat sich aber bewährt.“ Auch an diesem Tag ist der Schutz notwendig, weil wieder einige Eimer mit Fäkalien und Buttersäure von den Bäumen entleert werden.

Oliver Krischer ist in den Wald gekommen, den er schon kannte, als er noch 4000 Hektar groß war. Während seines Zivildienstes beim Bund für Vogelschutz hat der Hobby-Ornithologe aus Düren hier Mittelspechte kartiert. Die alten Zeiten. Am Donnerstag hat der Sprecher der Grünen für Energiewirtschaft im Bundestag in der Berliner Debatte über das Klima auch über Hambach geredet. Der uralte Mischwald ist längst bundesweit ein Begriff.

Symbolische Orte entstehen, wo die Widerstände so aufeinanderprallen, sagt Krischer. Und Hambach sei der Ort, an dem sich zeige, wie glaubwürdig die Bundesregierung den Klimawandel angehe. Der Parlamentarier ist skeptisch, dass der Wald oberhalb der Braunkohle bestehen bleibt. Dafür müsse politische Vernunft eintreten, sagt er, „oder Ministerpräsident Armin Laschet müsse zwischen den Parteien moderieren“. Beides sieht Krischer nicht.

Gleich fünf Hebebühnen sind inzwischen gleichzeitig im Einsatz. Die Hydraulikarme, die in die Bäume ragen, sehen aus wie Finger von E.T., dem sympathischen Kino-Außerirdischen. Die Insassen der Baumhäuser sollen nicht ins benachbarte Haus fliehen können, man will ihnen auch keine Zeit geben, sich zu fixieren, sagt ein Polizeisprecher. Das misslingt, niemand verlässt sein Haus freiwillig, jede einzelne Räumung dauert Stunden.

Fotografen haben es schwer, ihr Blickfeld ist sehr eingeschränkt. Einige Großbildjäger vermuten, dass Eigentümer RWE kein Interesse an Bildern habe, die zeigen, wie Polizisten und Baumbesetzer in luftiger Höhe aufeinanderprallen. Eine junge Frau steht oben auf einer Brücke, das Gesicht ist verhüllt, dafür trägt sie kein Oberteil.

Die Baumbewohner melden sich über eine Flüstertüte zu Wort, verweisen darauf, dass sich unter der „Hütte Simona“ mehrere Menschen angekettet in einer Höhle befinden. „Wenn sie weiterhin mit schweren Fahrzeugen hier unterwegs sind, riskieren Sie deren Leben. Dann habt Ihr sie auf dem Gewissen.“ Es wäre nicht das erste Mal, dass die Aktivisten so versuchen, Zeit zu gewinnen. Die Polizei, so sagt ihr Sprecher Andreas Müller, nehme diese Hinweise sehr ernst, sie versucht über ihre Sozialen Medien in Kontakt zu treten. Trümmerhunde werden am Abend eingesetzt, die Maschinen werden nicht zurückgesetzt, um niemanden zu gefährden, falls die Tunnel tatsächlich existieren.

Auch „Gallien“ steht vor dem Aus

Einige hundert Meter tiefer im Forst, am Waldrand nahe der Tagebaukante, rückt der Einsatztrupp in ein nächstes Dorf vor, der Weg wird freigeschnitten. Die Bewohner „Galliens“ befürchten, dass ihre Sicherheitsleinen gekappt werden, das brüllen sie aus luftiger Höhe hinunter. Manche „Anlagen“ sehen mit Verlaub nicht so aus, als würde das Attribut „baulich“ passen. Auch dieser Ort wird bald Geschichtesein. Wann die Hebebühnen kommen, hängt davon ab, wie lange der Einsatz in „Oaktown“ noch dauert. Das kleine Camp fällt am Freitag nicht.

„Ein Dorf kann man abreißen, aber eine solche Bewegung kann man nicht stoppen“, sagt Waldbewohner David. „Wir machen weiter.“

Hier geht es zur Bilderstrecke: Polizei räumt Baumhäuser im Hambacher Forst

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