Schlacht im Hürtgenwald: Die Legende vom Angriff auf Vossenack

Schlacht im Hürtgenwald: Die Legende vom Angriff auf Vossenack

Der Panzerangriff der Deutschen auf die Amerikaner bei Hürtgenwald-Vossenack am 6. November 1944 ist eine der vielen Legenden, die sich um die Schlacht im Hürtgenwald ranken. Forscher der Uni Osnabrück sagen nun: Den großen Panzer-Gegenangriff der Deutschen auf Vossenack hat es so, wie die Legende erzählt, nie gegeben.

Um diese Legende als solche zu entlarven, haben Wissenschaftler verschiedener Disziplinen um den Historiker Christoph Rass mehr als zwei Jahre lang das Schlachtfeld vom 6\. November 1944 in der Nähe von Vossenack umgegraben und mit neuen Methoden versucht, die Kämpfe zu rekonstruieren. Was geschah wirklich an diesem denkwürdigen Tag der fünf Monate währenden Kämpfe, lautete die Frage, die nun endlich beantwortet werden kann.

Geografen von der Uni Osnabrück haben bei Hürtgenwald-Vossenack ein Feld von der Größe mehrerer Fußballfelder vermessen. Foto: Guido Jansen

Deutscher Gegenstoß

Auch Archäologen waren an dem interdisziplinären Forschungsprojekt im Hürtgenwald beteiligt. Foto: Guido Jansen

Dies bleibt nach der Arbeit der Osnabrücker Wissenschaftler übrig: Es gab einen deutschen Gegenstoß, der an der Kirche endete und zurückgeschlagen wurde. Von Panzern keine Spur. Die Front steckte fest, der 6\. November ist ein Beispiel für das monatelange Vor und Zurück. Erst Ende Februar 1945 gelang es den Amerikanern, die Rur zu überschreiten und in Richtung Köln und Ruhrgebiet vorzustoßen, was vorentscheidend für den Krieg im Westen war.

Auslöser für die Arbeit der deutschen Wissenschaftler auf dem Schlachtfeld in Hürtgenwald war eben diese Legende vom großen Panzer-Gegenangriff. „Enemy Tanks!“, feindliche Panzer, hatten US-Funksprüche am 6\. November 1944 um halb sechs morgens gemeldet. Wenig später floh ein ganzes Bataillon in Panik durch Vossenack. So steht es in den Akten des Militärarchivs in Washington über den Tag, an dem die Wehrmacht ihren Gegenstoß auf das von den Amerikanern zuvor eingenommene Vossenack unternahm.

Spuren gelesen, Akten gesichtet

„Dass die Deutschen mit Panzern aus dem Kalltal auf Vossenack vorgerückt sein sollen, erschien uns von Anfang an unwahrscheinlich“, sagt Rass. Er ist in die USA geflogen, hat die Akten gesichtet und mit seinem Team die Ereignisse des Tages rekonstruiert. Panisch und unorganisiert müsse diese Flucht der US-Truppen von den Feldern im Abhang vor Vossenack in den Ortskern gewesen sein, meint Rass.

In den Tagen zuvor hatten US-Einheiten versucht, von Vossenack aus durch das Kalltal das auf dem Bergrücken gegenüber liegende Schmidt einzunehmen, da, wo die Deutschen mit ihren Panzern tatsächlich saßen. Jetzt rollte der deutsche Gegenangriff.

„Dass die Menschen damals hier die Hölle durchlebt haben, steht außer Zweifel“, sagt Christoph Rass. Vermutlich hätten die Amerikaner im Morgengrauen das Feuer der deutschen Artillerie von den gegenüberliegenden Anhöhen bei Bergstein und Brandenberg mit Panzerbeschuss verwechselt. Stundenlang geisterte die Meldung von deutschen Panzern durch die Nachrichten, bevor die Falschmeldung erkannt wurde.

„Uns geht es nicht um Hörensagen und Legenden, wir lesen die Spuren“, sagt Rass. Da die Spuren vom 6\. November 1944 längst verschwunden sind, musste das Schlachtfeld neu „gelesen“ werden. Das war im Hürtgenwald besonders schwer, denn obwohl die Kämpfe erst 72 Jahre zurückliegen, sind die archäologischen Befunde aus dem Zweiten Weltkrieg manchmal schwerer zu lesen als römische Funde, sagen die Forscher.

Die Monate voller Bomben und Blut haben den Boden im Hürtgenwald verändert. Die Hinterlassenschaften des Krieges waren danach jahrzehntelang eine Arbeitsplatzgarantie für Minensucher und ein Spielfeld für Hobbyhistoriker und Schlachtfeldräuber. Die meisten Spuren des Kriegs sind verschwunden, vom Ackerbau umgepflügt oder von Trophäenjägern eingesammelt.

Es musste ein neuer Ansatz gefunden werden, um die Spuren des Schlachtfelds aus dem Zweiten Weltkrieg lesen zu können. Also taten sich Historiker, Archäologen und Geografen zusammen, sie waren sicher, gemeinsam mehr zu erreichen als isoliert mit den jeweiligen Disziplinen. So wurde im Frühjahr 2015 der Hürtgenwald zum neuen Spielfeld für die Schlachtfeldarchäologen Susanne Wilbers-Rost und Achim Rost, die normalerweise im Teutoburger Wald nach Spuren der berühmten Varusschlacht suchen.

Auch wenn sie bei diesem einwöchigen Auswärtsspiel mit Messen, Kartographieren und Graben keine verrosteten Waffenteile oder die Leiche eines der vielen noch immer vermissten Soldaten fanden, bewertet Projektleiter Christoph Rass jene Woche und das anschließende Jahr der Auswertung doch als vollen Erfolg. Denn auch ein Boden mit wenigen Fundstücken erzähle viel, sagt Rass, der noch weitere Geheimnisse im Hürtgenwald vermutet: „Wir haben so viele Erkenntnisse gewonnen, dass wir bald wiederkommen.“

Dabei waren die Bedingungen im Hürtgenwald alles andere als günstig. „Bei günstigen Bedingungen können wir jeden Spatenstich nachweisen“, sagt Andreas Stele, Geograf an der Uni Osnabrück, und lässt wissen, dass der Oberboden grundsätzlich magnetischer sei als die Schichten darunter. Doch Explosionen und die Hitze von Granateinschlägen verändern die magnetischen Eigenschaften, sie stellen sie quasi auf den Kopf. In solchen Fällen suchen Geografen mit einem Magnetometer, einer Art Scanner für magnetische Eigenschaften des Bodens.

Analyse des Schlachtfelds

Viele Kilometer sind Andreas Stele und Jens Bußmann mit dem Scanner über das Schlachtfeld im Hürtgenwald gegangen, Reihe für Reihe in einem abgesteckten Feld von der Größe mehrerer Fußballfelder. Das Gesamtbild zeigt ein Magnetogramm, auf dem auch Bodenverlagerungen erkennbar sind. „Wir können dann aber immer noch nicht sagen, ob es sich dabei um einen Granateinschlag handelt oder ein Loch, das für ein Osterfeuer ausgehoben wurde“, sagt Bußmann.

Aufschlussreich war dann der Vergleich der Scans mit den Aufnahmen aus dem zentralen Luftbildarchiv der Alliierten. Entstanden sind diese Bilder am 24\. Februar 1945\. Passen die Aufnahmen mit dem Magnetogramm überein, dann kommen die Archäologen ins Spiel und graben genau da. Würden sie mit nur einem Filter suchen — Luftbilder oder Scanner — würden die Grabungen Monate dauern.

Eine Fläche ist nun abgesucht, und über ein Jahr später können die Wissenschaftler mit absoluter Sicherheit sagen, was sie gefunden haben: die Stellungen, in denen die Amerikaner ihre Maschinengewehre und Mörser-Geschütze eingegraben hatten. Spuren von Panzern haben sie auf ganzer Breite nicht gefunden.

Das Forschungsprojekt im Hürtgenwald wird im Spätherbst fortgesetzt. Das Team will Erfahrungen darüber sammeln, wie mit Kriegshandlungen verursachte Veränderungen im Boden aussehen, um bei späteren Schlachtfeldanalysen schneller zu Erkenntnissen zu kommen.

Inzwischen haben die Osnabrücker Wissenschaftler auch an den Grenzanlagen der ehemaligen innerdeutschen Grenze geforscht. Geplant ist auch das Arbeiten auf dem Schlachtfeld von Soltau aus dem Jahr 1519\. Die Fragen gehen dabei nie aus. Der Boden ist das größte Archiv der Welt.

Mehr von Aachener Zeitung