Aachen: Die Kunst des einfühlsamen Gesprächs

Aachen: Die Kunst des einfühlsamen Gesprächs

Der Patient sagt: „Ich möchte nicht mehr leben . . .“ Dann schweigt er und weint. Wie sollte in diesem Moment ein Arzt reagieren, der das allererste Gespräch bei der Aufnahme im Krankenhaus führt?

Medizinstudenten der RWTH wollen auf Situationen wie dieses Aufnahmegespräch, die sogenannte Anamnese, im Krankenhaus sowie rundum auf die zwischenmenschliche Kommunikation im Arzt-Patienten-Kontakt vorbereitet sein. Mit diesem Ziel wurde 2010 von Studenten der Fachschaft Medizin und der Klinik für Palliativmedizin von Professor Frank Elsner das Projekt „Anamnesegruppe“ gestartet, das jetzt mit dem RWTH-Lehrpreis ausgezeichnet wurde.

Jeweils zwei Tutoren betreuen vier bis sechs Gruppen, in denen bis zu zehn Studenten, darunter auch jeweils zwei aus dem Fachbereich Psychologie, einmal wöchentlich im laufenden Semester erfahren, wie schwierig, zugleich aber auch bereichernd jenseits aller Lehrbuchinhalte der Kontakt zum realen Patienten sein kann.

„Und das ist es nicht allein“, meint Tutorin Carla-Sophie Bultmann (9. Semester). „Man lernt sich selbst besser kennen, persönliche Ängste, Hemmungen, Unsicherheiten. Wir studieren ein lernlastiges Fach, da bleibt Menschliches schnell auf der Strecke.“

Training ohne Notendruck

Nicht immer ist es einfach, Übungspartner zu finden, denn manche behandelnden Ärzte fürchten, dass solch eine Begegnung ihre Patienten zu sehr stressen könnte. Geben sie dann doch ihre Zustimmung, ist der Besuch bei der Anamnesegruppe für den Patienten häufig sogar eine willkommene Abwechslung im Klinikalltag, wie die Studenten berichten.

Von ihren Tutoren lernen sie, dass es wichtig ist, dem Gesprächspartner sofort zu vermitteln: Er ist kein Versuchskaninchen, sondern eine Unterstützung für die angehenden Mediziner, die manchmal auch zu zweit die Anamnese trainieren dürfen — allerdings alle ohne weißen Kittel.

Im Analysegespräch mit Gruppe und Tutoren gibt es nach einer Selbsteinschätzung des Kandidaten ein Feedback mit Lob und Kritik. „Häufig müssen die Teilnehmer ihre eigenen Ansprüche herunterschrauben“, sagen die Tutoren. Für sie ist entscheidend, dass die Verbindung des Übenden zum Gesprächspartner deutlich spürbar wird.

Der größte Anfängerfehler: Angst. Das Gute am freiwilligen Anamnesetraining: Niemand verspürt einen Notendruck, die Sorge, sich zu blamieren, wird überwunden, Fehler dürfen und müssen sogar sein, denn Ziel ist die persönliche Weiterentwicklung, das Sammeln wertvoller Erfahrungen — besonders im Umgang mit heiklen Themen. Spielt etwa Alkohol im Leben des Kranken eine größere Rolle?

Wie hat sich sein Alltag verändert? Welche Einschränkungen gibt es? „Wir müssen es aushalten, von jungen Familien zu hören, in denen die Mutter oder der Vater an einer unheilbaren Krankheit leidet, das ist berührend“, hat Medizinstudentin Josephine Waade (11. Semester) erfahren.

Um die jüngeren Semester möglichst professionell zu begleiten, nehmen die Tutoren selbst regelmäßig an Schulungen teil, in denen unter anderem sprachlicher Ausdruck, ethische Aspekte, Diskussionsführung und Fragetechniken trainiert werden.

Einmal pro Monat treffen sich die Tutoren ohne ihre Gruppen und sprechen über Strategien, Gruppendynamik und Moderationstechniken. Bei besonderen Workshops erlangen sie Einblick in Bereiche wie Tod und Sterben in verschiedenen Kulturen, Sucht, Humangenetik, Gebärdensprache, oder Transsexualität.

Die Tipps der Tutoren sind vielfältig. „Suggestivfragen wie ,Sie trinken doch nicht zu viel . . .?‘ sollten im Anamnesegespräch vermieden werden“, betont Josephine Waade. Aspekt Körpersprache: Sitzt derjenige, der das Gespräch führt, mit verschränkten Armen und übereinander geschlagenen Beinen vor dem Patienten? Macht er unbewusst „dicht“? Ein unbewusstes Signal, das sich auswirkt.

Sollte es solche Kritikpunkte an einem Medizinstudenten nach seinem Gespräch geben, kommen sie jedoch erst zur Sprache, wenn der Patient wieder verabschiedet ist. Und es gibt Unterschiede in der Gesprächsführung. „Mit einem Krebspatienten oder einen Menschen mit Multipler Sklerose spricht man anders, als mit jemandem, der einen Herzinfarkt überstanden hat“, erklären die Tutoren. „Es ist großes Einfühlungsvermögen in die jeweilige psychische Lage gefordert.“

Ist es bei manchen Menschen nicht so leicht, ein Gespräch in Gang zu bringen, zeigen sich andere extrem redefreudig — hier gilt es, Monologe freundlich aber bestimmt zu verhindern.

Der frühe Patientenkontakt — das wissen die fortgeschrittenen Semester — ist eine besondere Erfahrung. Hier raten sie Mitstudierenden, zusätzlich Pflegepraktika zu absolvieren. Gleichfalls rechtliche Grundlagen werden in den Anamnesegruppen angesprochen. Dabei geht es unter anderem um die medizinische Versorgung von Menschen ohne gültige Papiere — was darf der Arzt? Der Blick über den Tellerrand hat noch viele Variationsmöglichkeiten, das Projekt entwickelt sich weiter. Und einen ganz einfachen Rat gibt es gleich zum Start. Immer ein Päckchen Papiertaschentücher griffbereit haben . . .

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