Die Krippe im belgischen Lontzen zieht immer mehr Besucher an

Idealismus und Schafe: Die Krippe im belgischen Lontzen zieht immer mehr Besucher an

Der Stern weist den Weg. Wie die Heiligen Drei Könige aus dem Morgenland in der Bibel finden auch Besucher im belgischen Lontzen-Busch den Weg zur Heiligen Familie durch einen Stern mit Schweif.

Die belgische Variante besteht allerdings aus Metall und ist an eine Hütte geschweißt. In ihr bauen vier Männer im Seniorenalter jedes Jahr eine Krippe auf: René Ossemann, Adam Oellers, Otto Kerren und Günther Terodde.

Ossemann fing vor 20 Jahren damit zusammen mit seinem Freund und Nachbarn Alfred Havard vor seinem Bauernhof an. Auf ungefähr drei Quadratmetern baute er Stall und Landschaft, um Jesus, Maria und Josef eine Herberge zu geben. Schon ein Jahr später schützten sie ihre traditionelle Straßenkrippe mit einem Zelt, damit die Besucher auch bei Regen und Schnee kommen konnten.

Nach und nach gesellten sich immer mehr Gebäude dazu – alle von Ossemann selbst gezimmert. Auch die Stahlkonstruktion des Zeltes hat er selbst geschweißt. „Ich hatte eine Blinddarmoperation. Da durfte ich nicht schwer arbeiten. Aber ein bisschen schweißen ging schon“, erinnert sich der Senior mit einem verschmitzten Lächeln.

2013 ging Ossemann in Rente und verkaufte seinen Hof. Die Krippe brauchte einen neuen Platz: Die Gemeinde Lontzen stellte ein Fleckchen direkt an der Hauptstraße von Lontzen-Busch in der Nähe zur Kapelle zur Verfügung und der Verkehrs- und Verschönerungsverein Lontzen übernahm die Trägerschaft. Schon vorher fand Ossemann neue Mitstreiter in den drei anderen Herren. „Das ist auch gut so, im Alter wird es ja nicht mehr leichter. Früher habe ich die Wassermühle einfach allein an den richtigen Platz gestellt. Da musste nur einer gucken, ob ich die Stelle richtig treffe. Heute sind wir froh, wenn wir sie zu zweit hochheben können“, sagt Ossemann.

Mit Paletten werden die Landschaften gestaltet. Foto: rauke xenia bronefeld

Zwei Wochen werkeln die vier Männer von morgens bis nachmittags, um pünktlich am ersten Advent die ersten Besucher zum Staunen zu bringen. Dann sind nicht nur zwölf selbstgezimmerte Gebäude an den rechten Ort gerückt und rund 25 Figuren sowie 100 Schafe platziert, sondern vorher ist vor allem mit jeder Menge Steine, Moos, Mulch, Tannengrün, Laubästen und Efeuzweigen eine mehrstufige Landschaft modelliert worden. Sie findet sich in einem Zelt mit Holzvorbau, der natürlich auch aufgebaut werden muss. Für das „Design“ der Szenerie zeichnet seit ein paar Jahren Adam Oellers verantwortlich, der Aachenern noch als stellvertretender Direktor der Aachener Museen bekannt sein könnte.

„Eigentlich bringt hier jeder seine Ideen ein“, wehrt der Kunsthistoriker und Volkskundler jedoch zu viel bestimmendes Tun ab. Sicher ist aber: Jedes Jahr wird ein bisschen anders gebaut. Und auch nach dem Aufbau tragen die vier die Verantwortung. „Man muss schon einmal am Tag gucken, ob alles noch in Ordnung ist. Mal gehen Lämpchen kaputt oder die Pumpe ist verstopft“, berichtet Ossemann. Denn natürlich wird das Mühlrad mit Wasser bewegt. Irgendwas muss also immer repariert werden. „Leider ist die Werkstatt jetzt nicht mehr so nah wie früher“, bedauert Ossemann.

Ohne Idealismus gehe es eben nicht, weiß Oellers. Aber die vier Männer haben auch sichtbar Freude am Werkeln und Aufbauen. „In der Landwirtschaft habe ich mich jetzt ausgebastelt“, erklärt Ossemann seinen nicht versiegenden Antrieb für sein Engagement. Oellers und Kerren fühlen sich der Tradition des Krippenbauens sehr verbunden. „Das hat bei uns auch eine gewisse Familientradition. Und für die eigenen Kinder muss ich das heute nicht mehr machen. Außerdem wollte ich mich hier im Ort einbringen, nachdem ich mit meiner Frau hier mit Rentenbeginn ein Haus gekauft habe.“

Männer beim Krippenbau: René Ossemann (links) hatte vor 20 Jahren die Idee. Otto Kerren ist auch mit dabei. Kunsthistoriker Adam Oellers (rechts) werkelt kräftig mit. Foto: rauke xenia bronefeld

Kaffee und Kuchen

So wie Oellers auf der Suche nach einem Ehrenamt sofort von den Krippenbauern „in Beschlag“ genommen wurde, tragen viele im Dorf und in der näheren Umgebung das Engagement für den traditionellen Straßenkrippenbau mit. „Wenn wir etwas brauchen, ist das meistens schnell und günstig zu bekommen“, bestätigt Ossemann. Und Oellers erzählt begeistert von weiterer Anteilnahme der Anwohner: „Die Nachbarn bringen uns immer wieder Stärkung in Form von Kaffee und Kuchen. Ein Schnaps ist auch schon mal dabei.“

Eine Nachbarin stellt den Krippenbauern außerdem ihre Garage als Aufenthaltsort zur Verfügung. Und die Besucher lassen – hoffentlich – einen Obolus in der sicher verschweißten Spendenröhre. Damit die Krippenbauer von Lontzen-Busch auch im nächsten Jahr wieder den Stern als Wegweiser anbringen können.

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