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Aachen: Die Könige greifen wieder nach den Sternen

Aachen : Die Könige greifen wieder nach den Sternen

Für Ihnke Gubernat ist es ein großer Tag. Zum ersten Mal greift die Sechsjährige nach den Sternen.

Genau genommen ist es nur ein Stern, stolz packt sie den Holzstab mit dem goldenen Himmelskörper und weist den anderen den Weg. Premiere als Sternsinger und dann schon in solch tragender Rolle.

Aufgeregt? „Wieso denn das?”, fragt sie und blickt irritiert durch ihre Nickelbrille, auf die leichter Nieselregen tropft. Kein gutes Wetter für Ihnke und ihre sechs Kollegen, die in Aachen-Brand von Haus zu Haus ziehen.

Sechs Kollegen!?! „Wir sind nun mal sieben Könige, ist doch egal”, sagt die neunjährige Joana Schauermann und beendet damit jede Diskussion.

Julia (13), Timo (10), Joana (9), Jana (8), Joyce (8), Ihnke (6) und Martin (6): Kaspar, Melchior und Balthasar treten heute gleich in Doppelbesetzung auf. „Wir kommen daher aus dem Morgenland, wir kommen geführt von Gotteshand”, singen die mit Krone und Umhäng bekleideten Brander Könige aus voller Kehle.

Einmal die Bonhoefferstraße rauf und wieder runter. Die Sternsinger kommen! Mit Weihrauch, Kreide... und einer großen Tüte für die Süßigkeiten.

Test im Wohnzimmer

Ohne Probe läuft gar nichts. Im warmen Wohnzimmer von Germain Schauermann haben sich die Sternsinger um den Tisch versammelt und gehen noch einmal alle Lieder durch.

„Die Töne sollten schon stimmen”, sagt der 41-jährige Hausmann, der die Kinder an diesem und an zwei weiteren Tagen als Betreuer auf ihrem Gang begleiten wird. Insgesamt sind es in diesem Jahr 185 Kinder, die sich für die Pfarre St. Donatus an der Sternsinger-Aktion beteiligen.

Unter dem Motto „Kinder bauen Brücken - gufatanya kubaka” sammeln sie vor allem für notleidende Kinder im afrikanischen Ruanda. Im vergangenen Jahr kamen bei der St. Donatus-Sternsinger-Aktion allein in Brand 12000 Euro zusammen. Den fleißigen Königen sei Dank.

„Nachwuchssorgen haben wir nicht. Den Kindern macht die Aktion Spaß. Und mir übrigens auch”, meint Schauermann und stimmt das nächste Lied an. „Du singst den Refrain zu schnell”, korrigiert ihn Tochter Joana. „Wie gut, dass wir noch proben”, sagt der Vater.

Der Ernstfall draußen auf der Straße beginnt nach Maß. Erste Tür, erster Fünfer. Doch bevor Armin Richter (Bonhoefferstraße 26) die grüne Euro-Note in die Büchse wirft, müssen die Könige erst einmal Rede und Antwort stehen.

Gute Vorbereitung ist alles - was die Spender auch wissen wollen, die Sammler haben die richtige Antwort parat. Und so mancher, der unwissend die Tür öffnet, ist, nachdem er sie wieder zu- gemacht hat, schlauer.

Schließlich weiß längst nicht jeder, dass die mit Kreide von den Sternsingern an die Hauswände geschriebenen Buchstaben C, M und B nicht für Kaspar, Melchior und Balthasar stehen.

„Das ist Latein und bedeutet Christus Mansionem Benedicat”, erklärt Jana Wrobel. Und die Übersetzung liefert sie natürlich gleich dazu: „Christus segne diese Wohnung.”

Die meisten Hausbesitzer lassen sich nur all zu gerne auf die Fassade kritzeln, dennoch fragen die Könige vorher immer erst freundlich um Erlaubnis.

Überhaupt gibt es keinen Grund zu irgendwelchen Klagen. „Letztes Jahr hat man uns höchstens an drei Häusern weggeschickt, ohne uns etwas zu geben”, erinnert sich Julia Wrobel. „Die meisten Leute sind aber sehr nett.”

Wie auch der muslimische Hausbesitzer, der den hungrigen Sammlern gleich ein ganzes Blech Pizza spendierte.

Und wenn niemand auf das Klingeln reagiert, zieht einer der Könige einen orangenen „Nicht-Da-Zettel” aus der Tasche. „Wir waren hier und haben Sie leider nicht angetroffen”, steht darauf. Und: „Wir grüßen Sie herzlich, Ihre Sternsinger.”

In einem solchen Fall kehren die Könige am nächsten Tag wieder. „Meistens haben wir beim zweiten Mal mehr Glück”, sagt Martin.

Hunger wie ein Wolf

Bei Familie Schade öffnet Tochter Manuela die Haustür und findet den Auftritt der Sänger „echt cool”. Für die Spende ist allerdings der Vater zuständig, auch wenn er die flotte Version von „Stern über Bethlehem” gar nicht mitbekommen hat.

Zwei Häuser weiter gibt es Schokoladen-Eier, später noch Plätzchen und Schokolade. Ihnke freut sich wie ein Schneekönig, die Tüte mit Süßigkeiten ist schon fast voll.

Den Stab mit dem goldenen Stern hat sie inzwischen an einen der Königskollegen weitergegeben - jeder kommt mal an die Reihe. Das gilt auch für das Weihrauchgefäß und das dazugehörige Schiffchen.

Vorsichtig schwenkt Joyce Bücken das Fass - weißer Rauch über der Bonhoefferstraße, die sieben Könige sind unterwegs. Und sie singen: „Haben Hunger wie ein Wolf, weit war ihre Reise, weit war ihre Reise.”