Erkelenz-Immerath: Die Immerather „empfinden Trauer und Wehmut“

Erkelenz-Immerath: Die Immerather „empfinden Trauer und Wehmut“

Der Himmel weinte schon am Morgen dicke Tränen. Auf ihrem Weg zum letzten Gottesdienst in ihrem „Dom“ blieben die vielen Immerather am frühen Nachmittag jedoch vom Regen verschont. Aus ihrem Umsiedlungsort Immerath (neu) hatten sie sich noch einmal auf den Weg gemacht in ihre alte Heimat.

In der eindrucksvollen, neuromanischen Basilika St. Lambertus mit ihren beiden markanten Türmen, die Abrissbirnen für den Braunkohletagbau schon bald in Schutt und Asche legen sollen, begrüßte sie Marlies Bereit als Vorsitzende des Kapellenvorstands. Schwarzes Gold werde aus der Erde geholt und von der „herrliche Kerch“ bleibe dann kein Stein mehr auf dem anderen, reimte sie in Immerather Mundart.

Voller Wehmut verabschiedeten sich die Immerather von ihrer 122 Jahre alten Kirche. Auch das Interesse der Medien war riesig: Die Tagesschau schickte einen Ü-Wagen, die französische Zeitung „Le Parisien“ entsandte extra einen Korrespondenten. Foto: Anna-Petra Thomas

Angeführt von unzähligen Fahnen und Vertretern von Schützenbruderschaften machten sich Geistliche und Vertreter der Kapellengemeinde anschließend beim feierlichen Einzug zum letzten Mal auf den Weg Richtung Altar. Dabei flossen bei dem ein oder anderen schon die ersten Tränen. Nicht bei Domkapitular Rolf-Peter Cremer und bei den beiden Pfarrern Günter Salentin und Werner Rombach, auch wenn Rombach vor Beginn der heiligen Messe durchaus „ganz gemischte Gefühle“ eingeräumt hatte.

Hans-Toni Nelles, Brudermeister der Immerather St.-SebastianusSchützen, kämpfte während der Zeremonie immer wieder mit den Tränen. Er sprach von einem „tiefen Einschnitt“ im Leben eines aktiven Schützen und erhielt Applaus für seine emotionale Ansprache. Foto: dpa

Seit ihrer Einweihung im Jahre 1891 habe sich die Gemeinde zum Gottesdienst hier versammelt, erklärte er in seiner Einführung. „Nun müssen wir diese Kirche schließen, weil in unserem Land Allgemeinwohl vor Eigenwohl geht und damit die Gemeinde vor Ort zum Wohl vieler weichen muss“. Was aber zum Wohl vieler entschieden worden sei, „führt zu unserem Unwohlsein“, betonte er. „Wir empfinden Trauer und Wehmut, manche auch Enttäuschung und Bitterkeit.“ Alles, was bisher zur Feier der Eucharistie gebraucht worden sei, solle aber auch in der noch zu bauenden Kapelle in Immerath (neu) wieder verwendet werden. Das Allerheiligste, Lektionar, Kelch und Hostienschale seien die Klammer zwischen Alt und Neu, seien „sozusagen Zeichen der Hoffnung, dass es weitergeht“.

Domkapitular Rolf-Peter Cremer verlas während der Messe die von Bischof Heinrich Mussinghoff unterzeichnete Entwidmungsurkunde. Beim Verlassen der Kirche löschte er das Ewige Licht. Foto: Anna-Petra Thomas

Noch deutlich kritischere Wort fand sein Kollege Salentin. Mit viel Liebe und Opferbereitschaft sei die Kirche vor 122 Jahren errichtet worden und nach dem letzten Weltkrieg sei es nur dem Einsatz der ganzen Bevölkerung zu verdanken gewesen, dass die Kirche wiederhergestellt werden konnte. „Nun soll das alles vorbei sein?“ Entschieden habe sich die ganze Bevölkerung mehr als 30 Jahre gewehrt und für den Erhalt der Kirche und des Dorfes gekämpft, dankte er den Kirchengemeinden des damaligen Dekanats Erkelenz, die sich ganzheitlich solidarisch erklärt hätten mit den von der Zerstörung bedrohten Dörfern.

Pfarrer Günter Salentin (r.) und Gemeindereferent Michael Kock brachten das Allerheiligste aus der Kirche St. Lambertus nach dem Gottesdienst mit dem Auto in die Kirche nach Kückhoven. Foto: dpa

„Doch aller Widerstand war angesichts der Übermacht von Politik, Wirtschaftsinteresse und Gewinnmaximierung von vornherein zum Scheitern verurteilt“, erklärte Salentin, „denn nicht die hier lebenden Menschen waren im Blick, sondern die Energiegewinnung hatte politischen und wirtschaftlichen Vorrang.“ Inwieweit damit die Betroffenen und ihre Rechte berücksichtigt worden seien, werde demnächst das Bundesverfassungsgericht klären.

Was bisher getan worden sei, sei jedoch nicht vergebens, stellte er mit Blick auf das enorme Medieninteresse fest: „Vielleicht konnten wir vielen die Augen öffnen, sodass die Generationen nach uns von unserem Engagement profitieren dürfen“, sagte er und wünschte sich eine neue Rechtsauffassung, „die nicht den Profit, sondern das Wohl der Menschen im Blick“ hat. „Möglicherweise durften wir dazu einen Beitrag leisten.“

Dann ließ er noch einmal Immerather zu Wort kommen, die in St. Lambertus getauft worden sind, hier ihre erste heilige Kommunion empfangen oder geheiratet haben. Sie wäre auch noch gerne in Immerath gefirmt worden, erklärte eine Messdienerin. „Meine Entscheidung, mich firmen zu lassen, hängt von keinem Gebäude ab“, sagte sie. Aber St. Lambertus strahle Geborgenheit aus. „Auch als junger Mensch kann man an dieser alten Kirche hängen. Ich will aber auch offen sein für das Neue“, sagte sie.

Brudermeister Hans-Toni Nelles rang um Fassung, als er die enge Verbindung seiner St.-Sebastianus-Schützenbruderschaft mit dem Immerather Dom beschrieb. „Nach 458 Jahren für Glaube, Sitte und Heimat ist dies alles im Leben eines aktiven Schützen ein tiefer Einschnitt.“ Aber auch sein Blick ging nach vorne. Er hoffe, schon bald „mit Trommeln und Trompeten in unsere neue Kapelle einzuziehen“, erklärte er unter Tränen und erntete dafür spontanen Beifall.

Nach dem Schlussgebet verlas der Domkapitular das von Bischof Heinrich Mussinghoff unterzeichnete Dekret zur Entwidmung, „da die Kirche aufgrund des Braunkohleabbaus nicht mehr zum Gottesdienst genutzt werden kann und niedergelegt werden soll“, hieß es darin wörtlich. Die drei Zelebranten verehrten anschließend das Allerheiligste auf dem Altar. Pfarrer Günter Salentin trug es dann aus der Kirche hinaus und brachte es in die Kirche nach Kückhoven. Dem Domkapitular war es schließlich vorbehalten, das ewige Licht auszulöschen.

Lange hielt es die Immerather noch in ihrem ehemaligen Gotteshaus. Viele gingen an den Altar, um noch ein Erinnerungsfoto zu schießen. Andere saßen still in der Kirchenbank, um ganz für sich Abschied zu nehmen. Für alle gab es einen ziegelgroßen Stein aus dem Kirchengemäuer, der sie immer an ihren „Dom“ erinnern wird.