Jülich: Die Herkunftsdetektive aus Jülich entlarven Betrug und Mogeleien

Jülich : Die Herkunftsdetektive aus Jülich entlarven Betrug und Mogeleien

Als Lebensmittelchemiker hat man eine andere Sicht der Dinge — zum Beispiel auf Champag­ner. Markus Boner, Geschäftsführer der Agroisolab GmbH aus Jülich, ist ein solcher und sagt: „Ich finde das Prinzip so witzig. Man nehme Wein und packe mittels Zucker eine zweite Gärung darauf. Schon machen Sie aus Rohstoffen für 3 Euro ein 20-Euro-Produkt.“

Und weil der Preis nach oben bekanntlich keine Grenzen kennt, ist das „witzige Prinzip“ für Produzenten und Händler ein gefundenes Fressen, bei dem auch mal betrogen wird. Wenn der Verbraucher eine „Flaschengärung“ erwartet, aber eigentlich nur Schaumwein erhält, dem industrielle Kohlensäure zugesetzt wurde. Dann ist das „Schummel-Schampus“, den das Jülicher Labor mit seiner Isotopenanalyse schon gefunden hat.

Neben der Analytik ist eine weltweite Datenbank, die zum Teil aufwendig beschaffte Referenzproben beinhaltet, das Kapital des Unternehmens. „Wir sind so ein bisschen Google für Lebensmittel“, sagt Boner. Agroisolab hat eine Bilderbuchkarriere von der Grundlagenforschung in die freie Wirtschaft hingelegt — als Ausgründung aus dem Forschungszentrum Jülich in das Technologiezentrum (2002) und ins Gewerbegebiet Königskamp.

Nach 16 Jahren gibt es kaum etwas, was den Lebensmitteldetektiven aus Jülich noch nicht untergekommen ist. Sei es der „deutsche Spargel“ aus spanischem Anbau oder frühe „rheinische Erdbeeren“, die in Marokko gereift sind. Fast immer ist die Aufregung groß, wenn der Betrug auffliegt. Markus Boner: „Kennen Sie viele Menschen, die regelmäßig Wachteleier essen? Ich nicht.“ Dennoch gab es ein mehrtägiges Medienecho inklusive Statements besorgter Politiker, als die Jülicher — wie schon in der Schweiz — in diesem Jahr auch in den Niederlanden nachwiesen, dass Wachteleier aus dem Ausland zugekauft und als heimische Ware deklariert worden waren. „Die Herkunft hat einen enormen Stellenwert bekommen“, sagt der Lebensmittelchemiker, denn die Regionalität vermittele Verbrauchern ein Sicherheitsgefühl. Doch das sei nicht immer eine verlässliche Größe, denn was heißt schon „regional“ zum Beispiel bei der Herkunftsangabe „Eifel“? Boner: „Die erstreckt sich über zwei Bundesländer!“

Schaden von zwei Millionen Euro

Manchmal ist die Arbeit hochspannend. Eine Versicherung beauftragte die Jülicher, einen Fall von Textilienverunreinigung zu klären: Jeans waren beim Containertransport von China nach Europa nass geworden und kamen mit Stockflecken am Hamburger Hafen an: unverkäuflich. In Rede stand ein Schaden von zwei Millionen Euro. Eine solche Verunreinigung kann nur beim Öffnen und Umlagern der Ware passiert sein, aber wo? „Alle Werte, die wir ermittelt haben, passten nicht zur angegebenen Route: auf der Südlinie durch den Suezkanal“, erzählt Boner.

Die Isotopenanalyse deutete auf die Gegenseite des Globus‘: Skandinavien! Agroisolab recherchierte und wies nach, dass der Frachter die sehr viel kürzere Passage durch das Nordpolarmeer genommen hatte, das inzwischen weitgehend eisfrei und schiffbar ist. Also doch Skandinavien, nicht Hamburg oder Shanghai. Fall gelöst und zugleich ein neues Problem enttarnt. Denn die günstigere Route wird in Mode kommen und der Schiffsverkehr dem doch nicht „Ewigen Eis“ zusetzen — neben dem Klimawandel.