Aachen: Die Hand, die aus dem Drucker kommt

Aachen: Die Hand, die aus dem Drucker kommt

Der Aachener Maschinenbau-Student Karim Abbas hat eine Handprothese entwickelt, die aus dem 3D-Drucker kommt. Das spart Zeit und vor allem Geld. Helfen soll sie vor allem Kindern in Kriegsgebieten.

Wenn Karim Abbas das Kunststoff-Objekt über sein Handgelenk stülpt, wird er für einen Augenblick zum Cyborg — zu einer Mischung aus Mensch und Maschine. Er ist keiner von den beängstigenden Cyborgs, wie man sie aus dem Fernsehen kennt. Denn seine Kunst-Hand ist blau und lila und hat ein hübsches Fräs-Muster. Mit einer leichten Bewegung seines Unterarms kann der 27-jährige Masterstudent das mechanische Objekt steuern — langsam bewegt sich der kleine Greifer auf und zu, und erinnert dabei an eine riesige Pinzette.

Das, was Karim Abbas da trägt, ist nicht etwa eine Unterstützung bei der Hausarbeit, es ist eine Handprothese, die der Student speziell für Kinder in Kriegsgebieten entworfen hat.

Denn wenn Menschen in Deutschland durch einen Unfall oder eine Krankheit eine Hand verlieren, ist das schlimm. Aber in der Regel haben sie viele Möglichkeiten, eine Prothese zu bekommen, die nicht nur aussieht wie eine echte Hand, sondern auch ähnliche Funktionen übernehmen kann. Wenn allerdings Menschen in Ländern, in denen Krieg herrscht oder geherrscht hat, eine Hand verlieren, müssen sie in der Regel lange Zeit mit einem Stumpf und vor allem der Stigmatisierung leben. Denn für teure Prothesen fehlt das Geld. Und günstige Handprothesen gab es bislang kaum.

Thema der Bachelorarbeit

Genau auf diesen Missstand ist Karim Abbas aufmerksam geworden und machte ihn deshalb Ende 2014 zum Thema seiner Bachelorarbeit: Darin entwickelte Abbas, der an der FH Aachen Maschinenbau studiert, eine Handprothese, die aus dem 3D-Drucker kommt.

Noch ist sein Projekt „AMaPro“ in der Testphase, der Prototyp kann bislang nur leichte Objekte greifen und anheben. Eines Tages aber könnte die Prothese vielen Kindern das Leben erleichtern. „Sie leiden am meisten unter Krieg“, glaubt Abbas. Denn wenn Kinder eine Hand verlieren, sei das besonders schlimm, da bei Menschen im Wachstum eine Prothese eigentlich alle anderthalb Jahre gewechselt werden muss. „Aber dafür mangelt es in Krisengebieten häufig an der Infrastruktur, am Gesundheitswesen und auch schlicht am Geld.“

Genau an dieser Stelle kommt das 3D-Verfahren ins Spiel: „Wir können mit einfachen Mitteln ein sehr komplexes Produkt herstellen“, sagt Abbas. Denn das Drucken erlaubt es, dass die Prothese mit dem Kind mitwächst — sei es durch dehnbares Material oder auswechselbare Einzelteile. So müssen die Kinder-Prothesen im besten Fall nur alle drei Jahre gewechselt werden.

Für Erwachsene könnte er sich auch wechselbare Aufsätze vorstellen, die speziell für die täglichen Gewohnheiten der jeweiligen Personen gedruckt und dann spielend leicht ausgetauscht werden könnten.

Doch das Herstellungsverfahren bietet noch mehr Vorteile: Mit dem flinken 3D-Drucker wird „AMaPro“ in gerade einmal 20 Stunden fertiggestellt. Das sei ein enormer Zeitgewinn, wenn man es mit der Herstellung ähnlicher Produkte vergleicht, sagt Abbas. Nicht nur Zeit, vor allem Kosten spart diese neue Technik, so dass seine Prothesen knapp 100 Euro kosten sollen.

Bislang findet die Forschung zu „AMaPro“ unter den Flügeln der FH Aachen statt. Besonders gefördert wird der Masterstudent dabei von Professor Andreas Gebhardt, Dekan des Fachbereichs Hochleistungsverfahren der Fertigungstechnik. An seinem Lehrstuhl bekommt Abbas nicht nur inhaltliche Unterstützung, sondern vor allem den Zugang zur Technik und dem Hochschul-Netzwerk.

Hilfe gesucht

„Ich habe allerdings irgendwann gemerkt, dass das kein Ein-Mann-Projekt mehr ist“, sagt Abbas. Deshalb wandte er sich an die studentische Organisation Enactus, die Non-profit-Projekte an FH und RWTH unterstützt. In ihr hat Abbas einen starken Partner gefunden: „Ich habe selten so engagierte Studenten gesehen, die so viel Wissen und Tatendrang einbringen“. Gemeinsam haben die Studenten in den vergangenen Monaten „AMaPro“ inhaltlich weitergebracht. Aber auch in administrativen Dingen, zum Beispiel beim Schreiben eines Business-Plans, unterstützte Enactus den 27-Jährigen.

Wie genau Abbas nun in Zukunft mit der Entwicklung Geld verdienen wird, ist bislang nicht ganz klar. Doch eines weiß er: Statt die Idee zu verkaufen, will er eher das Wissen verbreiten. „Hilfe zur Selbsthilfe“ nennt er das. Deshalb sollen die Prothesen auch ganz bewusst nicht in Deutschland gefertigt werden. Stattdessen plant Abbas, die Drucker und das Knowhow direkt in die Krisengebiete zu bringen. Dafür müssen vor allem vor Ort Menschen ausgebildet werden.

Genau damit hat Abbas schon in einem Pilotprojekt in Marokko begonnen: Vor Ort haben er und Enactus einem Sanitätshaus-Inhaber beigebracht, wie man bei den Kunden Maß nimmt und danach eine individuell angepasste Prothese druckt und zusammenschraubt. „Als die Menschen dort hörten, dass wir günstige Prothesen anbieten, sind sie zum Teil von sehr weit angereist.“ Doch Abbas und seinen Mitstreitern wurde auch klar, dass AMaPro möglicherweise ganz vielen verschiedenen Anforderungen genügen muss, und zwar nicht nur technischen, sondern auch optischen: „Manche Frauen wollten gar keine Prothese mit Greiffunktion — sondern eine, die genau wie eine Hand aussieht, um endlich ihr Stigma zu verlieren.“

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