Region: Die Fotokunst der Berenice Abbott macht das Unsichtbare sichtbar

Region: Die Fotokunst der Berenice Abbott macht das Unsichtbare sichtbar

Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll: die grandiosen, historischen Schwarzweiß-Aufnahmen aus dem New York der 30er Jahre mit überwältigenden, geradezu atemberaubenden Perspektiven oder einfach die schlichte und doch sensationelle Tatsache, dass sie ausgerechnet in der Eifel zu sehen sind.

„Kulturmetropolisch“ betrachtet befindet sich die Ausstellung also gewissermaßen in der Prärie: In Monschau, im Kunst- und Kulturzentrum der Städteregion Aachen (KuK). 80 Werke sind es, 80 Fotografien der Amerikanerin Berenice Abbott (1898-1991), einer Klassikerin, deren Bildbände als „Bibeln der Fotografie“ gelten: sensible Porträts wichtiger Künstler und Literaten, New Yorker Stadtmotive aus einer Zeit des großen Umbruchs und wissenschaftliche Pionieraufnahmen in physikalischen Versuchslabors.

Nur zwei Stationen in Deutschland hat die Schau: Bis zum 3. Oktober war es der Martin-Gropius-Bau in Berlin, ab dem morgigen Sonntag ist es das KuK. Die Pariser Galerie nationale du Jeu de Paume unweit des Louvre hatte im vergangenen Jahr eine Abbott-Retrospektive veranstaltet, deren Kernbestand nun in Monschau unter dem Titel „Topographies“ zu sehen ist.

„Die Zeit des Abstrampelns und Klinkenputzens ist vorbei“, sagt Nina Mika-Helfmeier, die in wenigen Jahren aus dem KuK eine international anerkannte Adresse der Fotografie gemacht hat. Die Besucher kommen selbst aus München oder Hamburg, um — wie zuletzt — hier zum Beispiel die Anfänge der legendären Pariser Agentur Magnum Photos bewundern zu können. „Für die Abbott-Ausstellung haben sich viele Häuser beworben“, freut sich die KuK-Leiterin über ihren neuerlichen Coup.

„I want to be part of it, New York, New York“, heißt es in der durch Liza Minnelli und Frank Sinatra weltberühmt gewordenen inoffiziellen Hymne New Yorks. Fast ein halbes Jahrhundert zuvor gibt eine junge Frau ihrer Faszination von der Stadt Ausdruck in einem Medium, das sie meisterhaft beherrscht, obgleich sie eher zufällig dazu gekommen ist: der Fotografie. Eine harte Zeit der Veränderungen und Widersprüche zwischen der Depression und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, in der die 30-Jährige ab 1929 mit sicherem Blick für das Typische, den Kern des Wandels durch die Straßenzüge New Yorks zieht und dabei Vergangenheit und Zukunft aufeinanderprallen sieht.

Hier noch die Holzhäuser der irischen und italienischen Einwanderer, dort schon die gigantischen Fassaden der Wolkenkratzer — das vorige Jahrhundert und die Moderne, gleich nebeneinander. Pedantisch wie eine Forscherin fotografiert sie Block für Block, angetrieben von einer „fantastischen Leidenschaft“. „Changing New York“ (New York im Wandel) nennt sie die Serie, die sie 1939 in einem Buch publiziert — der Band macht sie berühmt: die umfassende Dokumentation des rasanten Wandels, dem New York unterliegt, trotz der Weltwirtschaftskrise.

Dabei stammt Berenice Abbott gar nicht aus New York. Geboren wird sie am 17. Juli 1998 in Springfield, Ohio. Zunächst studiert sie Journalismus an der Ohio State University in Columbus, zieht 1918 nach New York, um dort in das Fach Bildhauerei zu wechseln. Hier lernt sie die Dadaisten Marcel Duchamp und Man Ray kennen, die gerade im Begriff sind, nach Paris zu wechseln. Drei Jahre später folgt die 22-jährige angehende Künstlerin den vielen aus ihrer Generation nach Paris, wo Kunst allgegenwärtig zu sein scheint.

Zu dieser Zeit sucht Man Ray, als Porträtfotograf in Paris bereits etabliert, einen Assistenten oder eine Assistentin. Abbott beginnt für ihn zu arbeiten — und offenbart sich sogleich als ein Naturtalent der Fotografie. Bereits 1926 hat sie ihre erste Einzelausstellung in der Pariser Galerie „Au Sacre du Printemps“ mit Porträts von Künstlern und Literaten der Pariser Avantgarde.

Durch Man Ray lernt sie den Fotografen Eugène Atget kennen, der ihr Vorbild werden soll. Sein großes Thema ist das von der Moderne überrollte alte Paris, das er systematisch, bis in die kleinsten Details dokumentiert — mit Aufnahmen von Arbeitern und Prostituierten ebenso wie von Parks und Gebäuden, Straßen und Schaufenstern, selbst bis hin zu Türklinken. Dieser Stil liegt Berenice Abbott, der so ganz anders ist als der des mit Doppelbelichtungen und Verfremdungen experimentierenden May Ray.

Der Motivreichtum und die eigenständigen gestalterischen Lösungen Atgets faszinieren die junge Fotografin. Sie besucht ihn mehrfach und kauft von ihm Abzüge. Nach seinem Tod 1927 erwirbt sie etwa 1500 Negative und 10 000 Abzüge, die sie später dem Museum of Modern Art (MoMA) in New York verkauft. Auf der Suche nach einem Verleger für ein Buch über ihr Vorbild kehrt sie 1929 nach New York zurück.

Die amerikanische Metropole ist wie Paris einem extremen Wandel unterlegen. Ganze Viertel werden abgerissen und von einer emporschießenden Skyline ersetzt. Abbott, magisch angezogen von dem faszinierenden Nebeneinander von Abbruchhäusern und Wolkenkratzern, Verfall und Aufbruch, dokumentiert die Veränderungen. Ihre Bildsprache ist dabei die der Moderne: ein dynamischer Stil mit Auf- und Untersichten, überraschenden Ausschnitten, starken Kontrasten, dramatischen Kanten und stürzenden Linien.

Hochhäuser nimmt sie aus der Frosch- oder der Vogelperspektive auf, Holzhäuser aus dem 19. Jahrhundert, Schienenstränge, Hochbahnen und Gerüste, Ladenlokale in heruntergekommenen Gegenden. Das alles menschenleer, nur in wenigen Ausnahmen werden Personen sichtbar. All die hier Wirkenden, sie bleiben im Hintergrund. Wie Klötze einer neuen, fremden Welt wirkt das nächtliche Panorama New Yorks von oben, die Moderne triumphiert, und Berenice Abbott wird zur Chronistin einer Epochenwende.

Abbotts Karriere als Porträtfotografin beginnt mit ihrer ersten Einzelausstellung in Paris 1926, die sogleich ein Riesenerfolg wird. Bekannte Kunstkritiker werden auf sie aufmerksam. Sie entschließt sich, Man Rays Fotostudio zu verlassen, um ein eigenes in der Rue du Bac zu gründen — mit Hilfe der Mäzenin Peggy Guggenheim. Hierher kommen sie alle, um sich ablichten zu lassen: prominente Zeitgenossen wie die Schriftsteller André Gide, Jean Cocteau und James Joyce, der amerikanische Komponist George Antheil oder Princessin Eugénie Murat, eine Nachfahrin von Napoleons jüngster Schwester Caroline Bonaparte.

Wen Berenice Abbott fotografiert, der gilt spätetens dann etwas in der Welt der Schönen, der Erhabenen und der Reichen. Stilistisch tritt Abbott dabei in die Fußstapfen des französischen Fotopioniers Nadar (1820-1910, eigentlich Gaspard-Félix Tournachon): Sie bevorzugt eine puristische Ästhetik, das Modell wird vor einen diffusen Hintergrund in eine schlichte Position gebracht, kein Detail oder Dekor lenkt von der Person ab. „Ich will ihr innerstes Wesen an die Oberfläche bringen“, lautet Abbotts Credo.

Das Unsichtbare sichtbar machen! Der Satz gilt später auch für Abbotts wissenschaftliche Fotografien, die ab den 40er Jahren entstehen: physikalische Phänomene wie Schwerkraft, kinetische Energie, Licht und Elektrizität — überaus elegante Aufnahmen von schwingenden Pendeln, hüpfenden Bällen und fallenden Kugeln. Fotografie hat Berenice Abbott immer, bereits in ihren Anfängen, als Kunst verstanden — in ihren wissenschaftlichen Bildarbeiten kommt sie als abstrakt wirkende Kompositionen hochästhetisch zur Geltung.