Aachen/Düren/Eschweiler: Die ersten Konsequenzen eines gefilmten Skandals

Aachen/Düren/Eschweiler: Die ersten Konsequenzen eines gefilmten Skandals

Der WDR hat am vergangenen Wochenende in der Kölner Fußgängerzone ein Experiment gewagt. Lebendige Weihnachtsgänse wurden dort angeboten, wer ein Tier haben wollte, musste aber zusehen, wie es fachmännisch geschlachtet, gerupft und verarbeitet wird — das war die Bedingung.

Viele Passanten haben sich abgewendet, teilweise mit Tränen in den Augen. Es war vermutlich keine Absage an den Gänsebraten, aber den greift man lieber verpackt in Cellophan aus dem Kühlregal.

Fragestunde im Kreistag nach den Enthüllungen auf dem Dürener Schlachthof Frenken (Foto rechts): Die Leiterin des Veterinäramts, Mounira Bishara-Rizk (linkes Foto, links neben Kreiskämmerer Dirk Hürtgen), sieht keine Verfehlungen bei ihren Mitarbeitern. Foto: C. Rose, F. Sistemich

Die Diskussion um das Schlachten ist auch in der Region wieder lauter geworden. Ausgelöst hat das die „Soko Tierschutz“, die Mitarbeiter in die letzten beiden regionalen Schlachthöfe eingeschleust hat: in Düren und in Eschweiler. Friedrich Mülln ist der Gründer der „Soko“, die Undercover-Einsätze hat er koordiniert. Seine Enthüllungen nennt er „Millimeterarbeit“. Irgendwann soll mit ihr das Ziel erreicht sein.

Zerlegte Schweine im Kühlhaus: Nach aktuellen Angaben des Bundesverbands der Deutschen Fleischwarenindustrie isst der durchschnittliche Deutsche gut 60 Kilo Fleisch pro Jahr. Foto: imago/Ralph Lueger

Der Aktivist fordert seit langem, dass die lokalen Veterinärämter von einer überregionalen Behörde mit ausreichend Befugnissen ersetzt werden. Er hält die regionalen Veterinärämter für „sozial korrumpiert, weil sich die Beteiligten seit Jahren kennen, oder manchmal auch unfähig sind“.

Die Staatsanwaltschaft Aachen hat die Ermittlungen nach den „Soko“-Anzeigen inzwischen aufgenommen. Eine der Anzeigen richtet sich gegen den langjährigen Betreiber des Dürener Schlachthofes.

Der Betreiber heißt Hans-Reiner Frenken, in den vergangenen Jahren ist er öffentlich selten in Erscheinung getreten ist. Er selbst steht für ein Interview bislang nicht zur Verfügung. Für Medienanfragen hat er eine renommierte Agentur für Unternehmenskommunikation engagiert, die Firma Instinctif mit Sitz in Köln. Die sprach in einer Mitteilung, nachdem die heimlich aufgenommenen Bilder öffentlicht wurden, von „Verfehlungen eines Subunternehmers“. Als Sofortmaßnahmen seien „verantwortliche Personen für die Betäubung“ ausgetauscht worden.

Externer Kontrolleur

Die nächste Schlachtung fand verlangsamt und in reduziertem Umfang statt. Ein externer Kontrolleur werde hinzugezogen, der ab sofort zusätzlich anwesend sei, um die Schlachtungen zu dokumentieren und jedes Tier zu fotografieren. Zudem wurden flugs zwei neue Subunternehmer unter Vertrag genommen, dem vorherigen gekündigt. Einen Hinweis auf die eigene Verantwortung gab es nicht, dabei hatte die „Soko Tierschutz“ wohl Frenken selbst im neuralgischen Schlachtbereich gefilmt, wie die Auswertung der Aufnahmen ergab.

Die neuen Subunternehmer dürften Personal, das in der Vergangenheit „nachweislich zuverlässig und untadelig bei der Firma Frenken gearbeitet“ habe, übernehmen, teilte die Agentur in Frenkens Namen mit. Einige Mitarbeiter aber seien von einer Übernahme „explizit ausgenommen“.

Die Mitteilung warf durchaus Fragen auf. Wusste die Firma Frenken von Verstößen einiger Mitarbeiter, wie hat sie darauf reagiert? Mitte der Woche ist der Agentur ein Katalog mit 13 Fragen unserer Zeitung zugestellt worden. Die Agentur teilte umgehend mit, dass man „mit Blick auf die laufenden staatsanwaltlichen Ermittlungen keine Auskünfte“ erteilen werde. Nicht beantwortet wurden auch Fragen, die im Kontext der Ermittlungen überhaupt keine Rolle spielen. Etwa: Wer sind die neuen Subunternehmer? Wurde deren Personal überprüft? Wie sind die finanziellen Bedingungen für die Mitarbeiter?

Hans-Reiner Frenken ist nicht die einzige Person, die nach den Enthüllungen namentlich am Pranger steht. Eine andere ist Mounira Bishara-Rizk, auch sie wurde angezeigt, sie ist die Leiterin des zuständigen Veterinärsamts des Kreises Düren. Das ist die Instanz, die die firmeneigenen Kontrollen des Schlachthofs kontrollieren soll. Vier Tierärzte beziehen abwechselnd ein Büro auf dem Gelände, pro Tag ist ein Veterinär im Schlachthof unterwegs und kontrolliert stichprobenartig sämtliche Bereiche. Der Tierarzt würde rund elf Kilometer in dem Betrieb an einem Tag zurücklegen, veranschaulicht Bishara-Rizk — das ist so viel, wie ein Profifußballer in einem Spiel läuft. Die Tierärzte werden unterstützt von drei Fleischkontrolleuren und auch mal von Studenten, die kurz vor dem veterinärmedizinischen Staatsexamen stehen.

Wie aber kann es sein, dass keiner der Kontrolleure etwas von den Zuständen mitbekommen haben will, die die „Soko Tierschutz“ dokumentiert hat?

Zu dieser Frage hat Mounira Bishara-Rizk, die den Schlachthof über Jahre als „vorbildlich“ eingestuft hat, am Donnerstagabend im Dürener Kreistag Stellung bezogen. „Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass Sie kein Verständnis dafür haben, was die Fernsehbilder zeigen“, sagte sie den Politikern. Sie stellte sich aber weiterhin demonstrativ vor ihre Mitarbeiter. In den Videosequenzen seien keine behördlichen Angestellten zu sehen gewesen. Keiner ihrer Mitarbeiter habe sich widerrechtlich verhalten, und bis das Gegenteil bewiesen ist, gebe es keine personellen Konsequenzen, sagte die Veterinäramtsleiterin.

Das gilt auch für Bishara-Rizk selbst — das machte Landrat Wolfgang Spelthahn (CDU) deutlich, Chef der Dürener Kreisverwaltung als solcher Vorgesetzter der Veterinäramtsleiterin. „Es werden zu schnell Köpfe gefordert“, sagte er. „Die Verwaltung steht hinter Frau Bishara-Rizk. Wir haben beim Veterinärsamt keine Fehler festgestellt.“ Strafanzeige hat der Kreis jedoch gegen Mitarbeiter des beschuldigten Subunternehmers gestellt, die laut Videoaufnahmen nachweislich gegen Recht und Gesetz verstoßen hätten.

Die Frage nach dem Schuldigen

Die Amtsleiterin und der Landrat verwiesen bei der Frage nach dem Schuldigen nach weiter oben: auf die Gesetzeslage. „Die Kontrollen des Kreises erfolgten nach den EU-Vorgaben. Die schreiben nun mal nur Stichproben vor“, sagte Spelthahn und schickte einen Vergleich hinterher: „Wenn der Lehrer die Klasse verlässt, kann es danach chaotisch ablaufen.“ Bishara-Rizk nennt es „systemimmanentes“ Problem. Deswegen will der Kreis 1,5 weitere Tierarztstellen ausschreiben, um die Kontrollen über die gesetzlichen Vorschriften hinaus zu verbessern.

Eine weitere Frage, die auch so mancher Kreispolitiker stellte: Warum wurde der Schlachthof nicht umgehend geschlossen, nachdem die Bilder öffentlich wurden? Die Antwortet der Aufsichtsbehörde: Weil es nicht gerechtfertigt gewesen ist. Bei den umgehenden Nachkontrollen seien keine Verstöße festgestellt worden. Für die Zukunft hat Spelthahn ein Ziel, und das ist nicht klein: „Der Dürener Schlachthof soll der bestüberwachte Betrieb in Deutschland werden.“

Welche Rolle der Schlachthof Frenken in der Region spielt, drückt die Tatsache aus, dass im Gebiet der Fleischerinnung Rureifel (Düren, Jülich, Euskirchen) nur fünf Metzger selbst schlachten. Das sagt Uwe Günther, Geschäftsführer der Fleischerinnung und der Kreishandwerkerschaft Rureifel. Viel mehr möchte Günther zu dem aktuellen Thema nicht sagen. Weder möchte er gegenüber unserer Zeitung offiziell Stellung zum Schlachthof Frenken beziehen, noch hält er es für angemessen, „den Finger zu heben“ und lokale Fleischerbetriebe dazu anzuhalten, keine Ware mehr von Frenken zu beziehen, um eventuelle ein Zeichen für die Verbraucher zu setzen.

„Wir wissen nicht, wer wie viel Fleisch von dem Schlachthof bezieht“, sagt Uwe Günther, „und jeder Metzger wird für sich entschieden haben, wie er damit umgeht. Ich sehe keinen Handlungsbedarf.“

Wolfgang Flachs ist der stellvertretende Obermeister der Fleischerinnung der Städteregion Aachen, seine Familie lebt seit mehreren Generationen vom Fleischverkauf. Auch in der Städteregion gibt es kaum noch Metzgereien, die selbst schlachten. Die gesetzlichen Vorgaben sind so hoch, dass kleinere Betriebe sie nicht mehr finanzieren können. Man muss dem 72-Jährigen nicht lange zuhören, um seine Wut zu spüren. „Die aktuelle Politik führt zur Massentierhaltung und zu Großschlachthöfen“, sagt Flachs. Der ehemalige Landwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) hat vor Jahren die Vorgabe aufgehoben, dass die Tierhaltung an gewisse Flächen gebunden werde. Für Flachs war das die Ursprungssünde.

Er selbst war vor ein paar Jahren ehrenamtlicher Betriebsleiter des Schlachthofes in Eschweiler. Der Metzgermeister will die kursierenden Bilder nicht öffentlich kommentieren. „Die Nachrichten sind schlecht für die Verbraucher und natürlich auch für die Metzger.“ Flachs ist sicher Lobbyist, aber er setze auf den Konsumenten, sagt er. „Darf das Kilo Schnitzel wirklich nur 1,99 Euro kosten?“

Die McDonald‘s-Wette

Friedrich Mülln hat nach 25 Jahren die Hoffnung aufgegeben, dass die Politik das hoch subventionierte System verändern wird, er glaubt auch nicht, dass die Justiz den Tierschutz nachhaltig stärkt. Und doch ist Mülln ein Optimist geblieben. „Ich bin sicher, dass wir unsere Ernährung ändern und damit ein System kippen werden, das Menschen und Tiere fundamental schädigt.“

Mülln hat 1996 mit seinem damaligen Ethik-Lehrer eine Wette abgeschlossen. Er hat darauf gesetzt, dass die im großen Stil fleischverarbeitende Firma McDonald‘s in 40 Jahren nur noch pflanzliche Produkte verkauft. Noch am Freitag hat er die Wette bekräftigt. „Es wird so kommen!“, sagt Friedrich Mülln.