Jülich/Waldfeucht: Die Erdbeere, die ohne Erde wächst: Die Anbaumethoden sind vielfältig

Jülich/Waldfeucht : Die Erdbeere, die ohne Erde wächst: Die Anbaumethoden sind vielfältig

Statistisch gesehen wächst jede sechste Erdbeere in NRW nicht mehr auf der Erde. Das ist das Ergebnis einer Entwicklung der vergangenen drei Jahre. Die Kunden fragen beim Einkauf zwar häufig nach der Herkunft der Erdbeere. Doch kaum jemand weiß, dass er damit nicht komplett informiert ist über die Art des Anbaus, die sich gerade stark wandelt.

Immer mehr Erdbeerbauern wenden ein Verfahren an, das Verbraucher vom Tomaten- und Paprikaanbau kennen, aber bislang nicht in Zusammenhang mit der Erdbeere gebracht haben: den Anbau auf Stellagen, bei denen die Früchte ohne jeden Kontakt zur Erde in langen Reihen in Blumenkästen in einem Sub­strat wachsen — optimal versorgt, geschützt wie eine Mimose wie die Erdbeere es mag und in genau der richtigen Höhe, um im Stehen gepflückt werden zu können. Diese Stellagen stehen sowohl in Gewächshäusern als auch im Freiland, dann mit Folien überdacht. In NRW noch eher selten ist eine zusätzliche Begasung dieser „Hochbeeren“ im teils beheizten Gewächshaus mit CO2, das als Wachstumsbeschleuniger wirkt. So kann der Ertrag auf gleicher Fläche gesteigert werden.

Bei den Testeinkäufen auf Wochenmärkten in der Region, die im Auftrag unserer Redaktion von Agroisolab in Jülich untersucht wurden, wiesen zwei der elf Proben unnatürliche CO2-Werte auf, die nur durch die Gas-Zugabe zu erklären sind. Die räumliche Herkunftsangabe, die der Ausgangspunkt unserer Testeinkäufe war, stimmte bei jedem Händler.

„Der herkömmliche Freilandanbau hat keine Zukunft mehr“, sagt Josef Tholen. Nach unnatürlichen CO2-Werten der in Heinsberg an seinem Stand gekauften Erdbeeren lud er unsere Redaktion auf seinen Hof ein, um zu zeigen, dass das Gas in seinem Gewächshaus nicht eingesetzt wird. Der Gärtner und Landwirt hat in seinem „Waldfeuchter Garten“ vor vier Jahren auf Erdbeeren im Stellageanbau umgestellt. Jetzt hat er einen Hektar draußen unter Tunneln und einen in dem Gartenhaus, in dem er früher Rosen gezüchtet hat.

Die enttäuschte Erwartung

Derzeit ist Hochsaison. Tholen eilt durch die Stellagen. „Wir leben im 21. Jahrhundert“, sagt er, „da hat keiner mehr Lust, den ganzen Tag auf den Knien rumzurutschen.“ Er nutzt die Technik dieses Jahrhunderts: Die Erdbeerpflanze steht in einem Substrat aus Kokos mit Holzschnipseln und einem Erdbestandteil, Schläuche versorgen jede Pflanze mit Wasser und Nährstoffen. Mehrmals am Tag wird gemessen, ob sie noch Nährstoffe aufnehmen. Tun sie das nicht, wird die Zufuhr gestoppt. „Ist nicht für jeden Bauern was“, sagt Tholen. Unter den Stellagen wächst Bärlauch, „Läuse mögen den nicht“. Im Gewächshaus werden Nützlinge gegen Schädlinge eingesetzt. Der Pestizideinsatz ist deutlich geringer als im Freiland.

Angesichts dieser Vorgehensweise fällt es der Umweltschutzorganisation BUND schwer, im Detail Kritik zu üben. Auch die CO2-Zugabe ist selbst im Bioanbau erlaubt. Eine BUND-Sprecherin kritisiert den Stellageanbau eher generell als „weiteren Schritt hin zu einer Landwirtschaft, die sich von den natürlichen Kreisläufen entfernt“. Markus Boner, Geschäftsführer von Agroisolab, sieht im Anbau in Stellagen — vor allem dem mit CO2-Zugabe — eine Irreführung der Verbraucher: „Das hat mit Boden nichts mehr zu tun.“ Das Verfahren „regionalen Anbau“ zu nennen, sei zwar kein Betrug. „Aber die Erwartung wird enttäuscht: Bei der Tomate denkt der Kunde über die Anbaumethode nach, bei der Erdbeere hat er Felder vor Augen, in denen die Frucht in der Sonne reift.“

Der Lebensmittelexperte der Verbraucherzentrale NRW, Bernhard Burdick, sieht das ähnlich. Sagt aber auch: „Es gibt nur wenige Verbraucher, die alles wissen wollen.“ Vom Umweltschützer bis zum Erzeuger sind sich alle einig: Der Kunde hat den Bezug dazu verloren, welches Obst wann natürlich wächst. Und da er die Erdbeere liebt, will er sie am liebsten immer. Darauf haben die Produzenten mit den Verfahren reagiert, die die Saison nach vorne und hinten verlängern. Es gilt das Gesetz von Angebot und Nachfrage: „Nur wer früh am Markt ist, erzielt die hohen Preise“, sagt Friedrich Osten­dorff, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag.

Das Stellageverfahren

Im Extremfall koppeln sich die Erdbeerproduzenten durch eine Heizung im Gewächshaus und die CO2-Zugabe von den natürlichen klimatischen Bedingungen völlig ab. Dieses Verfahren schwappt aus den Niederlanden nach NRW. Man könnte es eine fast industrielle Erdbeerproduktion nennen, die dort teils im großen Stil über mehrere Etagen betrieben wird. Im Rheinland gibt es nach Angaben der Landwirtschaftskammer derzeit nicht einmal eine Handvoll Produzenten, die so arbeiten.

Das Stellageverfahren ist für die Statistik genau wie für die Verbraucher zu neu. In einer einzigen Rubrik werden die vier Varianten des geschützten Erdbeeranbaus zusammengefasst: begehbare Folientunnel, Stellagen im Freiland unter Tunneln oder im Treibhaus und die Extremvariante mit zusätzlicher Heizung und CO2-Zufuhr.

Trotzdem beweist die Statistik ganz klar: Josef Tholen hat Recht. Der geschützte Erdbeeranbau verdrängt in NRW den gängigen Freilandanbau massiv: Bis 2014 lag der Anteil des geschützten Anbaus über Jahre konstant bei etwa sechs Prozent der Fläche. Danach wuchs er stetig, lag 2017 schon bei 16 Prozent. Über 400 der 2500 Hektar für Erdbeeren fallen inzwischen in diese Rubrik. Ulrich Herm von der Landwirtschaftskammer Rheinland ist sich sicher, dass dieser Trend weitergehen wird: „Wer die Umstellung bezahlen kann, der stellt auf Stellagen um.“

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