Interview mit Mechtild Borrmann: Die dunkle Seite des Kaffeeschmuggels

Interview mit Mechtild Borrmann : Die dunkle Seite des Kaffeeschmuggels

Seit Mechtild Borrmann 2012 mit dem Deutschen Krimipreis für ihr Werk „Wer das Schweigen bricht“ ausgezeichnet wurde, ist die Schriftstellerin eine feste Größe in der deutschen Literaturlandschaft. Ihr Markenzeichen ist es dabei stets, historische Stoffe mit spannender Kriminalgeschichte zu verknüpfen.

Für ihren neuen Roman „Grenzgänger“ hat sich die Autorin die Region Aachen und die Eifel als Schauplatz ausgesucht – um von dem Kaffeeschmuggel an der deutsch-belgischen Grenze in der Nachkriegszeit zu erzählen. Unsere Volontärin Vivien Nogaj hat mit der Autorin über ihren neuen Roman, die historischen Hintergründe und die Region gesprochen.

Frau Borrmann, in Ihrem neuen Roman „Grenzgänger“ thematisieren Sie Kaffeeschmuggel an der deutsch-belgischen Grenze und das Leben in Kinderheimen in den 50er und 60er Jahren. Woher kommt die Idee, sich mit diesem Stück Zeitgeschichte zu befassen?

Borrmann: Ausgangspunkt war ein Fotoalbum, das ich auf einem Flohmarkt entdeckt habe. Mich hat es sehr gewundert, dass man seine Familienerinnerungen für kleines Geld weggibt. Ich habe das Album mitgenommen, weil ich nicht wollte, dass es dort liegen bleibt. Später habe ich dann gesehen, dass die Bilder mit einer Prägung eines Fotografen aus Monschau versehen waren. Bei den Recherchen, woher das Fotoalbum genau kommen könnte, bin ich auf die Schmuggelgeschichten gestoßen, die in der Nachkriegszeit an der belgischen Grenze üblich waren. Unmittelbar damit verknüpft ist das Leben in den Kinderheimen: Wenn die Kinder mehrmals beim Schmuggeln erwischt worden waren, kamen sie in eine Erziehungsanstalt.

Der Rahmen Ihres Romans beruht also auf einer wahren Begebenheit. Gilt das auch für das, was die Figuren in „Grenzgänger“ erleben?

Borrmann: Jein. Die Figuren entwickle ich selbst, ihre Einzelschicksale sind also frei erfunden. Aber die Grausamkeiten, die die Kinder im Heim erfahren, und die Realität des Schmuggelalltags beruhen schon auf wahren Begebenheiten. Dazu habe ich etwa das Aachener Zollmuseum besucht, um mich nach den damals üblichen Schmuggelrouten und Strafen zu erkundigen. Außerdem habe ich mich mit Zeitzeugen und einer Selbsthilfegruppe ehemaliger Heimkinder getroffen. Diese haben sehr eindringlich von ihren Erinnerungen berichtet. Davon war ich so berührt, dass ich „Grenzgänger“ mit diesen Bildern im Kopf geschrieben habe.

Sie folgen in Ihren letzten Werken wiederholt dem Schema, eine Kriminalgeschichte mit zeitgeschichtlichem Hintergrund, etwa der Nachkriegszeit, zu verknüpfen. Was ist Ihre Hauptintention: Die Leser durch Spannung zu fesseln oder ihnen die Zeitgeschichte näher zu bringen?

Borrmann: Es geht mir um beides. Wobei für mich das Geschichtliche im Vordergrund steht. Ich möchte aber auch unterhalten. Und dazu eignet sich meiner Meinung nach ein Krimi am besten. Es ist also die Vermischung zweier Stile: Ich vermittle Zeitgeschichte, verpackt in spannende Unterhaltung.

Dabei erzählen Sie die Handlung in mehreren Strängen auf unterschiedlichen Zeitebenen. Am Ende führen die Puzzleteile auf ein gemeinsames Finale hin. Haben Sie schon von vornherein ein Konzept, an dem sie festhalten, oder geben sie sich eher spontanen Eingebungen hin?

Borrmann: Ich schreibe die Bücher so, wie die Leser sie in den Händen halten, also in einzelnen Episoden. Das war nie eine Überlegung, sondern hat sich einfach so ergeben. Ich nehme mir zwei Jahre Zeit für ein Buch. Das erste Jahr geht für die Recherche drauf. Dann entwickele ich Figuren und plane mit Karteikärtchen den gesamten Roman. Beim Schreiben komme ich dann etwa bis Kapitel fünf, danach entwickelt sich der Roman doch ganz anders als geplant (lacht).

Sind Sie denn am Ende trotzdem zufrieden mit der Wendung, die Ihr Werk spontan nimmt?

Die Autorin: Mechthild Borrmann. Foto: dpa/Oliver Krato

 Borrmann: Ja, denn so wird der Roman lebendig. Ich lebe ja faktisch ein Jahr lang mit den Figuren zusammen, sie sind täglich präsent für mich. Und so entwickelt sich die Geschichte oft anders, weil die Figuren immer greifbarer werden. Mir würde es eher Sorgen bereiten, wenn ich einmal komplett am ursprünglichen Plan hängenbliebe. Denn dann würde ich denken, ich hätte keinen Bezug zu den Figuren aufgebaut.

Apropos: Wie viel von Ihnen steckt denn in der der Protagonistin Henni?

Borrmann: Ich glaube, alle Figuren haben etwas von mir und meiner Lebenserfahrung. Alles, was ich gemacht oder erlebt habe, spielt in die Figuren hinein. Aber ich würde nicht sagen, dass Henni oder eine Hauptfigur aus einem vorherigen Roman gezielt etwas von mir hat.

Sie haben mal gesagt, Sie reisen für ihre Werke auch immer an die Orte, in denen sie spielen. Waren Sie für „Grenzgänger“ zuletzt viel in der Eifelregion unterwegs?

Borrmann: Ja, ich war zu allen Jahreszeiten im Hohen Venn, um mir ein genaues Bild von dem Hochmoor zu machen. Außerdem war ich in Aachen und Monschau, habe mir die Orte an der Grenze von belgischer und deutscher Seite aus angeguckt. Ich war zusammengerechnet bestimmt zwei Monate lang immer mal wieder in der Region.

Wo verfassen Sie Ihre Romane? In Ruhe zu Hause oder auch unterwegs?

Borrmann: Ich schreibe ganz diszipliniert zu Hause. Morgens von 9 bis 12 Uhr. Nachmittags erledige ich dann alles andere. Abends setze ich mich dann nochmal an den Schreibtisch. Da kommt es auch mal vor, dass ich bis Mitternacht schreibe.

Beruflich waren Sie schon in einer Drogenberatungsstelle, als Tanz- und Theaterpädagogin sowie als Gastronomin tätig. War das Schreiben schon immer Ihre große Leidenschaft?

Borrmann: Nein. Wenn Sie mir vor zehn Jahren gesagt hätten, dass ich einmal vom Schreiben leben kann, hätte ich sicher laut gelacht. Damit habe ich erst 1994 angefangen, als ich mir ein Sabbatjahr genommen habe und für eineinhalb Jahre auf Korsika gelebt habe. Das Haus, in dem ich wohnte, stand in einer Enklave für Touristen – ich musste sieben Kilometer bis zum nächsten Lebensmittelgeschäft laufen. Es gab keinen Fernseher, kein Radio, nichts. Also habe ich angefangen zu schreiben. Als ich dann Preise für erste Kurzkrimis bekommen habe, dachte ich, ich sollte diese Karriere vielleicht ein wenig ernsthafter verfolgen.

Sind Sie jetzt also beruflich angekommen?

Borrmann: Das weiß man ja nie. Im Augenblick tue ich das gerne und möchte es auch noch lange machen. Ich bin aber offen für alles, was kommt.