Die älteste Tankstelle Deutschlands in Essen schließt nach 94 Jahren

Nach fast 100 Jahren : Deutschlands älteste Tankstelle ist Geschichte

Am letzten Tag von Deutschlands wohl ältester Tankstelle stellt Tankwart Manfred Milz verschmitzt fest: „Ich wusste, dass ich beliebt bin, aber so dermaßen?“ Die Tanke in einem Hinterhof in Essen hat nach 95 Jahren am Freitag ihren Betrieb eingestellt.

Mehr als ein halbes Jahrhundert war Milz hier der Mann für alles. Das ist nun vorbei und man merkt: Der Abschied von diesem Stückchen Nostalgie tut vielen weh. Sie beweisen es mit einem letzten Tankstopp.

Manni, wie ihn hier fast alle nennen, schüttelt Hände, nimmt Blumen, Flaschen, Geschenke und Grußkarten entgegen. Sie stapeln sich in dem kargen Verkaufsraum, der wie aus der Zeit gefallen erscheint. Zwischendurch muss er immer wieder Tanks befüllen und Scheiben putzen. Die Zapfsäulen waren stets absichtlich so eingestellt, dass sie langsam laufen. So blieb mehr Zeit für ein Schwätzchen.

Der Bau mit dem einfachen Tankstellendach, den Werkstattschuppen und alten Garagen könnte als Kulisse für einen Film über vergangene Jahrzehnte dienen. „Sowas gibt es ja sonst gar nicht mehr“ und „Der Manni, der ist 'ne lebende Legende“ - solche Sätze fallen oft an diesem letzten Tag. Manches Auge wird feucht, es gibt Umarmungen, Erinnerungen an früher.

Manfred Milz (70) ist Tankwart der ältesten Tankstelle Deutschlands. Sie ist auf einem Hinterhof in Essen-Holsterhausen auf der Gemarkenstraße. Am 31. Mai hört er auf. Foto: Antje Seemann

Beinahe wie bestellt rollt ein Käfer aus dem Jahr 1958, Farbe Diamantgrau-metallic, auf den Hof. Während die meisten Autos rückwärts an die Zapfsäulen fahren, parkt der Käfer vorwärts ein, denn sein Tankstutzen befindet sich vorne. Manni kennt sich aus, kriecht weit unter die Haube. Ein Fotomotiv wie aus einer anderen Zeit. 1924 hatte die Tankstelle, die früher seinem Adoptivvater gehörte, ihre Lizenz erhalten. Laut Tankstellen-Fachverband war sie Deutschlands älteste Station, die in ihrer ursprünglichen Form noch existierte.

Doch Manfred Milz ist auch froh. 70 wird er dieses Jahr. Tankwart ist Knochenarbeit. Und wirft nicht viel ab. Wagenwäsche hat er von Hand gemacht, Räder wechseln, Scheiben putzen, kleine Reparaturen. Mit seinem Laden war er schon lange nicht mehr auf dem neuestem Stand oder konkurrenzfähig. Auch sein kleiner Getränkehandel ist mit den Jahren immer beschwerlicher geworden.

Modernisierungen hätten nicht gelohnt, sagt Milz. Stromtanken ging bei ihm deshalb nicht. „Ich hab immer gesagt: Solange das Öl aus dem Boden sprudelt, haben die anderen Energien keine Chance gegen Sprit.“ Wenn er Bundeskanzler wäre, fügt Milz an, er würde den Leuten erstmal klar machen, dass man sonntags nicht Auto fahren muss. Dann wäre viel mehr für die Umwelt getan, findet er.

Milz hadert nicht mit den Realitäten des Lebens. „Irgendwann muss man ein Ende finden.“ Er hat lange nach einem Nachfolger gesucht. Aber keiner habe es ernst gemeint. „Viele wollten. Aber nur ein bisschen. Das hier muss man aber mit ganzem Einsatz machen. Ist nix für Luschies.“ Mit dem Pragmatismus des Ruhrpott-Originals konstatiert der 69-Jährige: „Alte Tankstellen finden alle schön, sie sind aber nicht mehr im Trend. Auch der Kundenstamm ist alt. Fast jeden Monat ist mir ein Kunde weggestorben.“

Junge Leute seien nicht mehr so heiß aufs eigene Auto. „Die machen Carsharing und sowas.“ Und Manni? Der setzt bei seiner persönlichen Mobilität künftig aufs Fahrrad. Ausgedehnte Touren will der Familienvater machen. Da passt ein Geschenk, das frühere Nachbarn zum Abschied mitgebracht haben, besonders gut: Ein Buch übers Radeln im Ruhrgebiet mit der WDR-Maus.

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