Aachen: „Diagnose: Multiple Sklerose“: AZ-Forum Medizin im Klinikum

Aachen: „Diagnose: Multiple Sklerose“: AZ-Forum Medizin im Klinikum

Betroffen sind 2,5 Millionen Menschen auf der Welt, in Deutschland gibt es zwischen 140.000 und 200.000 Erkrankte. Wer die Diagnose „Multiple Sklerose“ (MS) erhält, ist in jedem Fall schockiert: Denn diese noch immer unheilbare Autoimmunkrankheit wird sich im Laufe der Zeit auf das ganze Leben auswirken.

Einschränkung der Mobilität durch Spastiken oder Lähmungen, besonders der Beine, Stürze durch Gangstörungen, extreme Erschöpfung, die die Patienten oft arbeitsunfähig werden lässt, Blasenstörungen sind lediglich die häufigsten Symptome. Depressionen, Schmerzen, Zittern und Gedächtnisstörungen können bei der „Krankheit mit den 1000 Gesichtern“ gleichfalls auftreten.

Warum das so ist, machte Simone Tauber, Oberärztin der Klinik für Neurologie am Uniklinikum Aachen, am Dienstagabend beim von AZ-Redakteurin Sabine Rother moderierten Forum-Medizin zum Thema „Diagnose: Multiple Sklerose“ mit einem anschaulichen Bild deutlich: „Körpereigene Immunzellen, die T-Zellen, sind bei Multipler Sklerose falsch programmiert. Sie greifen Hirnzellen an. Dafür müssen sie die Blut-Hirn-Schranke überwinden, die eigentlich Gehirn und Rückenmark vor Eindringlingen aus dem restlichen Körper schützen soll.“ Das schaffen die T-Zellen, indem sie sich tarnen und einen falschen „Ausweis“ am „Schlagbaum“, der Blut-Hirn-Schranke, vorzeigen.

Die T-Zellen greifen Hirnzellen und ihre Kommunikationsstränge, die Axone, an und verursachen Entzündungen. Dadurch sinke die Nervenleitgeschwindigkeit „von der eines Kängurus auf die einer Schnecke“. Das Ergebnis seien zahlreiche Störungen.

In der Therapie habe sich in den vergangenen 20 Jahren einiges geändert: „Früher hat man erst bei Verschlechterungen therapiert, heute fangen wir so früh wie möglich an, um die MS im besten Falle aufzuhalten oder zumindest zu verzögern“, erklärte Simone Tauber. „Junge Patienten haben heute gute Chancen, gar nicht mehr in den zweiten Krankheitsabschnitt, in dem sich die Einschränkungen nach einem Schub nicht mehr vollständig zurückbilden, zu kommen.“

Dafür stünden fünf Wirkstoffe für den schubmäßigen Verlauf sowie drei weitere Medikamente, die aber stärkere Nebenwirkungen haben, zur Verfügung. Tauber: „Dabei geht es nicht um die Verbesserung des Ist-Zustands, sondern darum, langfristig Entzündungen zu verhindern.“ Welches das Mittel der Wahl sei, entschieden die Neurologen nach Verträglichkeit, aber auch danach, was am besten in den Alltag des Patienten passe.

Für die Behandlung der Symptome hatte Professor René Gobbelé, niedergelassener Neurologe, keine so guten Nachrichten wie Tauber: Für die Spastiken gebe es Medikamente, „aber wir müssen aufpassen, übermäßig zu therapieren. Die Stützfunktion der Muskeln sollte erhalten bleiben“, sagte er. „Wenn der Patient keine Schmerzen hat, ist die Spastik zweitrangig.“

Anders sieht es bei dem Erschöpfungssyndrom Fatigue aus, dessen Ursache bis heute nicht bekannt ist. 86 Prozent der Patienten sind davon zumindest zeitweilig betroffen, ein Drittel hält es für das schlimmste Syndrom der MS. „Da gibt es kaum wirksame Medikamente. Allerdings ist es wichtig, andere Ursachen auszuschließen. Es könnten etwa eine Schilddrüsenunterfunktion oder Eisenmangel vorliegen.“

Bewegung ist dagegen immer wirksam. „Bewegung wirkt positiv auf die Gehirnleistung, beugt dem Schmerz vor und hellt die Stimmung auf“, verdeutlichte Dorothee Bülte, niedergelassene Fachärztin für Neurologie. Außerdem steigere Bewegung die körperliche Belastbarkeit, verringere Spastiken und verbessere die Koordination. Studien hätten ergeben, dass auch die starke Erschöpfung bei Sport in Maßen abklingt. Aber: „Nehmen Sie Herausforderungen an, doch erkennen Sie persönliche Grenzen und hören Sie auf Ihren Körper“, so Bülte. Besonders moderater Ausdauersport, bei dem übermäßiges Schwitzen vermieden werde, sei zu empfehlen. Denn eine Überhitzung kann das Auftreten von Schüben begünstigen.

Welche Sportart man auch immer für sich wählt, Physiotherapie ist in keinem Fall aus der Behandlung von MS-Patienten wegzudenken. Sie lindere nicht nur die Symptome und fördere das Körpergefühl. „Mit einem individuellen Trainingsprogramm lassen sich Defizite ausgleichen und Ressourcen fördern“, sagte Julian Breuer, Physiotherapeut am Klinikum. Dabei orientiert er sich an den normalen Herausforderungen des individuellen Alltags des Patienten und kreiert dadurch immer wieder Erfolgserlebnisse. „Erfolge sind möglich, aber Eigeninitiative ist notwendig. Wählen sie daher lieber den schwierigen Weg“, gab er den Zuschauern mit auf den Weg. „Die Kooperation ist entscheidend.“

So ähnlich argumentierte auch Sergey Dockter, Yoga- und Qigong-Lehrer sowie Vertreter der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM): „In der TCM geht man bei Erkrankungen wie MS von dem Verlust der Mitte aus. Dabei geht es um die Störung des Magen-Darm-Trakts, durch den der Patient ständig unter Energiemangel leidet. Wird hier nichts verändert, kann alle Arbeit von außen nichts bewirken.“ Deshalb empfahl er allen Besuchern des Forums — egal ob mit oder ohne MS-Diagnose — den Verzicht auf Zucker, Kaffee, Alkohol und saure Lebensmittel sowie eine in den Alltag integrierte intensive Entspannungskultur.