Aachen: Der usselige Schlawiner verkauft nur Tinnef

Aachen : Der usselige Schlawiner verkauft nur Tinnef

Wörter kommen und gehen. Sie verschwinden, weil die Umstände, die sie beschreiben, immer seltener werden, weil die Gegenstände, die sie bezeichnen, vom technischen Fortschritt überholt werden, oder weil sie durch fremdsprachliche Pendants ersetzt werden.

In der Ausgabe unserer Zeitung vom 7. Juli haben wir über „bedrohte“ Worte wie Schwindsucht, Walkman oder Kokolores berichtet und einige vergessene Lieblingsworte zusammengetragen.

Wir erklärten, warum Karacho, Tohuwabohu und Fisimatenten nostalgische Gefühle auslösen können und wieso knorke, antichambrieren und Remmidemmi dringend wieder in den täglichen Sprachgebrauch aufgenommen werden sollten. Wir fragten unsere Leser aber auch, welche Worte sie im täglichen Sprachgebrauch vermissen. Wir haben zahlreiche Antworten erhalten, für die wir uns sehr herzlich bedanken.

Das Thema stößt ganz offensichtlich auf großes Interesse. Es soll zum Beispiel Leute geben, die auf ihrem Schreibtisch noch einen Apparat stehen haben, auf dem dieses runde Etwas befestigt ist: die Wählscheibe. Jüngere Leute, die davor stehen, wissen manchmal gar nicht, was sie damit machen sollen. Andererseits: Wer mit Wählscheibe telefonierte, rief zumindest nicht wegen jedes Kinkerlitzchens an.

Das Ergebnis unserer Leserumfrage: Besonders schmerzlich werden in der Region der Mumpitz, der Hagestolz, der Tinnef und der Backfisch vermisst.

Sie wissen nicht, was das alles bedeutet? Bloß kein Fracksausen bekommen, in unserer Übersicht wird der ganze Kladderadatsch erklärt:

Mumpitz: Ab dem 17. Jahrhundert war mit Mumpitz eine Schreckgestalt oder Vogelscheuche gemeint. Im 19. Jahrhundert wurde der Begriff an der Berliner Börse gebraucht — hier im Sinne von „erschreckenden Gerüchten“. Wird das Wort heute noch gebraucht, steht es für Unsinn, dem man keine Beachtung schenken muss.

Tinnef: Ein in den 1950ern noch sehr beliebter Ausdruck für „Unfug“ („Red‘ keinen Tinnef“) und für „Schund“ oder „wertloses Zeug“ („Da gibt es nur Tinnef zu kaufen“). Der Ursprung des Wortes liegt im Hebräischen. Da heißt Tinnef „Schmutz“ oder „Dreck“. Eine Steigerungsform gibt es übrigens auch: „Tinnef mit Lakritze“.

Hagestolz: Ein älterer, etwas kauziger Junggeselle: So einen nannte man Hagestolz. Die jüngeren Söhne erbten oft nur ein kleines Nebengut (althochdeutsch „hag“). Mit dem konnten sie keine Familie ernähren — und blieben folglich unverheiratet. In der Umgangssprache wurde der Begriff dann aber auch für Junggesellen aus Überzeugung gebraucht.

Plümo: Wenn die rheinische Oma im Herbst sagt, „ich lüfte schon mal das Plümo“, bereitet sie sich auf den Winter vor und holt das Federbett aus dem Bettkasten. Abgeleitet ist das Wort vom französischen „plume“ (Feder), weshalb es korrekt auch eigentlich „Plumeau“ heißt. Im Wienerischen ist „Plümo“ noch heute das gängige Wort für Bettdecke.

Hallodri: Ein unzuverlässiger Typ: Der Hallodri ist stets unbesorgt, leichtfüßig und etwas leichtsinnig unterwegs. Manche bezeichnen ihn sogar als zwielichtig und unseriös. Vor allem in Liebesdingen ist der Hallodri ein Tunichtgut und nimmt, was er kriegen kann. Besonders gebräuchlich ist das Wort noch im süddeutschen Raum und in Österreich.

Schindluder: Wer Schindluder mit jemandem treibt, behandelt ihn nicht besonders gut. Ganz so schlimm, wie die Wortherkunft vermuten lässt, ist die Bedeutung aber heute nicht mehr: Der Schinder zog im Mittelalter Tieren oder Verurteilten die Haut ab, damit die Haut eines toten Tieres noch verwendet werden konnte oder eine Strafe vollzogen wurde.

Kladderadatsch: Wer das Wort laut ausspricht, kann erahnen, um was es sich handelt: Kladderadatsch steht für ein heilloses Durcheinander oder Chaos, insbesondere nach einem Zusammenbruch. Von 1848 bis 1944 erschien ein politisch-satirisches Wochenblatt mit gleichem Namen, das das Wort noch gängiger machte.

Fracksausen: Wem der Frack saust, der ist nervös, aufgeregt, hat Angst vor einer Prüfung. Ihn plagt also das Lampenfieber. Frack steht hier für Hose. Und da sich bei manchen Menschen Aufregung auf den Darm auswirkt, saust dann eben der Frack. Das „Muffensausen“ hat einen ähnlich unschönen Ursprung: „Muffe“ steht hier für den Darm.

Stelldichein: Das Stelldichein — die romantische Zusammenkunft zweier Verliebter — ist die im 18. Jahrhundert vom Schriftsteller Joachim Heinrich Campe eingedeutschte Version des Rendezvous. Während das Rendezvous in Deutschland seine romantische Bedeutung behielt, wurde Stelldichein bald auch für unverfängliche Treffen verwendet.

Schlawiner: Ein Begriff, der sowohl anerkennend als auch abwertend gemeint sein kann. Ein Schlawiner hat es faustdick hinter den Ohren, ist entweder schlau und pfiffig oder gerissen und durchtrieben — ein Schlingel oder ein Schlitzohr. Dass er clever ist, nutzt der Schlawiner jedenfalls zu seinem eigenen Vorteil.

verhohnepipeln: Jemanden an der Nase herumführen, durch den Kakao ziehen, veräppeln oder eben verhohnepipeln. Der Verhohnepipelte — das Opfer der Verhohnepipelung — wird mit Spott und Ironie lächerlich gemacht. Das Wort stammt wohl von einem Synonym für Lästerer aus dem 16. Jahrhundert — hole Hip — das sich über die Jahre wandelte.

spedieren: „Spedition“ wird zwar noch benutzt, spedieren aber kaum. Insbesondere war der Transport oder das Versenden von Gütern gemeint, allerdings konnte auch der Transport von menschlicher Fracht mit „spedieren“ umschrieben werden. Der Ursprung des Worts liegt im italienischen „spedire“.

gelackmeiert: „Und jetzt bin ich wieder der Gelackmeierte!“ Wer diesen Ausruf tätigt, fühlt sich hintergangen und betrogen. Aus dem Familiennamen „Meier“ wurde in Norddeutschland das Verb „meiern“, das „täuschen“ oder „foppen“ bedeutet. Der Betroffene ist also doppelt getäuscht — gelackt und gemeiert.

erquickend: Belebend, stärkend, erfrischend: Ein kühles Getränk kann erquickend sein, ebenso eine Rast, eine durchschlafene Nacht oder ein Bad. Das Adjektiv bedeutet in etwa so viel wie „lebendig machend“. „Unerquicklich“ bezieht sich dagegen auf den unerfreulichen Ausgang einer Situation oder einer Begegnung.

wohlfeil: Die positive Bedeutung: preiswert. Wer etwas wohlfeil erworben hat, weiß, dass er ein gutes Geschäft gemacht hat. Die negative Bedeutung: abgedroschen. Wer höflich sagen wollte, dass eine Rede
bedeutungslos und zu lang war, sagte, dass der Redner „mit wohlfeilen Worten“ gesprochen hatte.

stiekum: In Ostwestfalen und dem Ruhrgebiet heißt es stickum, in der Nähe der niederländischen Grenze stiekum. Die Bedeutung: ganz heimlich und leise. Verwandt ist das Wort mit dem gängigen niederländischen stiekem (=heimlich). Der Ursprung liegt im jiddischen Wort für ruhig oder still: stieke.

usselig: 13 Grad, ungemütlicher Wind und leichter Nieselregen: Das ist die Definition von „usselig“. Aber nicht nur das Wetter kann usselig sein, auch einem selbst: „Mir ist heute so usselig.“ Und auch auf andere lässt sich das Adjektiv anwenden: Ein usseliger Typ ist einer, dem man lieber nicht zu nahe kommen will.

Backfisch: Mit Backfisch ist eigentlich ein kleiner Fisch gemeint, der sich nicht zum Kochen eignet, sondern nur zum Backen, oder der aufgrund seiner Größe backbord wieder vom Schiff geworfen wird. In der Kaiserzeit bezeichnete man weibliche Teenager zwischen der Schulreife und der Gesellschaftsfähigkeit, also zwischen 14 und 17 Jahren, als Backfische.

naseweis: „ls „naseweis“, „altklug“ oder „neunmalklug“ bezeichnete man vor allem vorlaute oder vorwitzige Kinder, die sich eine eigene Meinung heraus-nahmen oder versuchten, wie Erwachsene zu reden. Ursprünglich wurde die „weise“ — also kundige — Nase witternden Spür- oder Jagdhunden zugesprochen.

etepetete: Seit 1934 im Duden, aber bereits seit dem 17. Jahrhundert im Berliner Straßenjargon: Etepetete bezeichnet das Verhalten einer pingeligen, überempfindlichen Person. Der Ursprung liegt wahrscheinlich im französischen Ausdruck „être, peut-être“, was „kann sein, vielleicht“ bedeutet und für „mehr Schein als sein“ steht.

Schlendrian: Wer sich dem Schlendrian hingibt, kann es eigentlich gleich lassen: Das Wort bezeichnet eine langsame, träge, nachlässige und fehleranfällige Arbeitsweise. Wer sich dem Schlendrian hingibt, arbeitet schludrig und schlampig. Zugrunde liegen das Verb schlendern und vermutlich „Jahn“, also veraltet „Arbeitsgang“.

Obolus: Im antiken Griechenland war der Obolus eine kleine Silbermünze von geringem Wert, die häufig im Tausch gegen Ware den Besitzer wechselte. Heute bezeichnet der Obolus einen (nicht ganz freiwilligen, aber meist geringfügigen ) Beitrag, ein Eintrittsgeld, eine Spende, ein Trinkgeld oder eine Gebühr.

(red)
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