Kelmis: Der untergegangene Staat im Vierländereck

Kelmis: Der untergegangene Staat im Vierländereck

Gerade einmal sieben Kilometer von Aachen entfernt befand sich bis vor 90 Jahren Neutral-Moresnet, ein Zwergstaat, den heute nur noch Einheimische kennen.

Mit kuriosen Gesetzen, Überbleibseln aus der napoleonischen Zeit, und einem wertvollen Schatz: Galmei. Das wurde für die Zink- und Messingherstellung verwendet und aus diesem Gebiet nach ganz Europa exportiert.

Um die Erinnerung an den ehemaligen Zwergstaat aufrecht zu erhalten, gibt es jetzt eine Ausstellung über Neutral-Moresnet in Kelmis. In Kelmis leben heute noch fünf Menschen, in deren Pass „Neutral-Moresnet” eingetragen ist. Agnes Hackens-Paffen ist eine von ihnen.

Wer bei ihr an der Tür klingelt, sollte auf der Hut sein. Die 95-jährige Dame pflegt nämlich den Haustürschlüssel aus dem ersten Stock zu werfen, wenn sie nach einem vorsichtigen Blick aus dem Fenster beschlossen hat, dem Besuch Eintritt zu gewähren.

Sie ist zwar noch rüstig, die älteste noch lebende Zeitzeugin, die in Neutral-Moresnet geboren wurde, erspart sich aber unnötige Wege.

An ihre Kindheit im Zwergstaat hat die 95-Jährige zum Teil noch sehr lebendige Erinnerungen. An die vielen Gruben beispielsweise, in deren Nähe sie als Kind spielte. „Von diesen Gruben gab es wegen der Minen hier viele”, sagt Hackens-Paffen. Sie wohnt noch heute in dem Haus, das einst ihre Großeltern gebaut haben.

Die Zinkminen waren der Grund dafür, dass Neutral-Moresnet ein halbes Jahr nach dem Wiener Kongress gegründet wurde. Damals, nach dem Fall Napoleons, wurden die Grenzen in Europa neu gezogen. Das Königreich der Niederlande und Preußen lagen im Zwist über die Grenzziehung bei den Minen.

Die Lösung: ein neutraler Staat mit niederländischem und preußischem Verwaltungsrecht. „Darum ist es eigentlich falsch, von einem Staat zu sprechen”, sagt Alfred Bertha, pensionierter Latein-Lehrer und Mitarbeiter des Göhltalmuseums in Neu-Moresnet.

„Eigentlich war Neutral-Moresnet ein sogenanntes Kondominium, also ein souveränes Gebiet ohne Regierung wie Andorra, das durch zwei Länder verwaltet wird.Ó Bis 1919 war das Territorium neutrales Gebiet, das nach kurzer deutscher Besetzung dem belgischen Hoheitsgebiet zugeteilt wurde.

Im Museum sind hunderte Artefakte zu sehen, die aus der neutralen Zeit stammen. Darunter die alte Nationalflagge, und alte Grenzsteine. Von den 60 Pfeilern, die früher die Grenzen markierten, sind heute noch 53 im Boden verankert. Einer davon steht in Vaals am Dreiländereck.

Hubert Debey erinnert sich noch gut an die Schulausflüge, die er als Kind zum damaligen Vierländereck mitmachte. Mit 96 Jahren ist er der älteste noch lebende Mensch, der in Neutral-Moresnet geboren wurde. Er lebt heute im Altersheim. Eine Pflegerin stellt den Fernseher leiser, bevor er mit seiner Geschichte beginnt.

„Es ist alles schrecklich lange her. Neutral-Moresnet besteht nur noch in den Köpfen von uns Alten”, setzt er an. „Ich kann nicht oft genug betonen, dass alle Menschen in dieser Zeit zufrieden waren”, sagt er.

Debey erzählt mit einer ruhigen, manchmal sehr leisen Stimme, wechselt unbewusst zwischen Französisch und Deutsch. „Wegen den Minen gab es bis in die 30er Jahre genug Arbeit für alle. Nicht nur in den Galmeiminen, sondern auch an anderen Orten. Meine Eltern zum Beispiel haben Spielzeug verkauft.”

Er habe damals das große Glück gehabt, Französisch lernen zu dürfen. „Wenn du damals zwei Sprachen gesprochen hast, dann konntest du überall arbeiten.” Vor allem als die Minen geschlossen wurden, sei das ein großer Vorteil gewesen. Die letzte wurde 1936 in Roer geschlossen.

Auch an den Ersten Weltkrieg kann sich Debey gut erinnern. „Viele Arme kamen nach Neutral-Moresnet, weil es den Leuten hier noch verhältnismäßig gut ging.” Alle hätten Arbeit gehabt, überwiegend in den Minen. „Zink war damals rar. Die Granaten, die im Krieg benutzt wurden, beinhalteten Blei, aber auch häufig Zink”, sagt Debey.

Eine Besonderheit in der Historie Neutral-Moresnets war die Regelung, dass nach der Staatsgründung keine neuen Gesetze eingeführt werden durften - mit teils kuriosen Effekten.

Über 100 Jahre nach Napoleons Tod bestanden seine Erlasse in dem Zwergstaat fort. Wer etwas von geringem Sachwert stahl, dem drohte ein halbes Jahr Gefängnis. In den umliegenden Ländern wurde das dagegen mit einer Woche bestraft. Und eine allgemeine Schulpflicht gab es noch nicht.

Das ist alles längst Geschichte.

Wer mehr wissen will, kann noch bis zum 31. Januar ins Göhltalmuseum in Kelmis, Maxstraße 9. Öffnungszeiten: dienstags und freitags von 8 bis 12 Uhr, mittwochs von 8 bis 12 Uhr und von 14 bis 16.30 Uhr. Samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr. Eintritt zwei Euro, ermäßigt 1,50 Euro, Familien zahlen fünf Euro.

Mehr von Aachener Zeitung