Aachen: Der Tag, an dem der blaue Dunst verschwand

Aachen : Der Tag, an dem der blaue Dunst verschwand

Die letzte Zigarette musste am 30. Juni 2008 kurz vor Mitternacht ausgedrückt werden. Dann war Schluss. Denn seitdem gilt das Nichtraucherschutzgesetz in NRW auch für gastronomische Betriebe. Für die einen ist das Gesetz heute noch zu lasch, andere dagegen beklagen, dass damit deutsches Brauchtum abgeschafft worden sei.

Wissenschaftlich ist der Fall eindeutig: Seit das Gesetz eingeführt worden ist, sinkt die Zahl der Krankenhausaufenthalte und Behandlungen, die durch Angina pectoris oder einen Herzinfarkt ausgelöst wurden. Das hat das Kieler Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung längst festgestellt. Das Gesetz habe nicht nur zu einer Verbesserung des Gesundheitszustandes der Bevölkerung geführt, sondern auch zur Verminderung von Behandlungskosten: „Eine seltene Kombination in der Medizin“, sagen die Macher der Studie.

Beklagt die fehlende Gemütlichkeit: Wirt Guido Wirtz. Foto: Pauli

Auch Karl-Josef Laumann (CDU), damals wie heute Gesundheitsminister in NRW, spricht von einem „konsequenten und funktionierenden“ Nichtraucherschutz im Land: „In den Gaststätten herrscht inzwischen weitgehend Ruhe und Frieden in dieser Frage. Das war nicht immer so.“

Wenn man mit Gastronomen spricht, haben sie sich dagegen auch nach einer Dekade nicht mit dem Gesetz angefreundet. Die Vorschrift sei für manche Betriebe der letzte Sargnagel gewesen, sagt zum Beispiel Dieter Becker, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) in Aachen. Andere Bundesländer hätten bessere Lösungen gefunden.

Verluste mit Speisen kompensiert

Guido Wirtz ist mit Leib und Seele Kneipier. In Aachen-Horbach betreibt er die Gaststätte Bosten. Wirtschaftlich seien die Befürchtungen nicht eingetreten, sagt der 50-Jährige. Er hat zwar festgestellt, „dass weniger Raucher, aber nicht mehr Nicht-Raucher“ gekommen sind. Die Verluste hätten aber mit Speisen kompensiert werden können.

Ein Freund des Nichtraucherschutzgesetzes ist Wirtz dennoch nicht geworden. Er beobachtet nicht nur, dass seine Mitarbeiter nun Raucherpausen vor dem Lokal einlegen, er beklagt auch eine Einbuße an Gemütlichkeit. „Wenn bei uns im Saal Veranstaltungen sind, steht manchmal die Hälfte draußen vor der Tür.“ Aus seiner Sicht hätten Raucherpausen während der Küchenzeiten ausgereicht.

Beschlossen wurde das Nichtraucherschutzgesetz von der Bundesregierung 2007. Die Regeln für das Rauchen in Kneipen sollten aber die Bundesländer auf Betreiben der Tabakindustrie aufstellen. „Am konsequentesten haben es inzwischen Nordrhein-Westfalen, Bayern und das Saarland umgesetzt“, sagt Manfred Wieske, Landesleiter der Initiative „Pro Rauchfrei“ in NRW. Tatsächlich herrscht dort in allen Gaststätten und Kneipen absolutes Rauchverbot — auch in den kleinen Eckkneipen. Das war nicht immer so. Als das Verbot am 1. Juli 2008 verfügt wurde, gab es noch viele Schlupflöcher.

Die kreative Lösung: Raucher-Clubs und „Helmut-Parties“

Damals durfte noch in Kneipen mit getrennten Raucher- und Nichtraucherbereichen gequalmt werden — Vorgabe war, dass die Raucherzone der kleinere Bereich sein musste. Wer nur über einen Raum verfügte, musste das absolute Rauchverbot ausrufen. Viele Kneipen fanden kreative Lösungen — etwa, indem sie sogenannte Raucher-Clubs gründeten. Wer rein wollte, musste eine Club-Mitgliedschaft unterschreiben. In den Taschen vieler Jugendlicher stapelten sich damals die Mitgliedsausweise zahlreicher Bars ihrer Stadt.

Auch die sogenannten „Helmut-Parties“ waren ein Versuch, Rauchverbote zu umgehen. Benannt nach dem verstorbenen Alt-Bundeskanzler und wohl bekanntesten deutschen Raucher Helmut Schmidt organisierten Kneipen als privat deklarierte Veranstaltungen. Zugang dazu hatte dennoch jeder. Doch auch diese Partys sind vorbei, seit fünf Jahren herrscht ein absolutes Rauchverbot in allen Kneipen und Gaststätten — ohne jede Ausnahme. Die rot-grüne Landesregierung verschärfte das Gesetz. Das hat viele Betreiber getroffen, die ihren Betrieb umgebaut hatten — und deren Kosten sich nicht amortisierten.

Die Zahl der gastronomischen Betriebe ist in den letzten zehn Jahren konstant bei landesweit etwa 50.000 geblieben. Aber das befürchtete Kneipensterben sei durchaus eingetreten, sagt Thorsten Hellwig, Dehoga-Sprecher in NRW. 1994 waren noch 21.165 Schankbetriebe gelistet, Ende 2017 gerade noch 9233. Hellwig wählt gerne das Bild des dreibeinigen Barhockers, wenn er über die Situation spricht. „Reden, Trinken und Rauchen“ waren die Beine. Nachdem das Rauchen nun nicht mehr möglich sei, funktioniere auch der Barhocker nicht mehr.

„Dieses Geschäftsmodell ist gekippt“, sagt er. Generell sei die Gastronomie eher „verbotsfeindlich“ eingestellt. „Wir wollen so wenig wie möglich regulieren, hier ist jeder willkommen.“ Die Kneipe an der Ecke hat allerdings nicht nur wegen des Nichtraucherschutzgesetzes geschlossen, räumt auch der Lobbyist ein. „Die Gleichung Rauchverbot gleich Kneipentod geht so nicht auf“, sagt er. Die Nachfrage für klassische Schankbetriebe wandele sich, Gäste suchten zunehmend nach Unterhaltung und Modernität.

„Wir müssen nachbessern“

„Rauchfrei“-Befürworter Wieske beklagt, dass das deutsche Raucherschutzgesetz immer noch weit hinter den Regelungen in Nachbarländern zurückfalle. Er befürwortet deutliche Verschärfungen, will verbieten, dass in Fahrzeugen mit Kindern oder Schwangeren geraucht werden darf. Auch zahlreiche Bundestagsabgeordnete wie zum Beispiel der Aachener Mediziner Rudolf Henke befürworten das längst.

Die Initiative von Wieske ist noch resoluter. Sie hat auch Bedenken gegenüber dem Nikotinkonsum, wenn viele Menschen im Freien dicht gedrängt zusammen stehen. Er denkt an Freibäder, Stadien, Zoos oder Kirmessen. „Wir müssen nachbessern“, sagt er. Am liebsten würde er auch die Tabakwerbung am Straßenrand entfernen. „Die Städte wollen auf die Einnahmen nicht verzichten.“ Ausnahmen kennt er nur zwei. Bergisch-Gladbach und Heidelberg, Standort des Deutschen Krebsforschungszentrums. Auch bei Kneipen und Gaststätten würde er weiter nachjustieren. „In anderen Ländern gibt es längst Korridore vor den Lokalen, damit Besucher sich nicht durch Rauchgruppen bewegen müssen.“

Als das Gesetz vor Jahren nach vielen Protesten eingeführt wurde, setzte die damalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) darauf, dass Rauchverbote langfristig helfen könnten, die Raucherquote in unserem Land zu senken. Konkrete Zahlen für das Land gibt es nicht. Wenn aber ein Raucher pünktlich am 1. Juli 2008 seine Nikotinkarriere beendet hätte, hätte sich sein Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, halbiert, bestätigt Christoph Lersch, Facharzt für Lungen- und Bronchialheilkunde im Ärztehaus am Aachener Luisenhospital.

Auch das Risiko an Kehlkopf- und Lungengrundkarzinom, an Magen-, Darm- sowie Nieren- und Blasenkrebs zu erkranken, hätte er deutlich gesenkt. „Oder anders formuliert: Nach zehnjähriger Abstinenz ist die Gefahr, an einer der genannten Krebsarten zu erkranken, genauso hoch wie bei jedem anderen Nichtraucher“, sagt der Experte.

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