Aachen/Landgraaf: Der Spaß hört nach dem zehnten Stockwerk auf

Aachen/Landgraaf: Der Spaß hört nach dem zehnten Stockwerk auf

Nur weiter, immer weiter. Die Suche nach immer neuen Herausforderungen treibt René Serf vorwärts. Spornt ihn an, immer höher, schneller und weiter zu laufen.

Am Samstag, 27. August, geht es in den 49. Stock vom bereits wieder aufgebauten Tower 7 des World Trade Center in Manhattan. In kompletter Feuerwehrkluft und mit angeschlossenem Pressluftatmer. Das sind rund 20 Kilogramm zu seinem normalen Körpergewicht, die der Aachener zusätzlich die Treppen hochschleppen muss. Unzählige Stufen, steil hinauf. Zur Belohnung gibt es oben einen unbeschreiblichen Blick über die Dächer von New York.

Der 34-Jährige ist Brandmeister bei der Aachener Berufsfeuerwehr. Mit seinen Kollegen Daniel Fillinger, Norbert Schwark, Basti Lambertz, Pascal Bengels, Martin Pieren, Dominique Szillat und Markus Busch nimmt er an den World Police & Fire Games in New York teil. In der Disziplin Stairways, Treppensteigen. Dafür wird fleißig trainiert. Im Park Gravenrode im niederländischen Landgraaf. Dort ragt in direkter Nachbarschaft zur Snow World eine gewaltige Treppenanlage knapp 100 Meter in die Höhe, bahnt sich ihren Weg durch die Landschaft. Wo im Inneren der Halle Skifahrer und Snowboarder per Lift den Berg gemütlich hinauffahren, um diesen anschließend in rasanter Abfahrt zu bezwingen, trainieren die Aachener.

Der perfekte Testlauf

Schon der Blick hinauf lässt erahnen, welche Anstrengungen selbst Fußgänger haben dürften, bei der Besteigung der Treppe. Doch für René Serf und seine Kollegen ist es der perfekte Testlauf für das, was die Männer in New York erwartet. In der letzten Phase vor dem Wettkampf sind sie ein- bis zweimal in der Woche dort. Zehnmal quälen sie sich in einer Trainingseinheit die Treppen rauf und nach kurzer Pause oben auf dem Gipfel auch gleich wieder runter.

Die ersten Runden lediglich in normalen Trainingsklamotten, kurze Hose und T-Shirt. Doch auch so werden die Schritte nach oben hin immer schwerer und langsamer, während das Ziel in scheinbar unerreichbare Ferne rückt. „Als ich das erste Mal diese Treppe hoch bin, das war schrecklich”, sagt Basti Lambertz. Auch jetzt muss er die letzten Meter alles aus sich herausholen. Einige seiner Kollegen sind bereits oben, warten und feuern ihn an. Klar, er schafft es. Immerhin ist der 25-Jährige der schnellste Läufer im Team, wie seine Kameraden bestätigen. Beim „Firefighter Sky Run” in Düsseldorf hat er seine Aachener Kollegen abgehängt. 60 Stockwerke sprintete Lambertz den Funkturm hinauf. Dafür brauchte er gerade mal 9:05 Minuten. „Wir geben immer Vollgas. Oben sind wir dann kurz vorm Kollaps”, sagt Lambertz.

Nachdem er nun schon das fünfte Mal die Treppenanlage in Landgraaf an diesem Tag bezwungen hat, sieht man ihm die Anstrengung an. Der Schweiß perlt von seiner Stirn am Gesicht herunter. Der 25-Jährige nimmt einen tiefen Schluck aus seiner Wasserflasche. Es ist die zweite, die er bei diesem Training leert. Am Ende der Einheit hat er drei Liter-Flaschen getrunken. Die bleiben übrigens immer unten am Treppenfuß. Sozusagen als kleiner psychologischer Trick. „Das ist eine gute Motivation, um wieder runterzukommen”, sagt Lambertz und lacht.

Sportbegeistert sind die Aachener allesamt. Dafür nehmen sie die ganzen Strapazen auf sich. Die erschöpfen sich allerdings nicht nur im Lauf selbst. Das sportliche Event ist der Höhepunkt, auf den sie seit Monaten hinarbeiten. Trainieren, wann immer es die Zeit und ihr Dienstplan zulässt. Da die Feuerwehrmänner nicht für die Dauer ihres New-York-Aufenthalts vom Dienst freigestellt werden, haben sie Urlaub eingereicht. Und ihre Schichten mit anderen Kollegen getauscht. Auch finanziell investieren die Aachener einiges. 780 Euro für sechs Übernachtungen im Hotel und Flug. Hinzu kommen pro Nase 150 Dollar Startgeld, das sind umgerechnet knapp 104 Euro.

Darin enthalten: die Akkreditierung zum Sportlerdorf. Wie im großen Vorbild, dem olympischen Dorf, treffen sich dort die Teilnehmer aus aller Welt, tauschen sich aus, lernen sich kennen. Es ist eben dieser olympische Gedanke, der für die Aachener zählt. Für sie ist „Dabeisein alles”. Auch vor einem anderen Hintergrund: New York ist für die Feuerwehrmänner aus Aachen ein Jahrzehnt nach den schrecklichen Terroranschlägen vom 11. September auf das World Trade Center eine ganz besondere Erfahrung: „Es hat eine große Bedeutung für uns, an dem Ort, wo vor zehn Jahren 366 unserer Kollegen ihr Leben gelassen haben, unser Bestes zu geben”, sagt René Serf. Davon, so ist er sich sicher, werden sie noch in 20 Jahren ihren Kindern erzählen.

Doch vor dem Höhepunkt fließt weiter ordentlich der Schweiß in Strömen. Auch, wenn der Lauf die Treppe runter schon quasi so eine Art Erholung ist. Bergab geht es entspannter. Runterlaufen ist „eine echte Erholung”, wie der 34-Jährige sagt. Kaum zu glauben, wenn man sein Schnaufen hört. „Die Treppen rauf geht viel mehr in die Waden”, sagt René Scherf. Die sind bei ihm ohnehin schon muskulös. Und in den vergangenen Wochen sind sie noch einmal strammer geworden. Dabei sind der Aachener und seine Kollegen ständig großen Belastungen ausgesetzt. „Wir sind sozusagen jeden Tag im Training”, sagt Serf. Die Lebensretter müssen schließlich fit sein, wenn sie Eingeschlossene aus brenzligen Situationen befreien wollen. „Im Einsatz kommt es auch schon mal vor, dass wir 20 Stockwerke rauf und wieder runter laufen müssen”, sagt der 34-Jährige.

Das Atmen fällt schwer

Doppelt so hoch geht es in New York den Wolkenkratzer hinauf. Wie viele Stufen vor ihnen liegen, wissen sie nicht. Wahrscheinlich sind es noch mal mehr als die 570 auf der Treppe im Park von Gravenrode. Auch die Aussicht wird dann eine andere sein. Statt saftig grüner Wiese und freiem Blick über das Dreiländereck bis in die Eifel, sehen sie in New York nur ein Treppenhaus. Eine eher bescheidene Aufsicht auf Betonstufen. Wissen die Sportler, was sie dort genau erwartet? „Nein”, sagt Basti Lambertz. Keiner von ihnen kenne den Turm und die Gegebenheiten vor Ort. Auch über die Konkurrenten und ihr Leistungsvermögen ist nichts bekannt.

Hinzu kommt, dass die Sportler in den USA zum ersten Mal mit angeschlossener Carbonflasche an den Start gehen. Durch das Mundstück wird die gepresste Luft inhaliert. Da fällt das Atmen noch mal so schwer, weiß auch René Serf aus seinen Einsätzen. Seine Taktik für New York: Jede Stufe einzeln nehmen. Das mache nicht jeder so, einige nehmen zwei Stufen auf einmal. Im Jogging-Tempo will René Serf die ersten drei Stockwerke überwinden, um bloß nicht gleich am Anfang sein ganzes Pulver zu verschießen. Ab dem dritten Stock will er in ein zügiges Gehen überwechseln. Und überhaupt: „Der Spaß hört nach dem zehnten Stockwerk auf.” Dann hilft einem nur noch der Kick, sagt Serf. Die Endorphine, die der Körper bei solcher Anstrengung freisetzt. Sie allein reichen, um durchzuhalten und den inneren Schweinehund zu besiegen. Und oben angekommen? „Da ist man platt”, sagt Serf.

Verrückt. „In der Tat, viele halten mich für verrückt”, gibt Basti Lambertz gerne zu. Ihm macht das nichts aus. Für ihn zählt das Ergebnis, das am Ende rauskommen soll. In Tower 7 gehen die Läufer einzeln an den Start, jeweils im Abstand von einer Minute. Jeder Lauf wird gewertet. Die gelaufenen Zeiten werden für die Mannschaftswertung addiert. Vier Läufer bilden ein Team. So stellt Aachen zwei Mannschaften im Big Apple.

Am Donnerstag um 7 Uhr steigen die Sportler in den Flieger. Knapp acht Stunden später sind sie in New York. Gleich am Samstag steigt der Wettkampf. Viel Zeit, sich zu akklimatisieren, bleibt nicht. Da heißt es nach dem Startschuss einfach nur: weiter, immer weiter - bis in den 49. Stock über den Dächern des Big Apple.

Die drittgrößte Sportveranstaltung der Welt

Die World Police & Fire Games sind eine Art Olympische Spiele für Angehörige der Polizei, der Berufsfeuerwehren sowie der Justiz und Zollverwaltungen. Sie finden alle zwei Jahre statt.

Ins Leben gerufen werden die Weltsportspiele 1967 durch Duke Nyhus, stellvertretender Leiter des San Diego Police Department. Die „California Games” - so der damalige Name - wuchsen nach ihrer Premiere stetig. 1985 werden die ersten World Police & Fire Games in San José ausgetragen. Mittlerweile zählen die Weltsportspiele zu den drei größten Sportveranstaltungen auf der Welt.

Von Freitag, 26. August, bis Montag, 5. September, gehen in New York 18.000 Teilnehmer in 65 Disziplinen und an 35 Austragungsorten an den Start.

Darunter auch das 14-köpfige Team aus Aachen. Unterstützt werden die Männer um René Serf von Andreas Kreuwen (Feuerwehr Alsdorf, technischer Support) und Jörg Prast (Feuerwehr Stolberg, zuständig für die Ausrüstung). Zudem geht mit Oliver Grooz noch ein Aachener im normalen Sportoutfit an den Start.

Eröffnet werden die World Police & Fire Games mit einer großen Feier nach dem Vorbild der Olympischen Spiele. Sogar ein Feuer wird mit einer Fackel entfacht. Das Team aus der Städteregion wird dabei die deutsche Fahne hochhalten.