Leben nach der Vergewaltigung: Der schwere Weg zum Prozess

Leben nach der Vergewaltigung : Der schwere Weg zum Prozess

Eine junge Kölnerin ist in der Mainacht 2016 vergewaltigt worden und den schweren Weg zum Prozess gegangen. So geht es ihr heute und so hat sie das Gerichtsverfahren erlebt.

Es waren vielleicht 300 Meter bis zu ihrem Zuhause im Kölner Stadtteil Lindenthal, als die Studentin Sarah W. (Name geändert) in einer Mainacht vor drei Jahren von hinten gepackt wurde. „Im ersten Moment dachte ich, es sei ein Freund“, sagt die 24-Jährige. Doch dann sah sie das Messer vor ihrem Bauch. Der Täter nahm sie in den Schwitzkasten und zog sie vom Uni-Campus hinter das Philosophikum.

Kölnerin hat Todesängste

„Erst wollte er Geld, ich hatte aber nur 20 Euro und hab ihm angeboten, am Automaten mehr zu holen.“ Die meiste Angst habe sie vor dem Messer gehabt. Vom Täter sah sie die ganze Zeit nur eine Hand, er hielt Sarah W. vor sich fest, als er plötzlich verlangte, dass sie ihre Hose auszieht. „Ich hab gesagt: Mach, was du willst, aber schmeiß das Messer weg“, erzählt sie. Der Täter legte das Messer erst auf dem Boden ab und warf es dann hinter sich. Sarah W. nutzte den Augenblick und lief los, doch der Mann holte sie ein. „Ich dachte, jetzt ist alles vorbei.“ In Todesangst ließ sie die Vergewaltigung über sich ergehen und dachte immerzu an das Messer. „Ich hab mich gefragt: Was passiert hier gleich? Was macht er, wenn er fertig ist?“

Sarah W. gelang die Flucht, obwohl der Täter noch einmal versuchte, sie festzuhalten. Eine Überwachungskamera an der Uni zeichnete die dramatische Szene auf. „Die Polizei hat mir nie das Gefühl gegeben, mir nicht zu glauben, aber ich war trotzdem erleichtert, als sie mir erzählt haben, dass sie mich auf den Kameraaufnahmen gesehen haben“, sagt Sarah W.

Nach der Kölner Silvesternacht und durch die „Me too“-Debatte hat sich das Anzeigeverhalten verändert, nach einer Sexualstraftat wagen mehr Frauen den Schritt, zur Polizei zu gehen. „Aber das Ermittlungsverfahren und der Prozess werden von vielen als sehr belastend empfunden“, sagt Diplom-Sozialpädagogin Irmgard Kopetzky. „Man muss einigermaßen stabil sein, um das durchzustehen.“

Kopetzky berät beim Kölner Verein „Frauen gegen Gewalt“ vergewaltigte Frauen. Sie und ihre Kolleginnen begleiten Frauen auch zur Polizei oder zum Gericht. Kopetzky weiß, dass es nicht immer so schnell zum Prozess kommt wie im Fall von Sarah W. Sie kennt das Unverständnis der Opfer, wenn das Ermittlungsverfahren eingestellt oder ein Beschuldigter freigesprochen wird.

Ende 2016 verurteilte das Kölner Landgericht einen BWL-Studenten wegen der Vergewaltigung von Sarah W. Der 24-Jährige hatte den ganzen Prozess über geschwiegen. Doch die Ermittler hatten seine DNA am Tatort auf dem Uni-Campus sichern können, er hatte Fingerabdrücke auf der Kondomverpackung und an der Jacke von Sarah W. hinterlassen. Eine spätere Auswertung seines Mobiltelefons zeigte, dass er sich nach der Vergewaltigung im Internet darüber informiert hatte, wie sich Spuren der Tat am besten verwischen lassen.

Innerhalb von neun Tagen hatte der Mann aus Mali vier Frauen überfallen. Eine von ihnen entging offenbar nur knapp einer Vergewaltigung, der Täter hatte ein ausgepacktes Kondom schon griffbereit im Schuh. Doch die 25-Jährige konnte sich losreißen und flüchten. Wegen besonders schwerer Vergewaltigung und besonders schwerer räuberischer Erpressung verurteilte das Gericht ihn zu zehneinhalb Jahren Haft. Die Staatsanwaltschaft hatte zwölf Jahre gefordert.

Sarah W. ist froh darüber, wie es gelaufen ist. Auch wenn die Aussage vor Gericht sie gequält hat. „Am schlimmsten war für mich, dass ich ihn einmal anschauen und sagen sollte, ob ich ihn wiedererkenne – das hab ich aber nicht. Ich hatte sein Gesicht ja nie gesehen.“ Auch die Frage zur Größe des Messers konnte sie nicht beantworten. „Das hatte ich verdrängt.“

Der Kölner Verein rät nicht grundsätzlich dazu, eine Anzeige zu erstatten, sondern zeigt den Frauen auf, was dafür und was dagegen spricht. „Meine Erfahrung ist, dass Frauen, die den Weg gehen, dadurch einen Teil ihrer Selbstbestimmtheit zurückerlangen, weil sie sich wehren, Grenzen aufzeigen, für sich einstehen.“ Bei den polizeilichen Vernehmungen und im Gericht werden sie aber an die Gefühle und Erlebnisse erinnert, die sie vielleicht verdrängt haben und die sie am liebsten vergessen würden.

Kopetzky und ihre Kolleginnen versuchen den Frauen klarzumachen, dass es nicht an ihnen liegt, wenn ein Beschuldigter freigesprochen wird. „Es gibt oft keine Zeugen bei Sexualstraftaten“, sagt Kopetzky. Und der Täter könne hinterher behaupten: „Klar gibt es Spermaspuren, wir hatten ja auch Sex, aber das war freiwillig.“ Es sei deshalb wichtig, dass die Frauen so bald wie möglich nach der Tat zum Arzt gehen und Spuren dokumentieren lassen. In Köln geht das seit 2011 anonym. Die Ärzte dokumentieren Verletzungen und nehmen Blut- oder Urinproben, wenn der Verdacht besteht, dass der Täter dem Opfer k.o.-Tropfen gegeben hat. Die Spuren werden anonymisiert gelagert und zehn Jahre aufbewahrt.

Dass eine Frau aus dem Nichts überfallen wird wie Sarah W. ist bei Sexualdelikten eher selten. „Die meisten Frauen haben die Täter gekannt, manchmal sind es die Partner oder jemand aus dem Freundes- oder Kollegenkreis“, sagt Kopetzky. Viele erlebten im Freundeskreis Gegenwind und Abschwächungsversuche, wenn sie anfangen, darüber zu sprechen, wie Kopetzky sagt. „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf – man müsste dann ja auch als Freundin Konsequenzen ziehen, sich vom Täter abwenden, Stellung beziehen. Sind Frauen mit Unverständnis konfrontiert, haben sie häufig das Gefühl, nun völlig die Kontrolle zu verlieren.“ Manche Frauen kämen erst Jahre nach der Tat.

Sarah W. hat von Anfang an dagegen angekämpft, dass die Tat ihr Leben zu sehr beeinflusst. Gleich am nächsten Tag ist sie mit ihrem Freund und ihren Eltern zurück zum Campus, weil sie keine Angst vor dem Ort haben wollte. „Mein Grundvertrauen war erschüttert, das kann ich sagen, aber sobald ich in meiner Wohnung war, hab ich mich sicher gefühlt.“ Die weltoffene Studentin fand besonders schlimm, dass sie auf einmal zusammenzuckte, wenn ihr ein dunkelhäutiger Mann begegnete, weil auch der Täter dunkelhäutig ist. „Das fand ich wirklich schlimm, das wollte ich nicht“, sagt sie.

Zusammenbruch an der Uni

Doch die Verarbeitung brauchte Zeit. Sarah W. wollte so schnell wie möglich zurück in ihren Alltag und wurde dann doch ausgebremst. „Zwei oder drei Wochen nach der Tat hatte ich einen Zusammenbruch an der Uni. Ich musste weinen, konnte tagelang nichts essen, musste mich übergeben“, sagt sie. In einer Beratung lernte sie, dass sie sich Zeit zur Verarbeitung geben muss, sie ließ Klausuren ausfallen und versuchte, sich einen schönen Sommer zu machen. Sie ging für ein Semester ins Ausland, reiste zum Prozess im Herbst an.

Zurück in Köln meldete sie sich zu einem Selbstverteidigungskurs an – und musste abbrechen, weil sie in der ersten Übung von hinten gepackt wurde. In einer Selbsthilfegruppe lernte sie, dass sie normal reagiert. Und sie traf eine der Frauen, die der Täter wie sie in Lindenthal überfallen hat.

„Ich weiß noch, dass ich vor dem Prozess Angst hatte, dass er mich angrinst, verhöhnt“, sagt sie. Doch im Zeugenstand spürte sie, dass man ihr zuhört, dass sie im Recht ist. Der Täter habe die ganze Zeit vor sich auf den Tisch gestarrt. „Das war ein gutes Gefühl. Ich wusste: Jetzt rede ich, und du wirst für das bestraft, was du mir angetan hast.“