Städteregion: Der schwere Weg von der Alkoholsucht zurück in die Normalität

Städteregion: Der schwere Weg von der Alkoholsucht zurück in die Normalität

Die Erinnerungen an jenen Nachmittag im November 2015 sind vage. „Ich weiß nur, dass ich völlig ausgerastet bin“, blickt Thomas Wilms (Name von der Redaktion geändert) zurück. Der „Filmriss“, wie es der 45-Jährige nennt, hat weniger mit der zeitlichen Distanz zum Geschehenen zu tun als vielmehr mit den 3,98 Promille, die damals in seinem Blut festgestellt wurden.

Das war dann selbst für einen Alkoholiker, der zu diesem Zeitpunkt schon seit mehr als zwei Jahrzehnten regelmäßig und ausgiebig konsumierte und es in den letzten Jahren nicht selten auf zwei Flaschen Ouzo pro Tag gebracht hatte, außergewöhnlich viel.

Außergewöhnlich waren an diesem Tag auch die Folgen des exzessiven Trinkens: „Ich war wütend auf unseren Vermieter, weil er die Kündigung geschickt hatte“, erzählt Wilms. „Die Lage ist dann völlig eskaliert.“ Der Alsdorfer verbarrikadierte sich, drohte damit, jeden „abzustechen“, der versuchen würde hereinzukommen. Die Polizei, mit der Wilms nicht zum ersten Mal zu tun hatte, nahm diese Drohung ernst — und ließ die Wohnung von einem Sondereinsatzkommando (SEK) stürmen.

Sehr viele Angebote

17 Tage verbrachte Thomas Wilms, nachdem er ausgenüchtert war, in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie-Klinik des Landschaftsverbandes Rheinland in Düren. In dieser Zeit reifte seine Entscheidung, niemals mehr so etwas erleben zu wollen — und nie mehr Alkohol zu konsumieren. Mit diesem Vorsatz wandte er sich an die Suchthilfestelle „Baustein“ in Alsdorf. Und traf damit, wie er heute rückblickend feststellt, genau die richtige Entscheidung.

„Unser großer Vorteil ist, dass wir sehr viele Angebote haben“, erklärt Hiltrud Pfeil. Das kam auch Thomas Wilms zugute, der zunächst in einer Vorbereitungsgruppe aufgenommen wurde. „Wegen der begrenzten Kapazitäten und des festgelegten Verfahrens dauert es in der Regel drei Monate, ehe ein Platz in einer stationären Therapie zur Verfügung steht“, weiß die Leiterin. Für Hilfsbedürftige sei das mitunter eine Ewigkeit, in der sich Probleme trotz der guten Vorsätze (weiter) verschärfen könnten. „In der Vorbereitungsgruppe versuchen wir genau das zu verhindern und die Menschen außerdem auf ihre Therapie vorzubereiten.“

Die Grundlagen, um von der Droge wegzukommen, werden dann während des stationären Aufenthaltes gelegt. „Wichtig ist, sich in dieser Zeit ein Abgrenzungsverhalten und Schutzmechanismen zu erarbeiten, um einen Rückfall zu vermeiden“, erläutert Pfeil. Doch auch im Anschluss an den Klinik-Aufenthalt ist Unterstützung in der Regel unverzichtbar. Deshalb bietet die Suchthilfe unter anderem eine „Nachtherapie“ in Gruppen an sowie das „Café Baustein“. Dort kann man nicht nur essen, trinken und eine Dusche nehmen, sondern bekommt auch ein vielfältiges Programm geboten, das Beschäftigung bietet und Hilfe bei der Strukturierung des Tages. „Ich habe dort Freunde gefunden und gehe immer noch regelmäßig hin“, berichtet Thomas Wilms. Darüber hinaus wird er im Rahmen der ambulanten Nachtherapie von Alexandra Brandt unterstützt, die derzeit rund 50 Klienten in dem Programm „Betreutes Wohnen“ in ihren Wohnungen begleitet.

Irgendwann wird der 45-Jährige ohne diese Hilfen auskommen müssen. Doch davor hat er mittlerweile keine große Angst mehr. Stattdessen hat Wilms wieder Perspektiven und Pläne. „Jetzt bin ich endlich klar im Kopf. Ich habe wieder Lust, etwas zu machen.“ Noch bis Mitte nächsten Jahres muss er wegen des Vorfalls im November 2015 Sozialstunden leisten — die Suchthilfe hat ihm eine Stelle in der Hausmeisterei vermittelt. Danach will der gelernte Stahlbetonbauer, der seinen Beruf 2010 wegen Rückenproblemen aufgeben musste, eine Umschulung zum Fachlageristen machen.

Nicht nur das hört sich gut an. „Meine Frau hat mir eine neue Chance gegeben. Und die möchte ich nutzen.“ Zwar leben die Ehepartner seit zwei Jahren in getrennten Wohnungen, und das soll in absehbarerer Zeit auch so bleiben. „Aber wir sehen uns täglich, und jeder hat den Schlüssel für die Türe des anderen.“ Das ist nicht zuletzt auch für die beiden neun und 13 Jahre alten Kinder wichtig, die bei ihrer Mutter leben, aber dennoch ein enges Verhältnis zu ihrem Vater haben.

Auch das hat Thomas Wilms in den schwierigen Zeiten geholfen. Mittlerweile, so erzählt er, sei das Schlimmste überstanden. Deshalb freut sich der 45-Jährige in diesem Jahr ganz besonders auf Weihnachten und die gemeinsame Zeit an den Feiertagen: „Ich werde jede Minute im Kreise meiner Familie genießen.“