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Ein Jahr nach der Flut: Der Regen, das Hochwasser, die Zerstörung

Ein Jahr nach der Flut : Der Regen, das Hochwasser, die Zerstörung

Es sind bange Stunden für die Menschen der Region: Am 14. und 15. Juli 2021 sorgen nicht für möglich gehaltene Niederschlagsmengen für Zerstörungen und sogar Todesfälle. Ein Blick zurück auf die Geschehnisse.

Aachen

In den Aachener Stadtteilen Kornelimünster, Sief, Hahn und Friesenrath richtet die Flut erhebliche Schäden an. Die beiden Flüsse Iter und Inde, die direkt vor Kornelimünster zusammenkommen, sorgen schon in Friesenrath, Sief und Hahn für nie gekannte Wasserstände und entsprechende Schäden. Aus diesen Orten wird gemeldet, dass immer noch viele Häuser nicht wiederhergestellt sind, in Hahn sind nach Angaben aus dem Dorf noch 50 Prozent der betroffenen Häuser nicht fertig saniert.

Das historische Kornelimünster bekommt dann die ganze Wucht der beiden Flüsse ab, Rekordpegelstände gibt es auch hier, über den Korneliusmarkt fahren Schlauchboote der Rettungstrupps, um Menschen aus den Häusern zu holen. Auch hier ist die Sanierungslage noch akut. Überörtliche Schlagzeilen macht die Situation der Grundschule, die direkt an der Inde liegt. Das erst kürzlich sanierte Haus ist nicht mehr begehbar, der Schulbetrieb wird nach Burtscheid ausgelagert, ein Jahr lang wird saniert, Kostenfaktor laut Stadt Aachen: 1,4 Millionen Euro. Nach den Sommerferien kommen Kinder und Lehrerinnen zurück.

Von einem Millionen-Schaden wird auch an der historischen Propsteikirche gesprochen. Der Kirchenvorstand organisiert mit tatkräftiger Unterstützung von Bistum, Denkmalpflege und vielen örtlichen Kräften die Sanierung. Zur Heiligtumsfahrt im kommenden Juni stellt Pfarrer Andreas Möhlig die Wiedereröffnung in Aussicht.

In den genannten vier Orten hat sich eine übergreifende Hochwasser-Schutz-Initiative gegründet, die als starkes Bürgerbündnis mit Verwaltung, Politik und Wasserverband künftige Schutzmaßnahmen besprechen will. Ein umfassender Masterplan in Sachen Prävention und Schutzmaßnahmen für die Stadt Aachen soll nach den Ferien offiziell vorgestellt werden.

Stolberg und Eschweiler

Drei Hochwasserspitzen treffen Stolberg und Eschweiler am 14. und 15. Juli 2021, wobei jede die vorherige übertrifft. Die Pegelstände erreichen ein bis dahin unvorstellbares Ausmaß und bringen in der Folge eine unfassbare Zerstörung mit sich. In der Nacht verzeichnen Vichtbach und Inde den absoluten Höchststand, der weit über die Berechnungsgrundlagen für ein hundertjährliches Hochwasser (sogenanntes HQ100) und auch für ein Extremhochwasser hinausgeht (HQ Extrem).

Der anhaltende Starkregen sorgt zunächst in Stolberg dafür, dass die Vicht bereits im Laufe des Mittwochs über die Ufer tritt und durch die Ortsteile Zweifall und Vicht fließt. Über den zentralen Steinweg bahnt sich das Wasser dann am Nachmittag einen Weg durch die Innenstadt am Rathaus vorbei, immer weiter der Talachse entlang. Zu Beginn nur ein paar Zentimeter hoch, irgendwann dann mehrere Meter – ein unwirkliches Szenario.

Zeitversetzt steigt auch die Inde in der Nachbarstadt Eschweiler massiv an. Auch dort kündigt sich ein Hochwasser an, wie es die Stadt noch nicht gesehen hat. Betroffen sind große Bereiche von Eschweiler-West bis Weisweiler, als am frühen Abend die Dämme aus Sandsäcken brechen und sich das Wasser auf einer riesigen Fläche ausbreitet. Am Donnerstagabend sind Vicht und Inde größtenteils wieder in ihren Ufermauern. Erst dann offenbart sich langsam, welche immensen Schäden sie angerichtet haben.

Nordeifel

Die ersten Flutwelle in der Nacht zum Mittwoch nimmt in Rott ein Trio junger Leute noch mit Humor. Es setzt sich in Campingstühlen vor ihr Haus und hält eine Angel in den überlaufenden Graben. Zu diesem Zeitpunkt versuchen bereits die Camper auf der Mulartshütter Anlage Vichtbachtal ihre Wohnwagen wieder trockenzulegen. Die Tallage des kleinen Ortes ist geflutet, Keller sind vollgelaufen. Seit Mitternacht ist die Feuerwehr Roetgen im Dauereinsatz, zählt bereits mehr als 180 Einsätze auch im Süden des Ortes, wo der Starkregen von den Sumpfwiesen in Keller läuft. Das ist nur der Auftakt. Mittags wird der Regen wieder stärker. Es ist ein Vorbote auf eine Katastrophe, die zu diesem Zeitpunkt niemand erahnt. In der Nacht läuft die Dreilägerbachtalsperre über ihren Überlauf mit bis zu 40.000 Liter pro Sekunde in die Vicht. Sie verwüstet mit zwei Flutwellen das südlichste und niedrigste Tal der Nordeifel. Sie wirbelt Wohnwagen wie Streichholzschachteln in die Bäume und türmt Autos aufeinander, sie lässt die Brücke in der Landesstraße nach Venwegen einbrechen und reißt Wanderbrücken mit, sie sorgt für ein Leck in der Gasleitung, lässt zehn Meter lange Stahlrohre zu gefährlichen Pfeilen werden und verwüstet alle Häuser im Tal. Bis in den ersten Stock stehen Wasser, Schlamm und Unrat. In Mulartshütte ist nichts mehr, wie es war. Und auch im Tal des Schleebachs, dort, wo der Tornado bereits 2019 zugeschlagen hat, stehen Tal und Häuser unter Wasser. Auch oberhalb, auf dem „Roetgener Festland“ treten Gräben über die Ufer und sorgen für schwere Schäden. 424 Einsätze listet Gemeindebrandmeister Joachim Wynands auf.

In der Monschauer Altstadt ist es vor allem der Laufenbach, der oberhalb von Haus Troisdorf über sein Ufer tritt und für eine Spur der Verwüstung sorgt. In der Altstadt stehen viele Keller unter Wasser und Schlamm. Aber Monschau kommt noch mit einem vergleichsweise blauen Auge davon. Ebenso Simmerath, wo Rurberg und Woffelsbach knapp an Überschwemmungen vorbeikommen. Es bleibt bei einigen vollgelaufenen Kellern. Im Gemeindegebiet sind vor allem Wanderstrecken betroffen. Schlimmer erwischt es Simonskall, wo der Bach schwere Schäden in dem gastronomisch geprägten Ort anrichtet. Die mit Treibholz, Unrat und Schadstoffen verunreinigte Rurtalsperre muss in erhöhtem Maße Wasser ablassen; der Obersee wird aus der Trinkwasserversorgung für Wochen rausgenommen. Die Urfttalsperre läuft gezielt über.

Herzogenrath

Zur Flutgenese in Herzogenrath gehört ein Starkregen bereits am 29. Juni 2021, der unter anderem zur Folge hat, dass Geröll, Sand und Wurzelholz auf die Gleise der Bahnstrecke Herzogenrath-Mönchengladbach gespült wurden. Der Lokführer einer Regionalbahn bremst rechtzeitig, 44 Fahrgäste werden von der Feuerwehr gerettet. Teile des aufgeweichten Bahndamms sind da bereits abgerutscht. Über einen Kilometer Damm müssen neu aufgebaut werden, erst am 9. November konnte hier der erste Zug wieder fahren. Wegen der anhaltenden Regenprognosen bringt die Feuerwehr Herzogenrath auf Anordnung des Ordnungsamts am Nachmittag des 12. Juli Hunderte sandgefüllte Big Packs in Position, um die Innenstadt vor Hochwasser zu schützen. Hatte es am 14. Juli dann zunächst noch nach Entspannung ausgesehen, so steigt der Pegel der Wurm in der Nacht auf über 3,40 Meter. Die Hochwasserschutzmauern in der City reichen endgültig nicht mehr aus, unzählige Keller laufen voll. Feuerwehr und THW kämpfen mit Pumpen und Saugwagen dafür, dass der geflutete Big-Pack-Bypass an der Kleikbrücke standhält und das Pumpwerk über dem Regenüberlaufbecken am ebenfalls vollgelaufenen Vegla-Parkplatz nicht stromlos geschaltet werden muss. Rund 9000 Sandsäcke werden unter Mithilfe vieler Bürger bis tief in die Nacht gefüllt. Ein gemeinsamer Kraftakt, der dafür sorgt, dass Herzogenrath mit einem blauen Auge davonkommt.

Kreis Heinsberg

Im Kreis Heinsberg zerstört das Wasser entlang der Rur und der Wurm viel, treibt von Übach-Palenberg bis Wassenberg viele Menschen aus ihren Häusern und fordert in Geilenkirchen sogar zwei Todesopfer. Dabei ist man am Tag vor der Überschwemmung noch relativ entspannt, trotz der angesagten Regenmengen. Mit den Auswirkungen kann niemand rechnen. Während der Pegel der Wurm beim Heinsberger Stadtteil Randerath am 13. Juli 2021 noch 80 Zentimeter beträgt, liegt er 24 Stunden später bei 2,73 Meter. Am 15. Juli sind es vormittags mehr als drei Meter. Der Ortskern Randeraths ist vollkommen überflutet. Er ist einer der am schlimmsten betroffenen Orte im Kreis Heinsberg.

Auch die Innenstadt Geilenkirchens steht fast gänzlich unter Wasser. 400 Haushalte und Gewerbetreibende sind vom Hochwasser betroffen. Zwei Menschen kostet das Starkregenereignis hier das Leben. Die 74 und 78 Jahre alten Bewohner eines Hauses werden tot im überfluteten Keller aufgefunden. Besonders gefährdet durch das Wasser sind das Geilenkirchener Krankenhaus und das Seniorenpflegeheim Burg Trips, die nah an der Wurm liegen. Die ganz große Katastrophe bleibt hier jedoch aus.

Als in vielen Gegenden von Übach-Palenberg bis Heinsberg die Aufräumarbeiten beginnen, spitzt sich die Lage im Wassenberger Ort Ophoven erst zu. Zwei Tage nach dem Starkregen bricht hier ein Deich. 700 Bewohner müssen evakuiert werden. Ophoven steht teilweise unter Wasser.

Ob Bewohner oder Einsatzkräfte, alle sind sich einig: Niemand kann sich erinnern, im Kreis Heinsberg je Überschwemmungen dieses Ausmaßes erlebt zu haben.

Kreis Düren

Die Rur und ihre Nebenflüsse bringen so viel Wasser in die Rurtalsperre, dass diese die Wassermassen nicht mehr weiter aufstauen kann: Das Wasser strömt in den dafür vorgesehenen Hochwasserentlastungsüberlauf. Campingplätze werden überflutet, Keller laufen voll, Straßen, Gehwege und der Ruruferradweg werden beschädigt.

Im Vergleich zu Stolberg, Eschweiler, Erftstadt und dem Ahrtal sprechen viele im Kreis Düren aber von Glück. Dennoch sind die Schäden zwischen Heimbach, Simonskall, Jülich und Linnich erheblich. Abseits der größeren Wasserläufe schwellen sonst unscheinbare Rinnsale wie der Birgeler und der Drover Bach an und beschädigen Häuser, Straßen und Ufer. Die Kall beschädigt eine Papierfabrik und zwei Gastronomiebetriebe erheblich. In der Gemeinde Inden kommt ein RWE-Mitarbeiter im Tagebau ums Leben, als die renaturierte Inde sich ihr altes Bett sucht und die Wassermassen in den Tagebau einbrechen. Dass die Fluten dorthin abfließen können, verhindert noch schlimmere Auswirkungen am Unterlauf der Rur, aber auch direkt im Gemeindegebiet, wo mehrere Hundert Menschen evakuiert werden müssen und Sportanlagen nachhaltig beschädigt werden.

Auch die Pufferwirkung der Rurtalsperre schützt das Dürener Land. Dennoch: In Linnich nehmen mehrere Brücken Schäden, die zentrale Brücke über die Rur ist seitdem gesperrt und muss ersetzt werden. Im Stadtgebiet ist besonders die Ortschaft Tetz betroffen. Zwei bis drei Häuser sind laut Gutachtern nicht mehr bewohnbar. Auch die Rurbrücke in Jülich muss ersetzt werden. Die Arbeiten dazu sollen im August beginnen. Sie ist bisher nur für Lastwagen gesperrt. Komplett gesperrt ist dagegen das Freibad an der Rur sowie weitere Sportanlagen.