Ein Tag in der Notaufnahme: Der Ort, an dem der Stress zu Hause ist

Ein Tag in der Notaufnahme : Der Ort, an dem der Stress zu Hause ist

Leben retten, Menschen helfen, ständige neue Herausforderungen bewältigen: In der Notfallaufnahme des Aachener Klinikums ist der Stress zu Hause. Jährlich kommen 56.000 Patienten in die Notfallaufnahme des Klinikums. Tendenz steigend. Ein Tag in der Notaufnahme.

Wenn sich Gabriele von der Kall vorstellt, bezeichnet sie sich lachend selbst als „Prellbock“. Seit 33 Jahren sitzt sie am Eingang der Notaufnahme des Aachener Klinikums, mehr Patientenkontakte als sie wird niemand aufweisen können. Wenn man der fröhlichen Frau einen Wunsch erfüllen würde, dann wäre es der: eine kleine Falltür vor ihrem Schalter. Wer frech wird, saust hinab. Das ist natürlich nicht ernst gemeint, aber die Tendenz lässt sich schon erkennen. „Vor 20 Jahren haben wir am Ende der Schicht festgestellt, dass gerade mal ein Patient unfreundlich war. Heute stellen wir fest, dass gerade mal ein Patient besonders freundlich war.“

Gabriele von der Kall arbeitet da, wo der Stress zu Hause ist. Patienten sind gestresst, weil sie Schmerzen haben. Ärzte und Pfleger stehen unter Stress, weil sie rund um die Uhr die richtigen Entscheidungen treffen müssen. Und sicher leidet auch das Gesundheitssystem, weil es selbst erkennbar krank ist.

Im Warteraum gegenüber vom Empfangsfenster von Gabriele von der Kall ist es noch ruhig an diesem stickigen Morgen. Die Hitzewelle habe sich (noch) nicht ausgewirkt, sagen die Ärzte. Nur zwei Patienten sitzen mit ihren Angehörigen vor dem Fernseher, der nie abgeschaltet wird. Ein kleiner Junge hat das Holzschiff, das zwischen den beiden TV-Geräten aufgebaut ist, geentert.

Leben retten, Menschen helfen

Der Wartebereich wird vom Behandlungsbereich mit einer blickdichten gelben Tür getrennt. „Gafferstopp“, sagen sie auf der Station dazu. Regelmäßig müssen sie Angehörige darauf hinweisen, die Privatsphäre anderer Menschen zu respektieren.

Hinter der Tür arbeiten 55 Pflegekräfte und 25 Ärzte rund um die Uhr. Jörg Brokmann leitet seit sieben Jahren die Notaufnahme. Der 50-Jährige ist ein sehr erfahrener Intensivmediziner, verantwortete zuvor jahrelang den städtischen Rettungsdienst. „Die Arbeit hier ist der Grund, warum ich das Studium gemacht habe“, sagt er.

Leben retten, Menschen helfen, ständige neue Herausforderungen bewältigen – das ist der Antrieb in dem Team, in dem sich alle duzen. Auf der Station wird interdisziplinär gearbeitet: Internistische, chirurgische sowie neurologisch tätige Ärzte sind immer vor Ort. Bei Bedarf wird ein Kollege aus einer anderen Fachdisziplin geholt. Brokmann eilt in den Schockraum A, wo in sechs Minuten – so steht es auf einer digitalen Tafel – ein 80-Jähriger mit dem Rettungswagen angeliefert wird. In den drei Schockräumen des Klinikums landen akut lebensbedrohlich erkrankte Patienten: mit Thoraxschmerzen, nach einem Schlaganfall, mit einer Sepsis, mit schweren Blutungen oder akuter Luftnot.

Als der Senior eingeliefert wird, wartet schon ein kleines Team. Der Notarzt, der ihn begleitet hat, teilt kurz und präzise den bisherigen Befund mit, dann veranlasst der Kardiologe weitere Untersuchungen, innerhalb weniger Minuten soll Klarheit herrschen. In dem Raum herrscht eine professionelle Kühle: Kein Wort zu viel, aber auch keines zu wenig. Mitarbeiter auf Notfallstationen werden um so ruhiger und disziplinierter, je ernster die Lage ist. „Wir sind für solche Situationen ausgebildet“, sagt Jenny Wolf, die stellvertretende pflegerische Stationsleiterin. Das Schockmanagement im Klinikum hat sich im Laufe der Jahre einen guten Ruf erarbeitet, sagen Experten. Hubschrauber aus Luxemburg oder der Eifel fliegen in den Westen, obwohl es näher gelegene Hospitale gibt.

Jörg Brokmann leitet seit sieben Jahren die Notaufnahme. Foto: ZVA/Christoph Pauli

Die Patienten werden nach Dringlichkeit und nicht nach der Reihenfolge ihres Eintreffens behandelt. Wer keine lebensbedrohlichen Symptome aufweist, kommt in die Warteschleife. Eingestuft wird nach dem sogenannten Manchester-Triage-System: von Rot (sofort) über Orange (sehr dringend) und Gelb (dringend) bis Grün (normal) und Blau (nicht dringend). Weggeschickt wird niemand, egal in welchem Zustand er ist. Aber wer meint, er müsse sich mit einer Erkältung anmelden, muss sich gedulden. Oft stundenlang.

Verständnis für Wartezeiten ist nicht immer ausgeprägt. In der Krisenzone Notfallaufnahme haben Arzt und Patient zuweilen eine unterschiedliche Wahrnehmung. Beim Hausarzt werden stundenlange Wartezeiten akzeptiert, in den Kliniken ist es ganz anders. Patienten brüllen dann auch schon mal „Was ist das denn für ein Scheißladen hier?“ Und gerne werden solche verbalen Attacken auch mit der Ankündigung verbunden: „Sie hören von meinem Anwalt.“ Mancher „Kunde“ lässt dann später unter einem Phantasienamen seinen Frust auf einem der Bewertungsportale aus. Und niemand kann sich wehren.

Brokmann plädiert auch in seinem Team für eine offene Fehlerkultur, um Wiederholungen zu vermeiden. Wenn sich Patienten beschweren, werden sie zu einem Gespräch mit dem Oberarzt eingeladen. Und manchmal verlassen sie dann etwas kleinlaut die Ambulanz, weil sie erfahren haben, dass während ihrer unzumutbaren Wartezeit drei schwer verletzte Unfallopfer vorgezogen wurden.

„All-inclusive-Befund“ aus dem Krankenhaus?

Jährlich kommen 56.000 Patienten in die Notfallaufnahme des Klinikums. Tendenz steigend. Beim Hausarzt gibt es die Überweisung zum Orthopäden, der denn im besten Fall in vier Wochen Zeit hat. Warum also warten, wenn ich im Krankenhaus rund um die Uhr hier und jetzt einen „All-inclusive-Befund“ erhalten kann? Ein Ort, an dem Untersuchungen, Röntgen, MRT, CT, Labore ebenso vorhanden sind wie alle Facharztgruppen? Bei einer Forsa-Umfrage im Frühjahr haben 41 Prozent der Befragten gesagt, dass sie die Notfallambulanzen wegen der „qualitativ besseren Versorgung“ aufsuchen. Im Klinikum werden die stärksten Patientenströme am Samstag- und am Sonntagvormittag gegen 11 Uhr registriert. Nach dem Frühstück geht es in die Notfallaufnahme, weil der Hausarzt gerade keine Sprechstunde hat. Geschätzt sind bundesweit mindestens 30 Prozent aller Besucher in der Notfallaufnahme keine Akut-Patienten.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat vor zwei Jahren irritiert von einer Umfrage berichtet, dass die Mehrheit der Befragten das Angebot von Notfallpraxen überhaupt nicht kennen würde. Unter der 116 117 lässt sich rund um die Uhr ein Bereitschaftsdienst anwählen. Das Angebot wird kaum genutzt, wer Hilfe braucht, geht bevorzugt ins Krankenhaus.

Und so entsteht hier ein Stau, weil viele Menschen in den Notfallaufnahmen der Republik inzwischen einen Allgemeinarztpraxis mit Hubschrauberlandeplatz vermuten. „In unsere Gesundheitsvorsorge ist eine Amazon-Mentalität eingezogen“, beobachtet Brokmann. „Ich habe ein Problem, das hier und jetzt gelöst werden muss.“

In der Praxis sind dann enthemmte Patienten und ihre Angehörigen unterwegs. Längst gehört Deeskalationstraining zur Ausbildung, für den Notfall tragen die Pfleger und Ärzte einen Alarmierungs-Pieper. Manche Beleidigung lässt sich vielleicht noch ignorieren, wer handgreiflich wird, lernt den benachbarten Sicherheitsdienst sofort kennen. Monatlich gibt es zwei bis drei Übergriffe, die Anzeigen nach sich ziehen.

„Je kränker der Patient, desto ruhiger und dankbarer ist er.“

Es gibt eine kleine „Faustformel“ in diesem Kontext, sagt Gabriele von der Kall, die gestählte Frau vom Empfang. „Je kränker der Patient, desto ruhiger und dankbarer ist er.“ Auf den Monitoren im Klinikum fordert ein Hinweis ein: „Respekt für unsere Helfer. Wir dulden KEINE GEWALT in der Notaufnahme.“ 90 Prozent der befragten Pfleger und Ärzte haben gerade angegeben, in der Notfallaufnahme schon einmal attackiert worden zu sein.

Bundesweit gibt es jährlich elf Millionen ambulante Notfälle in den Krankenhäusern. „Demgegenüber steht die Vergütungssituation“, sagt Georg Baum, der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft. „Einem durchschnittlichen Erlös von rund 40 Euro pro ambulantem Notfall stehen Fallkosten von mehr als 100 Euro gegenüber und summieren sich auf eine deutschlandweite Unterdeckung von einer Milliarde Euro, die die Kliniken tragen. Das lässt sich nicht länger schultern.“

Wie es weitergeht? In den nächsten Tagen soll ein Entwurf des Gesundheitsministeriums eingebracht werden in das Gesetzgebungsverfahren. Das Konzept zieht die Konsequenzen aus dem tatsächlichen Verhalten der Patienten. Die niedergelassenen Ärzte sollen auch zu ungewöhnlichen Sprechzeiten in die Ambulanzdienste einbezogen werden.

Jennifer Wolf, stellvertretende Stationsleiterin. Foto: ZVA/Christoph Pauli

Direkt neben der Notaufnahme im Aachener Klinikum ist bereits eine Augenarztpraxis angesiedelt, weitere Praxen können folgen. „Es ist ein Angebot an die Kassenärztliche Vereinigung“, sagt Brokmann. Der Eingangsbereich ist schon zu einer übergeordneten Leitstelle umgebaut. Die ankommenden Patienten werden eingestuft, ob sie in der Notfallaufnahme oder eher beim ärztlichen Bereitschaftsdienst um die Ecke richtig aufgehoben sind. Das ist das Modell der Zukunft. Es würde nicht die Patientenzahl, aber die Zahl der behandelten Menschen in der Notfallaufnahme verringern.

Jennifer Wolf hat sich nach ihrer Ausbildung für diesen Bereich beworben. Sie arbeitet im Schichtdienst, verbringt jedes zweite Wochenende im Untergeschoss des Klinikums. Der Dienst ist körperlich und psychisch anstrengend, dementsprechend hoch ist auch die Fluktuation in der Abteilung. Was die 29-Jährige aber ungemein reizt, ist die ständige Herausforderung. „Hier kommen alle Fachrichtungen zusammen, der Anspruch ist hoch.“

Gemeinsam stark sein

Der Stress lässt sich am besten in einem gut funktionierenden Team ertragen, erzählt sie. „Uns verbindet, was wir schon alles zusammen erlebt haben“, sagt sie. Nach belastenden Situationen bleibt die Gruppe immer noch zusammen: Nachbesprechung. Wer möchte, kann rund um die Uhr Kontakt zum Psychotrauma-Team im Haus aufnehmen, sagt Brokmann.

Heute morgen werden Wolf und Brokmann, der noch regelmäßig im Rettungswagen mitfährt, wieder im Klinikum sein. An dem Ort, wo der Stress zu Hause ist. Sie werden versuchen Schmerzen zu lindern, Leben zu retten – und ziemlich sicher werden sie auch irgendwann im Laufe des Tages wieder beschimpft werden von großen Patienten-Egos.

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