Gangelt: Der Mann, der die Gangelter vor die Wahl stellt

Gangelt: Der Mann, der die Gangelter vor die Wahl stellt

Bei der Kommunalwahl 2009 hatte Bürgermeister Bernhard Tholen keinen Gegenkandidaten. Nun tritt Einzelkämpfer Hein Gottfried Fischer gegen ihn an.

Haben Sie in den vergangenen Wochen jemandem die Hand gewärmt? Hat derjenige sich anschließend auf das Freundlichste dafür bei Ihnen bedankt? Und stand derjenige bei Ihnen vor der Haustür? Dann leben Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit in Gangelt im Kreis Heinsberg — und hatten Besuch von Herrn Fischer, dem Bürgermeisterkandidaten. Herr Fischer, 70 Jahre alt, bestreitet seinen Wahlkampf mit Hausbesuchen. Am Ende schüttelt er dem Wähler die Hand und scherzt: „Und jetzt haben Sie mir auch noch die Hand gewärmt, vielen Dank.“

Vor ein paar Wochen stand im Lokalteil unserer Zeitung ein Porträt über Herrn Fischer, Vorname Hein Gottfried. Er hat sich darüber so sehr gefreut, dass er sich nun fast täglich in der Redaktion meldet. Er würde sich über einen weiteren Bericht freuen, ginge das? Na, und ob.

Wahlkampf mit Hindernissen

Birgden, Ortsteil der 12 000-Seelen-Gemeinde Gangelt, ein Dienstag, 11.20 Uhr. Hausbesuche. Fischer knöpft sich heute die Geilenkirchener Straße vor. Eine recht lange Straße mit vielen Einfamilienhäusern und ein paar Mehrfamilienhäusern. An der ersten Tür macht niemand auf, aber an der zweiten. „Mein Name ist Fischer, Bürgermeisterkandidat, Sozialpädagoge“, sagt der Bewerber. Die Frau in der Tür sagt: „M-hm.“ „Ich engagiere mich am Mehrgenerationenspielplatz und bei der Tafel und singe im Kirchenchor, ganz solide“, sagt der Bewerber.

„M-hm“, sagt die Frau. „Gibt es bei Ihnen Redebedarf? Soll ich mir etwas aufschreiben?“, fragt der Bewerber. „Nee“, sagt die Frau. „Nee?“ „Nee.“ Eine etwas einsilbige Wählerin, den Scherz mit der warmen Hand macht Fischer trotzdem. „Ich bin ohne Melone unterwegs, aber mit Schirm und mit Charme“, freut er sich über sich selbst. In seiner Hand liegt tatsächlich ein Schirm, lang und bunt.

Hein Gottfried Fischer kandidiert in der Tat als Bürgermeister. Das ist amtlich. Er tritt damit gegen Bernhard Tholen (CDU) an. Als einziger Herausforderer. Letztes Mal gab es gar keinen. Was bedeutet das? Ist das so im Sinne des Erfinders? Oder verhält sich die Sache in Wirklichkeit so: In Gangelt ist alles, aber auch wirklich alles in bester Ordnung. Oft ist die einfachste Erklärung ja die richtige.

2009 bekam Tholen 80,7 Prozent

Obwohl Bürgermeisterkandidat Fischer seinen Text an diesem Dienstagvormittag von Tür zu Tür nur geringfügig variiert, fallen die Reaktionen sehr unterschiedlich aus. Einer weist den Bewerber darauf hin, sein Desinteresse doch bereits deutlich artikuliert zu haben. Damals, als Herr Fischer noch Unterschriften für die Kandidatur sammelte. Die Nachbarn seien übrigens alle nicht zu Hause.

Ein älteres Ehepaar, das sehr vergnügt aussieht, verspricht hingegen, seine Stimmen Herrn Fischer zu geben, alle beide. Und die Nächste schnaubt nur und macht gleich die Tür wieder zu, ohne etwas zu sagen. Im Hausflur hört man, wie sie von innen abschließt. „Die hat sich mal privat für mich interessiert. Als Mann“, erklärt Herr Fischer das pampige Verhalten. Er habe aber nicht gewollt. Eine Stimme weniger, sei’s drum. Wie gewonnen, so zerronnen.

Fischer gegen Tholen, ein Satiriker könnte sich dieses Duell nicht besser ausdenken: Auf der einen Seite Tholen, der kurz vor seiner vierten Amtszeit steht. 2009 erhielt er in der Wahl ohne Gegenkandidaten 4332 Stimmen, das entspricht 80,7 Prozent. Seine Gegner monieren bei ihm ein mitunter etwas autoritäres Gebaren und eine geringe Kompromissbereitschaft. Allerdings hat er nicht sehr viele wirklich entschiedene Gegner und Kompromisse einfach selten nötig. Teile der Opposition nehmen den Bürgermeister und die CDU-Mehrheitsfraktion im Gemeinderat sogar gegen Kritik in Schutz, was deutschlandweit Seltenheitswert genießen dürfte, vor allem so kurz vor der Wahl.

Und selbst der bissige Teil der Opposition gibt zu, dass Tholen ziemlich viel Ahnung hat von dem, was er so tut. Manchmal fast etwas zu viel. Ein Verwaltungsprofi, der die Regeln kennt und weiß, wie man sie klug anwendet. Und auf der anderen Seite ist da nun Fischer. Zwischen den Kontrahenten: Viel Gangelter Erde mit vielen Gangelter Haushalten, in denen viele Gangelter Wähler mit vielen Gangelter Stimmen leben. Stimmen für Fischer, hofft Fischer.

Herr Fischer hat mindestens eine Eigenschaft, die auch jeder Spitzenpolitiker mitbringt: Er ist schamlos von sich selbst überzeugt. Und er traut sich was, auch das muss man anerkennen. Durch seine Hausbesuche hat er es zu einiger Bekanntheit gebracht.

Ein Dach für das Freibad

Hausbesuche — auch Spitzenpolitiker nutzen dieses Instrument und demonstrieren so ihre vermeintliche oder tatsächliche Bürgernähe. Für Herrn Fischer hingegen, der ja als Einzelbewerber antritt, gibt es kein anderes Instrument, und so hat er sich zum Ziel gesetzt, jeden seiner potenziellen Wähler zu Hause zu besuchen. Gut, dass er nicht mehr in Stuttgart wohnt, auch für ihn selbst.

Herr Fischer ist durch seine unkonventionelle Art auch für Überraschungen gut. Nicht immer wird man aus ihm schlau. Das zeigt sich etwa auf halber Höhe der Geilenkirchener Straße, wo drei augenscheinlich aus dem Süden stammende Bauarbeiter auf dem Gehweg schuften. Fischer klingelt ein paar Meter weiter. Einer der Bauarbeiter macht ihn freundlich darauf aufmerksam, dass da wohl niemand zu Hause sei.

„Hammse schon Deutsch gelernt, ne? Könnse schon ‚niemand‘ sagen, ne?“, feixt Herr Fischer frech. Was ist denn nun bitte los? Dem Bauarbeiter entgleist das Gesicht, er verfällt in seine Muttersprache und schnauzt hinter dem Bürgermeisterkandidaten her. Warmes Händchen, dicke Lippe? Nein, doch nicht. Was der Bauarbeiter gesagt hat, bleibt allerdings sein Geheimnis.

Herr Fischer, der große Stücke auf seine Sozialkompetenz hält, hat es sowieso nicht mitbekommen und steht schon an der nächsten Tür: „Fischer, Bürgermeisterkandidat, jung, flott, dynamisch, frisch, Fischer, hochdeutscher Adel, guten Tag.“ Man muss wissen, dass Herr Fischer stolz ist auf seine angebliche entfernte Verwandtschaft mit Kaiser Wilhelm II. Kein Wunder, den hat nicht mal Bernhard Tholen im Stammbaum. Jedenfalls hat Bernhard Tholen das nie öffentlich behauptet. Die drei Bauarbeiter blicken dem Blaublüter fassungslos nach.

Der Herausforderer hat sich auch ein paar neue Themen ausgedacht. Mehr Wald für Gangelt soll her, und vor dem Rewe müsse ein Spiegel angebracht werden, die Ausfahrt sei ohne zu gefährlich. Außerdem wünscht Herr Fischer sich eine teilweise Überdachung für das Freibad, wegen der Witterung. Sein Wahlkampf spielt fernab von Fragen wie „Wieso das denn?“. Er macht einfach. „Und ich gehe die Sache mit den Hausbesuchen locker an. So nehme ich den Leuten die Angst“, sagt er.

Hein Gottfried Fischer lebt schon einige Jahre in Gangelt. In Birgden, um genau zu sein. Als er noch neu im Ort war, war Wahl. Da habe es ihn gestört, dass gar niemand auf dem Wahlzettel stand, außer natürlich Tholen. Das könne doch nicht im Sinne des Erfinders sein. Nicht weil er Tholen schlecht fand, nein, er wünschte sich damals einfach, wirklich eine Wahl zu haben, erzählt Herr Fischer. Die hat er dieses Mal.