Baby starb an Schädelbruch: Der „liebevollste Vater“ vor Gericht

Baby starb an Schädelbruch : Der „liebevollste Vater“ vor Gericht

Starb der sechs Monate alte Ben durch brutale Gewalt? War es die Tat des angeklagten Vaters? Die einer oder eines Unbekannten? Oder brach sein Schädel durch einen Unfall?

43 Minuten jedenfalls kämpften die Rettungskräfte an jenem Tag im März in Alsdorf-Mariadorf um das Leben des Säuglings – vergeblich, wie der Notarzt am Dienstag vor dem Landgericht Aachen aussagte.Der verzweifelt wirkende Vater, die Geschwister der Kindsmutter und deren Eltern – „in der ganzen Wohnung war tiefe Trauer“, schilderte ein Polizist die damalige Situation beim Prozessauftakt.

Angeklagt ist der 37-jährige Vater. Er wird beschuldigt, sein Kind getötet zu haben, als die Kindsmutter wegen eines Eingriffs im Krankenhaus war: entweder mit massiven Schlägen gegen den Schädel des Kindes – oder er habe den Säugling gegen die Wand oder einen Gegenstand geschlagen, heißt es in der Anklage. Der Säugling starb demnach an den Folgen eines Schädelbruchs. Der Vater steht wegen Totschlags vor Gericht. Er habe den Tod des Jungen billigend in Kauf genommen, lautet die Anklage.

Der Angeklagte bestreitet die Tat. Sein Bonner Anwalt Uwe Krechel, bekannt aus einer RTL-Gerichtsshow, verlas eine entsprechende Mitteilung. Er verwies auf ein von ihm in Auftrag gegebenes Gutachten. Demnach hätte das Kind schon mehrere Stunden zuvor verletzt worden sein können und die tödlichen Folgen erst mit Zeitverzögerung eingetreten sein. Der Angeklagte selbst betonte, er könne sich nicht erklären, wie es zu dem Schädelbruch gekommen sei. Der Schlosser und Maschinenführer schilderte, wie er bereits zwei Söhne aus erster Ehe groß gezogen habe. Noch heute – nach der Trennung – gebe es einen guten Zusammenhalt.

Die 29-jährige Mutter des Jungen hatte für ihren Lebensgefährten nur gute Worte. Zur Kammer gerichtet zeigte sie auf den Angeklagten und sagte unter Tränen: „Das ist der liebevollste Vater, den ich kenne. Der macht das nicht.“ Dem Mann auf der Anklagebank war in dem Moment anzusehen, wie schwer für ihn der Schmerz seiner Freundin zu ertragen war. Das Paar hatte sich 2016 kennengelernt. Er war für sie 2017 von Neuwied nach Alsdorf gezogen. Die junge Frau schilderte vor Gericht, dass sie zwei Mal schwanger geworden sei, zwei Mal habe sie ihr Kind verloren. Dann kam Ben zur Welt, „ein Wunschkind“.

Ein zum Teil deformierter Kopf

Der Junge habe allerdings einen zum Teil deformierten Kopf und eine Schiefhaltung. Um das zu behandeln, seien sie zur Physiotherapie gegangen – auch am Dienstag in der Todeswoche. Die Therapeutin habe bei dieser Behandlung stark den Halsbereich des Kindes gedehnt, berichtete die Mutter. „Seit da an hat Ben nicht mehr gelacht“, sagte die 29-Jährige.

Als sie am Freitag in die Klinik musste, brachten die beiden den Jungen erst einmal zur Schwiegermutter. Dort leben auch noch die Schwestern und der Bruder der 29-Jährigen. Die 22-jährige Schwester schilderte vor Gericht, dass Ben schon zu diesem Zeitpunkt sehr unruhig gewesen sei.

Der Vater blieb bis zur Narkose bei seiner Freundin in der Klinik. Dann habe er Einkäufe erledigt, die Wohnung aufgeräumt und das Kind abgeholt. Ben sei es nicht so gut gegangen. Am Nachmittag fuhren Vater und Sohn zur Mutter ins Krankenhaus. Dann war der Vater die erste Nacht allein mit dem Kind.

Fieberschübe und Brechdurchfall

Das Kind war unruhig, litt unter Fieberschüben und Brechdurchfall, wie der Angeklagte vor Gericht angab. Erstaunen klingt aus der Stimme des Mannes, als er in einer vorgespielten Sprachnachricht an die Freundin über die Mengen von Erbrochenem und Darminhalt spricht. Er habe den Sohn sauber gemacht, eingepackt, aber jetzt suche er das Fieberthermometer, sagte der 37-Jährige in der Nachricht. Nach Mitternacht schickte er ihr nach eigenen Angaben ein Video, wegen der Schnappatmung des Jungen: Im Gerichtssaal ist die unterbrochene Atmung des Säuglings zu hören. Der Junge sei dann aber eingeschlafen, schilderte der Vater.

Am Samstag habe er auf der Fahrt in die Klinik mit der Mutter telefoniert, als es dem Kleinen immer schlechter ging. Das Baby habe plötzlich begonnen, schwer zu atmen; noch schwerer, als am Tag zuvor. Sie habe ihn unverzüglich über das Handy angewiesen, sofort umzudrehen, nach Hause zu fahren und den Notarzt zu alarmieren.

Der Vater tat, wie ihm geheißen. Keine acht Minuten später sei der Notarzt eingetroffen, hieß es übereinstimmend, doch er konnte Ben nicht mehr helfen. Die Mutter erhielt die Todesnachricht noch im Krankenhaus, machte sich auf den Weg zu ihrem Sohn. In einer bewegenden Aussage schilderte sie tränenüberströmt: „Da waren so viele Leute, ich durfte Ben noch nicht einmal auf dem Arm halten, das durfte ich nicht“, schluchzte sie.

Der Prozess wird am morgigen Donnerstag ab 9 Uhr im Saal A.009 des Aachener Landgerichts fortgesetzt.

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