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Köln: Der leise Niedergang einer Kunsthauptstadt

Köln : Der leise Niedergang einer Kunsthauptstadt

Wenn man dem Niedergang Kölns ein Gesicht geben wollte, würde man wahrscheinlich ins Belgische Viertel gehen, vielleicht sieht man ihn hier am Deutlichsten. Wo früher die Szene tobte, sind heute Callshops, Handyzubehörläden und Reinigungen. Wo früher Richter, Polke und Stockhausen zu Großkünstlern wurden, sind heute Schmierereien an Häuserfassaden alles, was entfernt an Kunst erinnert.

Und am Brüsseler Platz, an dem früher selbst Heinrich Böll Kaffee getrunken hat, sitzen heute Obdachlose und trinken Bier. Die ehemalige Kunstmetropole Köln ist jetzt einfach nur noch die viertgrößte Stadt der Republik.

Kölns kultureller Abstieg ist weißgott kein neues Thema. Neu ist nur, dass jetzt auch jemand der Stadtverwaltung das Problem erkannt zu haben scheint. Georg Quander, seit 2005 Kölner Kulturdezernent, hat kürzlich in einem Interview mit der Kunstzeitschrift „Monopol” gesagt, dass es mit der „Kunststadt Köln seit 15 Jahren rückwärts geht”, dass die Stadt kulturell daliege wie „unter einem Mehltau”, und dass die Stadt im Bundesvergleich der Kulturaufwendungen nur noch Platz 27 belegt. Als viertgrößte Stadt.

Die antigroßstädtische Andersartigkeit Kölns, die bis in die 80er Jahre hinein eine der lebendigsten Künstlerszenen Europas hervorgebracht hat, ist zwischen Event-Kultur, ganzjährigem Karneval und Internetcaféisierung ganzer Viertel im Grau großstädtischen Einerleis versunken. Man könnte auch sagen: im Mittelmaß.

Die Galeristen sind weg, die Künstler sind weg, die Szene ist weg. Und selbst die Popcom ist weg. Alles nach Berlin gezogen.

Der Fall der Mauer

Daniel Buchholz ist einer der Galeristen, die noch nicht nach Berlin gegangen sind. Als er damals im Fernsehen gesehen hat, wie in Berlin die Mauer fällt, da hat er sofort gedacht: „Das ist nicht gut für Köln!”, es war so ein Reflex. Im ersten Moment hat er angenommen, dass sich hier noch 20 Jahre lang gute Geschäfte machen ließen, im zweiten hat er angenommen, dass es schon am nächsten Tag mit der Kunst in Köln vorbei sei.

Am Ende war es dann ein Prozess. Langsam ging es abwärts, meist leise, aber stetig. Bis es die Szene einfach weg war. Buchholz macht immer noch Geschäfte in Köln, aber die meisten der ehemaligen Kölner Galeristen machen ihre Geschäfte jetzt in Berlin.

Buchholz, 45, ist ein jugendlicher Typ mit angegrautem Haar, der Jeans und Turnschuhe trägt und ein helles Hemd, dessen Bünde ausgefranst und eingerissen sind, wahrscheinlich hat er es so gekauft. Er ist zwar Galerist, aber keiner von denen der neuen Generation, die Profit meinen, wenn sie Kunst sagen. Buchholz ist seit 1987 im Geschäft.

Er hat die Zeiten noch erlebt, in denen einem nicht alles aus der Hand gerissen wurde, was mit zeitgenössisch etikettiert oder sonst wie der Gegenwartskunst zuzurechnen war. Köln lag zwischen der Bundeshauptstadt Bonn und der Landeshauptstadt Düsseldorf mit seiner Kunstakademie, Köln war gewissermaßen die Metropole inmitten zweier provinzieller Hauptstädte.

Die zeitgenössische Kunst der 70er und 80er Jahre fand weder in Paris statt noch in London, und New York war in Amerika. Köln war die europäische Hauptstadt der Gegenwartskunst.

1967 wurde in der inzwischen abgerissenen Josef-Haubrich-Kunsthalle am Neumarkt die welterste Kunstmesse erfunden, die heute als Art Cologne vor sich hinmarodiert und regelmäßig Gefahr läuft, zu Deutzer Kunsttagen zu verkümmern. In Köln eröffnete Walther Koenig die einzige Kunstbuchhandlung Deutschlands, die die Szene mit Wissen speiste.

Es gab das Belgische Viertel, in dem auch unbekanntere Künstler günstige Ateliers mieten konnten. Es gab den WDR, der ständig auf der Suche war nach neuen Bands und neuer Musik, es gab Ausstellungsfläche, es gab den Theaterintendanten Jürgen Flimm, es gab: eine Atmosphäre, die junge Schriftsteller, Musiker und Künstler aus der ganzen Welt anzog.

Köln war eine Mischung aus Schmuddel und Glanz, ein bisschen bockig, ein bisschen kratzig. Und trotzdem international, oder gerade deswegen. Buchholz sagt: „Die Kunst war einfach Teil der Stadt.”

Dann fiel die Mauer.

„Ist doch alles super”

Rainer Michalke glaubt, dass bis zum Fall der Mauer niemand in Köln je explizit Kulturpolitik betrieben habe, warum auch, es lief ja alles von selbst. „Köln hat viel geboten, ohne dass jemand am grünen Tisch etwas dafür getan hätte.”

Michalke, 51, kann das ganz gut beurteilen, von 1984 bis 2005 war er mit einer kurzen Unterbrechung Sachkundiger Bürger im Kulturausschuss der Stadt. Überdies bespielt er die Kleinkunstbühne des Stadtgartens, ist künstlerischer Leiter des Jazzfestivals in Moers und selbst Musiker, Musik hat er studiert.

Zwischen Realität und Selbstwahrnehmung gibt es in Köln eine erhebliche Divergenz, glaubt Michalke, die handelnden Menschen kennt er ja alle. Oberbürgermeister Fritz Schramma sei wirklich ein lieber Kerl, sagt er, aber wenn man ihn mit dem kulturellen Abstieg seiner Stadt konfrontiere, „dann sieht er einen nur an und sagt: ,Warum? Ist doch alles super hier - und meint das auch so”.

Was der Stadt heute fehlt, glaubt Michalke, sei eine vorausschauende Kulturpolitik. Von Visionen will er nicht mal sprechen.

Man könnte in diesem Zusammenhang über den unverständlichen Abriss der gut besuchten Kunsthalle 2002 sprechen und über Kölns Bewerbung als Kulturhauptstadt, aus der auch deswegen nichts wurde, weil Köln nicht viel mehr eingefallen ist, als mit dem Karneval und dem Dom für sich zu werben. Und man könnte sprechen über das Anfang der 90er Jahre getroffene Bonn-Berlin-Abkommen, als die Stadt nicht einmal daran gedacht hat, Ansprüche zu erheben, die sie, wie viele glauben, sehr wohl gehabt hätte.

Es gäbe noch mehr Beispiele vertaner Chancen und politischer Tölpeleien, aber es hilft ja nichts.

Das Büro von Georg Quander ist ein Muster an Ordnung und Aufgeräumtheit, nichts ist durcheinander oder unsortiert. Die Bücher in der Regalwand stehen aufrecht und gerade, jede Reihe ist genauestens befüllt, als hätte jemand den Platzbedarf errechnet. An den Wänden wenige Bilder und Zeichnungen, ein heller Schreib-, ein runder Glastisch, sechs Stühle, dunkler Teppich, und in der Mitte des Büros steht Georg Quander im dunklen Einreiher und lächelt leicht.

Quander, 57, war früher Opern- und Filmregisseur, Musikjournalist und Intendant der Berliner Staatsoper. Als Kulturdezernent ist er im städtischen Gerede, seit er dieses Interview gegeben hat. Diese Zitate, sagt Quander, seien ein bisschen aus dem Zusammenhang gerissen, aber sicher, grundsätzlich stehe er zu diesem Interview, darum gehe es ja auch gar nicht. Es geht darum, dass es ihn reizt, „dieses Problem zu lösen”.

Dann lehnt er sich nach vorn und erzählt von der Roadmap zur Kulturentwicklung, den Begriff hat er selbst erfunden.

Er habe in den knapp drei Jahren seiner Amtszeit eine Bestandsaufnahme gemacht, aus der jetzt ein Bedarfsplan Kultur entwickelt worden ist, und der sieht so aus: Der Kulturetat ist 2007 schon mal von 100 auf 110 Millionen Euro erhöht worden, von der Neubesetzung der Posten der städtischen Museumsdirektoren innerhalb der kommenden fünf Jahre verspricht sich Quander eine ganze Menge.

Ab 2008/2009 soll der Etat jährlich um sieben Millionen Euro bis zur Verdopplung auf 200 Millionen erhöht werden. Dann wird zwischen 2010 und 2013 die Kölner Oper saniert, für 240 Millionen Euro. Mit der Renovierung soll auch eine inhaltliche Neuausrichtung stattfinden. Das Schauspielhaus soll neu gebaut werden, ebenso wie eine Kinderoper, Tanz soll in Köln wieder eine größere Bedeutung bekommen.

Das sind mal so die Eckpfeiler.

Gut, sagt Quander, der Bedarfsplan sei natürlich noch nicht verabschiedet, vielleicht später dieses Jahr.

Wenn man Georg Quander fragt, was von ihm mal bleiben soll, was die Menschen künftig mit ihm in Verbindung bringen sollen, dann spricht er von der Oper, klar, er ist ja ein Opernmensch. Aber er spricht auch von einer Bürgerbewegung, die Köln wieder eine Kunsthalle geben will. Köln, sagt er, braucht einfach eine Kunsthalle. „Aber ob ich das noch erlebe?” Seine Amtszeit endet 2013.

Als die Kunsthalle 2002 abgerissen wurde, geschah das nicht in aller Stille. Es gab Demonstrationen und Aktionen, Kunsthallenbesetzungen und Protestpartys. Ein paar Künstler und Kulturinteressierte leben doch noch in Köln, so ist es ja nicht. Einer ist Marcel Odenbach.

„...und Köln pennt”

Odenbach, 55, ist einer der bedeutendsten Video-Künstler Europas und zweiter Vorsitzender des Vereins „Das Loch”, dessen 400 Mitglieder sich für eine Kunsthalle in Köln einsetzen. Eine Kunsthalle unterscheidet sich von einem Museum dadurch, dass sie keine ständige Sammlung zeigt, sondern auf Strömungen reagieren kann. Eine Kunsthalle, das sei ein Ort für Ausstellungen, für Happenings, für Performances, diese Dinge. Odenbach sagt: „Welcher afrikanische Künstler will denn im ethnologischen Museum ausstellen?”

Das Projekt Kunsthalle existiert als Idee, nicht als konkretes Gebäude, so ist es beabsichtigt. Odenbach will etwas in Gang setzen, eine Vision, er will für das Begreifen der Notwendigkeit werben, er will die potentielle Dynamik einer Kunsthalle vermitteln, keinen statischen Bauplan. Er will, dass das Projekt im Gespräch bleibt und so die Stadt unter Druck setzen, sich damit zu beschäftigen. Der Verein hat unter Künstlern Spenden gesammelt, 355.000 Euro bislang, immerhin.

Odenbach glaubt, der Bau einer neuen Kunsthalle sei realistisch, die Frage sei eben nur wann. Er sagt: „Ich hoffe, dass ich´s noch erlebe.” Und lacht. Er weiß, dass es ohne das Establishment in Köln nicht gehen wird, von dem er sagt: „Die Menschen, die in Köln das Sagen haben, waren sich schon immer selbst genug.”

Wenn man mit Künstlern in Köln über die kulturelle Misere der Stadt spricht, ist nie die Rede von der Hochkultur. Es geht immer um die Basis.

Wenn man mit Verantwortlichen der Stadt über die kulturelle Misere Kölns spricht, ist fast immer von der Hochkultur die Rede. Oper, Theater, die großen Museen.

Das ist der Unterschied.

Die Dinge waren in Köln noch nie ganz einfach, darüber gibt es Lieder. Anfang der 80er Jahre hat Rainer Michalke in einer Band gespielt, die hieß No Nett. Die Band hat damals eine ziemlich politische Platte eingespielt, eine Maxi-Single, Michalke sagt, irgendwo müsste er eigentlich noch ein Exemplar davon haben. An den Titel der Platte kann er sich noch gut erinnern, er lautet: „...und Köln pennt”. Michalke sagt: „Und Köln pennt...”

Das lässt er einfach mal so stehen.