Köln: Der Kioskbesitzer und die Pinkler: „Das geht durch alle Schichten”

Köln: Der Kioskbesitzer und die Pinkler: „Das geht durch alle Schichten”

„Bitte. Hier nicht pinkeln. Danke” steht auf dem Schild, das Modjtaba Zare-Hamedani neben seinen Kiosk in einer Kölner U-Bahn-Passage in der Nähe des Kölner Doms aufgestellt hat. Er will damit verhindern, dass die Leute immer wieder in die Ecke an seiner Bude machen, die er nicht so gut im Blick hat.

Aber es ist ein aussichtsloser Kampf - und in ein paar Tagen beginnt auch noch der Straßenkarneval. Dann hat das Wildpinkeln in Köln traditionell Hochkonjunktur. Ein Gespräch über gute Sitten, Strategien und warum der Kioskbetreiber glaubt, dass sein Pinkler-Problem zeigt, wie egoistisch die Gesellschaft geworden ist.

Frage: Sie haben neben dem Kiosk ein Schild gestellt mit der Bitte, dort nicht einfach hinzupinkeln. Was war der Auslöser?

Antwort: Es kam immer wieder vor, also habe ich irgendwann etwas aufgeschrieben. Das ist mindestens zehn Jahre her. Ganz höflich, wie Sie sehen. Aber die Leute machen es trotzdem, besonders im Karneval. Das geht durch alle Schichten. Sogar Mädchen! Die ziehen das Schild nach vorne und setzen sich zwischen meine Tür und das Schild. Dabei könnten die ja auch mit mir reden. Ich helfe gern. Ich sage immer: Man muss nur reden. Aber ich habe das Gefühl, dass Ehre und Respekt verloren gehen. Es ist doch einfach egoistisch, wenn man sagt: Ich muss pinkeln, also mache ich einfach hier in die Ecke.

Frage: Wie reagieren die Leute, wenn Sie sie erwischen?

Antwort: Manchmal entschuldigen sie sich, einer hat auch mal fünf Euro gegeben für das Saubermachen. Manche sagen einfach: Ich wusste es nicht. Oder, dass es ganz dringend war, weil ihre Blase gleich explodiert. Ich bin wegen dieser Sache aber auch schon angegriffen worden. Ich habe damals die Tür aufgemacht - und da war jemand pinkeln, den ich nicht gesehen hatte. Ich traf ihn mit der Tür am Kopf, daher wurde er sauer. Wir haben uns gestritten. Als er weg war, habe mit einem Eimer Wasser und Shampoo alles sauber gemacht. Aber der Mann wartete etwas entfernt von hier auf mich. Er hatte ein Messer dabei und stach zu.

Frage: Sie sind gebürtiger Iraner, wäre so ein Pinkel-Problem dort auch denkbar?

Antwort: Im Iran ist das nie und nimmer vorstellbar. Höchstens, wenn man sich ganz, ganz aufwendig versteckt. Aber niemals in der Öffentlichkeit. Hier passiert das aber bestimmt fünf oder sechs Mal in der Woche. Und ich merke es leider manchmal nicht, obwohl ich oft sogar die Kühlschränke ausmache, damit sie nicht so laut sind und ich besser höre. Im Karneval muss ich die Tür des Kiosks auflassen, damit ich die Ecke im Blick habe. Das ist aber schlecht, weil es zieht und dann auch Mäuse oder Ratten reinkommen könnten. Und es ist riskant wegen möglicher Überfälle.

Zur Person: Modjtaba Zare-Hamedani betreibt einen kleinen Kiosk in einer U-Bahn-Passage nahe dem Kölner Dom. An der Wand hat der gebürtige Iraner dort Zeitungsausschnitte aufgehangen, die davon berichten, wie er einst für die Nationalmannschaft seines Landes als Fußball-Torhüter auflief. Über Umwege kam er nach Köln. Seit 1993 hat der 63-Jährige seinen Kiosk.

(dpa)
Mehr von Aachener Zeitung