Der Euregio-Zoo in Aachen hilft Tieren beim Überleben

Neue Chance : Der Aachener Euregio-Zoo hilft Tieren beim Überleben

„Ohne die Hilfe des Euregio-Zoos wären viele unserer Pinguine verloren“, sagt die Meeresbiologin Katta Ludyana, während sie in ihrem Kapstadter Labor mit einfachem Spülmittel einem ihrer Schützlinge schmierige Ölspuren am Gefieder wegputzt.

Das Lob für die Unterstützung aus Aachen hat großes Gewicht für den Artenschutz in Südafrika – 65.000 Euro spendeten die Besucher des Tierparks für den Erhalt der Pinguine 14.000 Kilometer entfernt.

Anlass genug, das Notquartier von SANCOBB (Southern African Foundation for the Conservation of Coastal Birds) an der Küste des Indischen Ozeans zu besuchen. Wieder einmal haben an diesem Tag die Ranger des Naturparks am Westkap etliche Problemfälle der Tiere zur Behandlung gebracht. Die Artenschutz-Organisation rettete in den 50 Jahren ihres Bestehens stolze 95.000 Seevögel.

In Freiheit leben

Doch längst geht es um mehr als das Überleben der aktuell rund 100 „Pinguin-Patienten“, deren Regeneration im SANCOBB-Center in vier therapeutischen Wasserbecken für artgerechte Haltung und Behandlung vorangetrieben wird. Operationseingriffe und kontinuierliche tiermedizinische Begleitung erfolgen mit viel Einfühlungsvermögen der 35 Mitarbeiter und hundert Freiwilligen. Für jedes einzelne Tier eine neue Chance, nach Genesung wieder in Freiheit leben zu können.

Katta Ludyana (links), Meeresbiologin im Pinguin-Zentrum in Kapstadt, kümmert sich um einen Brillenpinguin. Foto: Manfred Kutsch.

Die Gesamtheit der Population Pinguine ist vom Aussterben bedroht. Weltweit hat sich ihr Aufkommen von zuletzt 150.000 Brutpaaren auf 26.000 reduziert. Ursachen sind Zerstörung der Natur, Ölverschmutzung im Meer, industrielle Überfischung, Plünderung der Gelege durch Haus- und Wildtiere sowie aggressiver Tourismus.

Unter derart bedrohlichen Vorzeichen unterstützt der Aachener Euregio-Zoo die Pinguin-Kolonie am Boulders Beach, Heimat für 2500 Pinguine, 30 Kilometer vor den Toren von Kapstadt – eine der letzten globalen Idyllen rund um die putzigen, 60 bis 70 Zentimeter großen und 2,5 bis drei Kilo schweren Tiere mit dem schwarz-weißen Gefieder.

Ein Schild weist die Besucher darauf hin, was sie beachten müssen. Foto: Manfred Kutsch. Foto: zva/Pinguine Manfred Kutsch Graf Rudolf

Der gesamte Strandabschnitt ist von Büschen überdeckt, in denen die nicht fliegenden Seevögel Schutz finden. Ihre Nester mit den Küken haben sie entweder in den sandigen Boden gegraben oder in Kuhlen angelegt. Innerhalb des Geländes führen Holzstege auf erhöhte Positionen, von wo aus man freien Blick auf das Leben der Tiere hat, die über hohe Intelligenz, und einen ausgeprägten Orientierungs- und Spürsinn verfügen. Den Pinguinen kann der Mensch sogar inzwischen folgen. „Viele von ihnen haben wir mit Mikrochips ausgestattet, so können wir auf diese Weise ihr Verhalten, ihre Bewegungen, ihr Gewicht und Futter nachvollziehen“, berichtet Katta Ludyana.

„Doch manche der zwar scheuen, aber neugierigen Pinguine erkunden auch außerhalb des Naturparkgeländes die Gegend und geraten dabei in vielfache Gefahren“, weiß Wolfram Graf-Rudolf, Direktor des Aachener Tierparks, von dessen Unterstützung insbesondere die Ranger im Burgher´s Walk, einem abgelegenen Teil des Boulders Beach, mit ihren lebensrettenden Maßnahmen profitieren.

Hinzu kommt, dass sich bei den Vögeln jedes Jahr das gleiche Drama abspielt: Von ihren Eltern verlassene Pinguinküken droht der Hungertod. Im Oktober beginnen die erwachsenen Pinguine mit ihrem jährlichen Federwechsel. In dieser Zeit ist ihr Gefieder nicht mehr wasserdicht und sie können im Meer keine Fischer fangen. Die Konsequenz: Die Küken, die spät in der Saison schlüpfen, bekommen keine Nahrung mehr von ihren Eltern und verhungern – manche von ihnen haben das Glück, von den Rangern des Boulders Beach zu SANCOBB gebracht zu werden.

Botschafter der Hilfskampagne ist das Pinguin-Logo des Euregio-Zoos, jenes putzige Stofftier „Boldi“, das zugunsten seiner realen Kollegen am Boulders Beach in Aachen für zehn Euro verkauft wird. Die Verwendung der Spenden des Tierparks ist knapp 14.000 Kilometer entfernt vor Ort extrem notwendig: Immer wieder bedarf es neuer Umzäunungen und Aufforstungen zum Erhalt des Artbestandes, der freilich auch dort seit 14 Jahren um 1400 Pinguine schrumpfte.

Hier leben die Pinguine geschützt: am Boulders Beach in Kapstadt. Foto: Manfred Kutsch.

Derweil zeugen die aufgegriffenen Tiere im Zentrum von der Vielzahl der Bedrohungen der Tiere. Kürzlich wurde ein bereits extrem geschwächter Brillenpinguin gefunden, dessen schwarzer Schnabel vom metallenen Ring eines Kaffeedosen-Verschlusses eingeklemmt war. „Viele unserer Schützlinge wurden verletzt, auch durch Robbenbisse, Attacken durch Hunde oder einen gefährlichen Brutplatz“, berichtet die Wissenschaftlerin. Andere Tiere seien unterernährt. Denn immer mehr natürliche Lebensgrundlagen gehen den Pinguinen verloren.

„Doch die Regierung puscht das Seegeschäft und baut immer wieder an sehr sensiblen Küstenstellen Häfen aus“, sagt Katta Ludyana. Sie weiß um den Druck, den die Fisch-Lobby ausübt. „Wenn die keine entsprechende Fangquote bekommt, dann drohen die Fabriken schnell mit dem Verlust tausender Arbeitsplätze“, so die Aktivistin. Und dennoch ist sie in einem Punkt optimistisch.

„Eine Studie hat die Bedeutung der Pinguine für die Wirtschaftskraft von Simon’s Town erfasst –  in punkto Tourismus, Anzahl der Busfahrten und Filmanfragen von vielen globalen Produzenten und Sendern“, berichtet sie und hofft: „Man kann auch zum Ergebnis kommen, dass sich der Erhalt der Seevögel der Region nachhaltiger auswirken wird als das Fischgeschäft, das sich in spätestens zehn Jahren selbst in den Ruin getrieben haben wird.“

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