Aachen: Der Bischofsstuhl ist frei: Und was jetzt?

Aachen : Der Bischofsstuhl ist frei: Und was jetzt?

Das Domkapitel handelt schnell. So hat es sich Manfred von Holtum gewünscht. Es ist noch nicht 24 Stunden her, dass Bischof Heinrich Mussinghoff den Dompropst informiert hat, der Papst habe seinen Amtsverzicht angenommen, da haben die Domkapitulare ihre Entscheidung bereits gefällt.

Weihbischof Karl Borsch wird Diözesanadministrator und das Bistum so lange leiten, bis ein neuer Bischof ernannt ist. Und das kann ziemlich lange dauern.

Er geht: Heinrich Mussinghoff ist jetzt Bischof emeritus von Aachen.

Wie wird man Diözesanadministrator?

Er wird vom Dompropst und den sechs residierenden Domkapitularen — die beiden Weihbischöfe Karl Borsch und Johannes Bündgens sowie Rolf-Peter Cremer, Heinz-Albert Schmitz, Hans-Günther Vienken und Generalvikar Andreas Frick — gewählt. Der Diözesanadministrator muss mindestens 35 Jahre alt und ein Priester sein, „der sich durch Wissen und Klugheit auszeichnet“, wie es im betreffenden Canon des Kirchenrechts heißt. In seiner Wahl ist das Domkapitel ansonsten völlig frei; der Gewählte ist, wenn er die Wahl angenommen hat, unmittelbar im Amt und muss von niemandem bestätigt und kann von niemandem abgelehnt werden.

Welche Rechte hat der Diözesanadministrator?

Er verwaltet zwar das Bistum, hat aber nicht alle Rechte eines Bischofs. Er darf keine grundsätzlichen Entscheidungen treffen, zumal nicht solche, die den künftigen Bischof in irgendeiner Form einschränken könnten. Pfarrer, die er gegebenenfalls ernennt, bedürfen später der Bestätigung durch den neuen Bischof.

Wie kommt das Bistum zu seinem neuen Bischof?

Das ist ein vielschichtiger, etwas komplizierter, häufig heikler und nicht sehr transparenter Prozess. In den offiziellen Hauptrollen spielen mit: das Aachener Domkapitel, der Apostolische Nuntius Erzbischof Nikola Eterovi (vatikanischer Botschafter in Berlin), die Diözesanbischöfe der Kirchenprovinz Köln (in diesem Fall natürlich mit Ausnahme Aachens, also Köln, Essen, Limburg, Münster, Trier), die vatikanische Bischofskongregation und — selbstverständlich — der Papst. Kaum einzuschätzen ist, wer in inoffiziellen Hauptrollen mitspielt oder aus einer — womöglich selbstergriffenen — Nebenrolle heraus Einfluss nimmt.

Welche Aufgabe hat das Aachener Domkapitel?

Die sieben residierenden (siehe oben) und vier nichtresidierenden Domkapitulare (Hans-Joachim Hellwig, Franz Josef Radler, Alexander Schweikert, Markus Bruns) überlegen, wer Bischof werden sollte, und wählen Kandidaten mit absoluter Mehrheit. Üblicherweise erstellen sie eine Dreierliste. Sie können aber auch zwei oder fünf Vorschläge machen. „Je mehr man vorschlägt, umso weniger pointiert ist die Liste“, sagt Dompropst von Holtum. Das Domkapitel wird eine Namensliste erstellen, die der Nuntius in Berlin erhält, der sie an den Vatikan weiterleitet. Nach Aussage des Dompropstes will das Domkapitel aber nicht nur diese Liste einreichen, sondern auch einen kurzen, prägnanten Bericht zur Lage des Bistums, in dem inhaltliche Schwerpunkte genannt werden sowie die Herausforderungen, die auf den künftigen Bischof zukommen. Von Holtum ist dieser Lagebericht nicht weniger wichtig als die eigentlichen Personalvorschläge.

Wie geht das Domkapitel vor?

Die Domkapitulare beraten sich nicht nur untereinander, sondern bitten auch einzelne Mitglieder der diözesanen Gremien (Priesterrat, Pastoralrat, Katholikenrat, Kirchensteuerrat und der Caritasrat), Herausforderungen und womöglich auch geeignete Kandidaten zu nennen. Das alles läuft streng vertraulich ab. So ist das Domkapitel auch schon während der letzten Vakanzen 1975 und 1994 vorgegangen. Von Holtum schließt nicht aus, dass das Domkapitel einzelne Vertreter des öffentlichen Lebens nach ihrer Meinung fragt.

Hat es Sinn, über Kandidaten und deren Chancen auf das Bischofsamt zu spekulieren?

Das wird überall im Bistum längst getan, denn solche Spekulationen sind immer — und auch in der katholischen Kirche — beliebter Zeitvertreib, führen jedoch kaum zu relevanten Einsichten. Wer demnächst neuer Bischof von Aachen wird, hängt von zu vielen — auch aus Aachen gar nicht zu beeinflussenden — Faktoren ab.

Welche Faktoren sind das?

Die Bischöfe der Kölner Kirchenprovinz nennen dem Nuntius ihrerseits — und zwar regelmäßig in bestimmten Abständen — Persönlichkeiten, die sie als geeignet für ein Bischofsamt betrachten. Niemand weiß, wie stark sich einflussreiche Kirchenvertreter oder auch katholische Laien direkt in die Kandidatenauswahl einmischen und unmittelbar an die Bischofskongregation wenden.

Welche Rolle spielt der Nuntius?

Eine maßgebliche — in diesem Stadium des Verfahrens vielleicht sogar die wichtigste. Bei ihm laufen nicht nur alle Fäden zusammen, sondern er greift auch selbst in die Suche ein. Der Vatikanbotschafter informiert sich vertraulich über aus seiner Sicht geeignete Kandidaten, spricht mit einzelnen Bischöfen über personelle Alternativen und recherchiert im Umfeld von Genannten. Aufgrund dessen macht der Nuntius in der Regel eigene Vorschläge, die ebenfalls nach Rom geschickt werden. Die Liste des Domkapitels darf er nicht verändern, sondern muss sie, wie er sie erhalten hat, in den Vatikan weiterleiten. Er kann sie ergänzen, womöglich kommentieren, wobei seine eigenen Vorschläge durchaus schon eine Art Kommentar sind. Andererseits kann er geeignete Priester aus anderen Bistümern benennen, die das Domkapitel womöglich gar nicht im Blick hat.

Es heißt immer: Der Papst entscheidet. Aber entscheidet er wirklich jede Bischofsernennung selbst?

Das ist nicht anzunehmen, schließlich gibt es weltweit rund 2000 Bistümer. Er muss sich also auf die Vatikanische Kongregation für die Bischöfe verlassen, die über die Empfehlungen aus Deutschland und die Ernennungen berät. Sie ist im Vatikan das maßgebliche Gremium, wenn auch der Papst offiziell entscheidet. Sie erstellt eine eigene Liste mit bereits genannten oder neuen Namen, die sie dem Papst vorlegt. Der Papst kann diese Liste seinerseits akzeptieren, verändern oder eine vollständig neue Dreierliste festlegen, die dann über den Nuntius wieder an das Aachener Domkapitel gelangt. Zumindest über die Oberhirten großer Bistümer hat Franziskus in jüngster Zeit selbst beraten.

Was wird das Domkapitel tun, wenn es nach der Entscheidung des Papstes die vatikanische Dreierliste erhält?

Es wählt aus den dort Genannten den neuen Diözesanbischof. Gewählt ist der Kandidat, der im ersten oder zweiten Wahlgang die absolute Mehrheit der Stimmen erhalten hat. In einem eventuell notwendigen dritten Wahlgang reicht die einfache Mehrheit. Ist ein Kandidat gewählt, muss nach den Bestimmungen des nach wie vor geltenden Preußenkonkordats die Landesregierung gefragt werden, ob politische Bedenken gegen den Gewählten bestehen. Sobald die Landesregierung eine „Nihil-obstat-Erklärung“ („Es steht nichts entgegen“) abgibt, informiert das Domkapitel den Vatikan von seiner Wahl. Die Ernennung des Gewählten ist dem Papst vorbehalten.

Wie lange wird der Aachener Bischofsstuhl frei bleiben?

Üblicherweise wird damit gerechnet, dass fast ein Jahr vergeht, bis ein neuer Bischof ernannt wird. In Köln ging es zuletzt bis zur Ernennung von Rainer Maria Woelki schneller, in Erfurt mussten die Katholiken zwei Jahre warten.

Was ist nun im Findungsprozess für Aachen zu erwarten?

Gerade in der derzeitigen franziskanischen Umbruchphase wird erwartet, dass der Papst generell darauf achtet, bei wem seine Maßgaben am besten aufgehoben sind. Ob er dabei auch Aachen im Blick hat, dürfte allerdings zweifelhaft sein. So oder so hat der Papst wiederholt und zum Teil mit deutlichen Worten Kritik an der Kurie im Vatikan geübt, die die von ihm gewünschten Reformen mehrheitlich skeptisch betrachtet oder gar ablehnt. Er hat es ziemlich schwer, seine vatikanischen Behörden in den Griff zu bekommen. Insofern fällt die Aachener Vakanz mitten hinein in eine Phase heftiger innervatikanischer Irritationen und Kontroversen.

Welche Chance haben die Aachener Vorschläge dann überhaupt?

Das ist die relevante Frage, auf die es nicht die klare Antwort gibt, die man sich in Aachen wünscht. Wer in welchem Maße im Vatikan Einfluss auf die dort zu erstellende entscheidende Dreierliste nimmt, darüber lässt sich lange spekulieren — mehr nicht. Lagebericht und Dreierliste aus Aachen binden den Papst in gar keiner Weise. Man wird in Rom die Wünsche des hiesigen Domkapitels würdigen, aber die Vorschläge des Nuntius dürften keine geringere Rolle spielen — eher im Gegenteil. Denn der Vatikan hätte Eterovi nicht als Papst-Boschafter in eines der maßgeblichen katholischen Länder geschickt, wenn sein Votum kein Gewicht hätte. Und dann gibt es die eine oder andere Stimme aus dem deutschen Episkopat und der römischen Kurie . . .

Wie bedeutsam sind diese Einflüsse?

Das ist derzeit unter Papst Franziskus nicht genau einzuschätzen. Unter seinen beiden unmittelbaren Amtsvorgängern hatte der Kölner Kardinal Joachim Meisner erheblichen Einfluss auf Bischofsernennungen in Deutschland, weil er sich direkt an den Papst wenden konnte. Das ist sicher nicht der Normalfall.

Ist der Einfluss des Aachener Domkapitels demnach doch ziemlich eingeschränkt?

Schwer zu sagen. „Bischofsernennungen sind oft ein mieser Prozess“, sagt ein Vatikan-Experte, der sie seit vielen Jahren in Rom verfolgt, unserer Zeitung. Als 2014 Stephan Burger zum neuen Bischof von Freiburg ernannt wurde, schrieb Daniel Deckers, Kenner vatikanischer Verhältnisse, in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: „Alle schönen Worte des Papstes haben nichts daran geändert, dass seine Mitarbeiter im Vatikan und in der Nuntiatur in Berlin zusammen mit einflussreichen Bischöfen in Deutschland festlegen, wer hierzulande Bischof werden darf und wer nicht.“

Wie ist also der Stand der Dinge?

Unübersichtlich. Das Domkapitel will seine Aufgaben jedenfalls zügig erledigen; auf alles Weitere haben die Aachener kaum Einfluss. Die Katholiken im Bistum brauchen jetzt Geduld und können sich auch etwas Gelassenheit leisten. Denn sie müssen sich demnächst nicht nur mit dem neuen Bischof arrangieren, sondern der muss auch mit ihnen zurechtkommen.

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