Region: Der Archimedische Sandkasten erhält eigene Dombauhütte

Region : Der Archimedische Sandkasten erhält eigene Dombauhütte

Diesmal dürfen Kinder und Jugendliche unmittelbar bei Kaiser Karl um die Ecke werkeln, erfinden, bohren und bauen. „Das macht Sinn“, betont Christian Kayser (32) von der Bleiberger Fabrik in Aachen, der mit weiteren künstlerischen und pädagogischen Kollegen sowie versierten Handwerkern das Projekt „Dombauhütte“ des Future Lab Aachen betreut.

„Schließlich hat Karl der Große die Wissenschaften gefördert und viele kluge Leute in seine Pfalz geholt“, sagt Kayser.

Der Sommer ist da, die Ferien haben begonnen — Zeit für den Archimedischen Sandkasten auf dem Aachener Katschhof. Zwischen Dom und Rathaus wird es vom 28. Juli bis 19. August zum dritten Mal zwei besondere Orte geben: den Archimedischen Sandkasten in der Rathaus-Hälfte des Platzes und in Domnähe, angelehnt an den Pausenhof der Domsingschule, eine spannende Dombauhütte für jugendliche Baumeister und ihre Betreuer.

„40 Jahre Weltkulturerbe Aachener Dom — das ist ein großes Ereignis und deshalb unser Motto“, versichert Jutta Göricke, Organisatorin und stellvertretende Leiterin des Marketings der Stadt Aachen.

140 Tonnen Spielsand

Möglich wird das Vorhaben, das in seinem Namen an den griechischen Gelehrten und Wissenschafts-Urvater Archimedes erinnert, im Rahmen der Ferienspiele. Es ist ein Projekt der Initiative „Future Lab“, bei der die Stadt und ihre vier Hochschulen kooperieren. „Und ohne die Mitarbeiter unseres Stadtbetriebs sowie den Fachbereich Kinder, Jugend und Schule wäre das alles nicht möglich“, betont Jutta Göricke.

140 Tonnen Spielsand werden auf einen rund 320 Quadratmeter großen Sandkasten verteilt, der von der Schreinerei des Betriebshofes aus 160 Festmetern Fichtenbalken gezimmert und von 200 Schrauben zusammengehalten wird. Während der Ferienaktion wird der Sandkasten morgens regelmäßig gesäubert und auch tagsüber durch Mitarbeiter betreut. Schaufeln und Spielbagger kann man sich ausleihen, es gibt sogar Liegestühle.

„Die Sachen werden abends eingesammelt, aber der Sandkasten bleibt zugänglich“, verspricht die Organisatorin, die staunt, was man morgens manchmal für Kunstwerke entdeckt. „Einmal haben Besucher einen kompletten Dom aus Sand nachgebaut“, erzählt sie. „Mütter und Väter mit kleinen Kindern kommen oft schon ganz früh, aber es sind auch ältere Menschen mit Begeisterung dabei und gehen barfuß durch den Sand.“

Den Bogen von mittelalterlicher Baukunst zu High Tech der Gegenwart schlägt diesmal die Archimedische Werkstatt als Dombauhütte. Mystischer Ort, Zentrum der Spiritualität, Architekturwunder — das alles vereint das Oktogon des Doms auf sich. Jugendliche im Alter von zehn bis 14 Jahren können sich unter Anleitung von Pädagogen der Bleiberger Fabrik zum gemeinschaftlichen Bauen und fantasievollen Entwerfen anmelden. Ein achteckiges Objekt, Durchmesser etwa zehn Meter, aus acht Meter hohen Holzlatten, finanziert vom Round Table Aachen, wird die Grundlage zu Eigenkonstruktionen der Teilnehmer bilden.

3000 Dachlatten aus Fichtenholz, die jeweils eine Länge von drei Metern haben, können verbaut werden. Die gleiche Anzahl von 30-Zentimeter-Latten liegt bereit, um damit in den Gruppen (maximal 30 Teilnehmer) Modelle zu bauen und Entwürfe auszuprobieren. Und um den Bezug zum Aachener Dom zu behalten, dürfen die Akteure sogar zusammen mit Dombaumeister Helmut Maintz zum Dachstuhl der Chorhalle mit seinem „Wald“ aus Dachbalken und Verstrebungen hinaufklettern.

„Wir sorgen dafür, dass sich die Kinder zwischendurch bewegen, etwas spielen oder interessante Unternehmungen haben“, sagt Christian Kayser. „Es gibt sogar eine Stadtrallye.“ Der Dozent der Bleiberger Fabrik hat Produktdesign studiert und arbeitet gern mit Kindern — alles, was mit Fantasie geschieht, fasziniert ihn.

Die Aktion im Schatten des Doms und mit dem Grundgedanken des Oktogons ist für Kayser eine besondere Herausforderung. „Ich begleite die Jugendlichen, aber sie sollen völlig frei in ihren Ideen bleiben.“ Ziel sei es, beim Achteck konkret und ohne Berührungsangst anzubauen, sich inspirieren zu lassen, das Objekt zur Skulptur zu machen. „Es wird wie eine Koralle auf den Archimedischen Sandkasten zuwachsen“, schlägt Kayser vor.

Das Spiel mit geometrischen Formen kann sich vielfältig entwickeln, alles ist möglich. Was später vielleicht aus Holz wächst, wird zuvor an Modellen ausprobiert. „Da setzt der kreative Prozess ein“, erklärt Kayser. „Als Begleiter liefern wir lediglich Fachkompetenz.“ Sie wollen die Lust der Jugendlichen wecken, nichts blockieren und dennoch Impulse geben, damit alle den Mut haben, ihre Fantasie auszuleben.

Den anderen helfen

„Es ist schon toll, wenn man eine Bohrmaschine in die Hand nehmen kann und mit anderen etwas konstruiert“, spricht die 13-jährige Luciana Brötz aus Erfahrung. Sie hat die erste und zweite Archimedische Werkstatt mitgemacht und freut sich nun auf die dritte Ausgabe. Die Schülerin des Einhard-Gymnasiums trifft sich dort mit Freundinnen, hat aber auch Spaß daran, andere Jugendliche kennenzulernen.

„Wenn man am Anfang nicht richtig weiß, was man tun soll, hilft man einfach bei anderen, die schon etwas bauen“, sagt sie. Locker gehe es zu beim Erfinden und Schaffen. „Es gibt kein Richtig oder Falsch, das ist schön, das unterscheidet so ein Projekt von der Schule“, betont sie.

In Waldkursen hat sie schon früher Pfeil und Bogen gebaut, findet es gut zu basteln. „Es macht Spaß, in den Ferien etwas zu unternehmen, und man ist da ja nicht den ganzen Tag.“ Kleidung? „Auf jeden Fall alte Sachen“, seufzt sie. „Beim letzten Mal waren Acrylfarben mit im Spiel, und die kann man nicht mehr rauswaschen.“

Zimperlich dürfen die Teilnehmer nicht sein. „Wir hatten zwar Handschuhe, aber bei Holz kann man leicht mal einen Splitter in die Hand bekommen“, meint die Schülerin, die nach der praktischen Aktion zudem an einem Fotokurs „Aachen als Stadt“ rund um Werkstatt und Sandkasten teilnimmt. „Da bekomme ich bestimmt prima Tipps“, hofft sie.

Und so ist es auch gedacht: „Natürlich helfen wir weiter, aber sehr behutsam“, verspricht Kayser. Da geht es nicht nur um originelle Strukturen, sondern konkret um Stabilität, um die richtige Basis für aufstrebende Formen. Sogar Gerüste sind geplant, immerhin gilt es, einige Höhenmeter zu überwinden. Farben werden gleichfalls in diesem Jahr eine Rolle spielen — die Korallenelemente dürfen blau, rot und gelb strahlen, sich entfalten.

„Das sind dann noch mal ganz neue Eindrücke“, versichert Kayser. Insgesamt kümmern sich neun Pädagogen um jeweils 30 Kinder — eine gute Möglichkeit, um individuell zu begleiten und die Teambildung zu fördern. „Einer hält fest, einer bohrt, einer schraubt, es funktioniert nur im Team“, meint Kayser. „Bei drei Meter langen Dachlatten muss man das gemeinsam tun.“

Was vermieden wird, sind konventionelle und längst bekannte Formen, das „Haus vom Nikolaus“ etwa, das man ohne abzusetzen aus Strichen zeichnen kann. Organische, unerwartete Strukturen stehen im Vordergrund.

Wenn die Dombauhütte ihre Pforten schließt und die städtischen Lkw den Sand wieder abtransportieren, wird mit ihm das Oktogon-Objekt weichen. In einer letzten Aktion schrauben die Handwerker dann die hölzernen Fantasien wieder ab. Der achteckige Kernbau bleibt bestehen und soll danach den Schülern des Kaiser-Karls-Gymnasiums Aachen als Mittelpunkt spezieller Acht-Eck-Forschungen und -Betrachtungen dienen.